Gastkommentar

Superman trägt Zlatan-Schlafanzug

Zlatan Ibrahimovic ist zurück in Europa. Dem selbsternannten Fussballgott «fliegen die Herzen oder die faulen Tomaten zu», schreibt Steffi Buchli in ihrer Kolumne.  

Steffi Buchli
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Zlatan Ibrahimovic ist zurück bei AC Milan.

Zlatan Ibrahimovic ist zurück bei AC Milan.

Bild: Matteo Bazzi/EPA (Mailand, 6. Januar 2020)
Steffi Buchli ist MySports-Programmleiterin. Sie war bei Olympia, WM und EM und meint deshalb manchmal, sie habe sportlich alles gesehen. Sie schreibt im Wechsel mit Florence Schelling, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über die aufregendsten Sportthemen.

Steffi Buchli ist MySports-Programmleiterin. Sie war bei Olympia, WM und EM und meint deshalb manchmal, sie habe sportlich alles gesehen. Sie schreibt im Wechsel mit Florence Schelling, Sarah Akanji und Céline Feller jeden Samstag über die aufregendsten Sportthemen.

Er ist zurück auf dem Kontinent. Zlatan Ibrahimovic. Der 38-jährige Schwede hat bei der kriselnden AC Milan einen Vertrag bis Ende Saison unterschrieben. Seine besten Tage mögen vorbei sein, für Unterhaltung wird er aber weiterhin sorgen. Wenn nicht mit Toren, dann immerhin mit frechen Sprüchen.

Zuletzt hat Zlatan die Major League Soccer mit seiner Anwesenheit beglückt. So würde er es beschreiben. Er, der selbsterklärte Fussballgott, bei LA Galaxy in den USA, im fussballerischen Niemandsland. In Los Angeles wird das Wort «Galaxy» mit Star Wars in Verbindung gebracht und sicher nicht mit Fussball. Ohnehin ist Fussball dort bloss der kleine, «verschupfte» Stiefbruder von Football. Und doch: Mit seinem Sinn für Drama und für den grossen Auftritt passte Zlatan wunderbar nach Hollywood.

Bevor er sich in LA überhaupt zum ersten Mal die Fussballschuhe band, kaufte er sich in der «LA Times» eine Inserateseite. Die Seite war weiss und leer, bis auf die simplen, förmlichen Zeilen: «Dear Los Angeles. You’re welcome. Zlatan Ibrahimovic.» (Liebes Los Angeles. Ist gern geschehen. Zlatan Ibrahimovic.) Wenn ich ihn nicht schon vorher geliebt hätte, spätestens nach dieser Aktion hätte ich ihn für immer ins Herz geschlossen. Für seine Feinde war das Inserat ein weiterer Grund, ihn zu hassen. Für mich war es ein Zeichen unglaublicher Selbstironie, von Witz und Schalk und – ja, natürlich – auch von einer gehörigen Portion Narzissmus.

Aber wo stünden wir denn im Weltsport ohne solche Figuren? Was wäre die Sportwelt ohne Arno Del Curto, Hope Solo, Xeno Müller, Stefan Effenberg, Todd Elik, Mike Tyson? Meiner Meinung nach würde die grosse Langeweile herrschen, die Sportberichterstattung wäre farblos, und die Vermarktung von Sportarten und Ligen wäre bedeutend schwieriger. Diese kontroversen Figuren sind die lauten und unflätigen Rockstars ihres Genres. Ihnen fliegen die Herzen oder die faulen Tomaten zu. Sie generieren die grossen Emotionen.

Ich weiss: Hierzulande sind Chorknaben mehrheitsfähiger als Rockstars. Man mag die bodenständigen, die «ordligen», die netten, die bescheidenen. Klar, als Nachbar hätte ich auch lieber Pete Sampras als André Agassi. Ersterer trampelt mir sicher nicht das Blumenbeet flach oder läuft spät abends grölend durchs Quartier. Aber welches Biopic würde ich mir eher anschauen? Welche Biografie würde ich eher lesen? Natürlich die von Agassi. Der Geplagte, der Exzessive, der Nonkonformist, der dazu steht, dass er ein Toupet getragen hat. Ich will Unterhaltung und Drama. Das Sportbusiness ist Showbusiness.

Wenn die Hockeyspieler uns ins Mikrofon diktieren, dass es nicht um erzielte Skorerpunkte gehe, sondern darum, dem Team zu helfen, dann weiss ich, warum sie das sagen. Weil Bescheidenheit eine Tugend ist.

Aber seien wir mal ehrlich: Würde je ein Hahn nach Zlatan Ibrahimovic krähen, wenn er sagen würde, dass er seine Tore nur dank der tollen Vorlagen seiner Mitspieler erzielen würde? Er erhitzt die Gemüter, weil er ein Held und Hauptdarsteller der tollsten Geschichte der Welt, der Sportgeschichte, ist. Held wirst du nicht, wenn du nicht gut bist. Zlatan war phasenweise so stark, dass Schweden aus seinem Namen ein Verb kreiert hat: «Zlatanieren» steht im schwedischen Nationalwörterbuch und wird mit «stark dominieren» übersetzt.

Zurück zu seinem jüngsten Transfer. In der Serie A zlataniert Zlatan vielleicht nicht mehr so richtig . Aber in seinen Augen wird er immer der Beste sein. Einige Leute tragen Superman-Schlafanzüge. Aber Superman selbst, der trägt einen Zlatan-Schlafanzug.

Kolumne

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Sarah Akanji, Florence Schelling, Steffi Buchli, Céline Feller