Tatort-Kolumne
Die neue Folge aus Ludwigshafen wird von Ursula Werner als Tante der Kommissarin gerettet

Wie sehr darf ein Tatort Realität und Fiktion vermischen? Diese Frage wird auch in der aktuellen Episode aus Ludwigshafen wieder relevant.

Julia Stephan
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«Tatort Ludwigshafen – Lenas Tante». So, 20.05. SRF 1.

«Tatort Ludwigshafen – Lenas Tante». So, 20.05. SRF 1.

Das Erste

Ein irrtümlich für tot erklärter Altenheimbewohner wird im neuen «Tatort» aus Ludwigshafen bei lebendigem Leib kremiert. In diesem sehr deutschen Krimi ist das nicht die einzige symbolisch aufgeladene Szene, die auf die mit Schuld beladene deutsche Vergangenheit verweist.

Doch das alles fällt einem erst mal gar nicht auf. Beinahe wirkt es so, als nehme dieser «Tatort» in den ersten Minuten den Weg einer harmlosen Vorabendserie: Es menschelt, als Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihre Tante Lena, eine rüstige ehemalige Staatsanwältin (Ursula Werner), am Bahnhof in die Arme schliesst.

Die Charismatikerin, die mit hohem Gerechtigkeitsgefühl in der Nachkriegszeit Nazischergen verfolgte und das Recht dabei nicht immer auf ihrer Seite hatte, mischt sich ungefragt in die Ermittlungen von Odenthal und ihrer Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) ein. So fügen sich private Tischgespräche, das Verbrechen im Altersheim und die grossen Bögen der deutschen Geschichte wie durch ein Wunder zu einem Gesamtbild.

Eine bewährte «Tatort»-Technik, die sich in den letzten Jahren doch etwas arg abgenutzt hat. Regisseur Tom Lass, der für die Jugend auf Instagram die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl wiederauferstehen liess und damit eine Debatte darüber auslöste, wie sehr man Fakten und Fiktion vermischen dürfe, droht auch hier in die Nazikitschfalle zu geraten. Wäre die grossartige Ursula Werner nicht, die als Tante Lena mit ihrem fesselnden Spiel die Zuschauerinnen und Zuschauer bei der Stange hält, hätte man diesen «Tatort» bald vergessen.

«Tatort Ludwigshafen – Lenas Tante». So, 20.05. SRF 1.
Wir geben drei von fünf Sternen.