Kolumne: Schnee von gestern

Traute Zweisamkeit mit viel Kraut und Rüben

Neues Jahr, alte Sorgen. Die uns auferlegten Einschränkungen aller Art setzen einem auf Dauer schon zu. Entsprechend häufen sich nun Meldungen über negative psychische Auswirkungen.

Hans Graber
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Hans Graber

Hans Graber

Ich habe die Dargebotene Hand noch nicht kontaktiert und brauche auch keinen Psychiater, jedenfalls nicht dringender als früher schon. Aber wieder mehr soziale Kontakte und damit verbunden Wirtshausbesuche oder andere kleine Exkursionen dürften es schon sein. Man ist jetzt doch weitgehend auf sich selbst zurückgeworfen, und das vertiefte Nachdenken über mich bekommt mir nicht so toll. Zumindest ist dadurch ein bisschen mein Verständnis für jene gewachsen, die in der Vergangenheit eher wenig oder nichts mir zu tun haben wollten. Aber das macht die Sache eben auch nicht besser.

Glücklich darf sich schätzen, wer wie ich nicht völlig alleine, sondern in trauter Zweisamkeit lebt, auch wenn dieses Traute jetzt manchmal etwas überstrapaziert wird. Nein nein, wir zanken uns nicht häufiger oder heftiger, aber da und dort setzt es mehr als üblich zähere Vernehmlassungen ab, weil man sich halt noch näher ist und die eingeschliffenen Revierabgrenzungen aufgeweicht sind. In Ermangelung anderer Beschäftigungen habe ich zum Beispiel Anflüge, mich vermehrt im Haushalt nützlich zu machen. Aber das müsste dann nach meinen Vorstellungen geschehen.

Da ich finde, dass ein moderner Haushalt ohne Sous-vide-Garer und kabellosen Akkustaubsauger praktisch nicht geführt werden kann, schlage ich ganz enthusiastisch die Anschaffung solcher und weiterer Geräte (Saftpresse…) vor. Wir brauchen ja jetzt sonst kaum Geld.

Meine Frau zeigt sich aber recht reserviert, angeblich primär aus Platzgründen, möglicherweise auch, weil sie vermutet, meine sogenannte Unterstützung beschränke sich wieder mal auf die Aufrüstung des Maschinenparks. Das Garen und Pressen und Saugen hingegen sei dann wieder ihr überlassen. Fazit: Bis jetzt, Stand Freitag, wurde trotz schöner Sonderangebote mit «Knallerrabatten» nichts gekauft. Meine Hilfe wird quasi verschmäht.

Auch andere Differenzen flammen wieder vermehrt auf. Da die liebe Gattin kein Zmorge nimmt, hat sie jeweils gegen Mittag grösseren Hunger. Also steht dann auf dem Tisch erst einmal eine riesige Salatschüssel. Sie würde für eine Grossfamilie reichen, ist aber für zwei Personen gedacht. Oder besser: für gut eine.

Ich bin kein strenger Rohkostverächter, neige andererseits dazu, jenem Professor Glauben zu schenken, der mal gesagt hat, dass unter anderem dieser charakterlose Eisbergsalat etwa gleich viele Nährstoffe enthalte wie ein Stück Karton. Sicher, ein wenig Salat soll und darf’s schon sein. Ein wenig! Der Berg auf unserem Tisch jedoch erdrückt mich, macht mich kopfsalatscheu. Überhaupt bin ich seit jeher der Ansicht, dass Salat eigentlich keine Vorspeise sein sollte, sondern mehr Begleiter oder fast schon Nachgang. Wenn er nicht gleich zu Beginn und nicht geballt aufgetragen würde, käme mir das entgegen.

Aber solche Anregungen, verbunden mit Thesen wie «kalter Salat erschreckt die Darmbakterien» verhallen ungehört. Das heisst, sie werden schon gehört, gefolgt von längeren Grundsatzdiskussionen über den richtigen Zeitpunkt für den Salat. Konsens? Nicht in Sicht.

Soll ich mir ohne Federlesens einen elektrischen Gemüseschneider zutun? Wenn ich das Zeug spielend hobeln und scheibeln und raffeln könnte, fände ich vielleicht auch mehr Gefallen an XXL-Portionen. Stimmt, das würde die Sache mit dem richtigen Zeitpunkt nicht lösen. Aber übers Ganze gesehen könnte ich mich allenfalls damit trösten, dass wir aktuell ja ohnehin irgendwie pausenlos den Salat haben.