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Kolumne

Unübersehbare Überraschungen

Wie London eine brachliegende Gegend im Zentrum über Jahre massiv aufgewertet hat.
Gabriel Felder
Gabriel Felder, freier Journalist in London

Gabriel Felder, freier Journalist in London

Während mehr als vier Jahrzehnten hegte London ein überraschendes Geheimnis: Die Stadt hatte eine Leerstelle. Gleich hinter dem Bahnhof King’s Cross wucherten Wildblumen und träumten leer stehende Lagerhallen aus der industriellen Revolution vor sich hin. Vom Oberdeck eines Busses liess sich der Mix aus urbanem Zerfall und ungezähmter Natur mitverfolgen. Dass es in einer der grössten Städte der Welt ein Stück Zentrum gab, das Niemandsland war, hatte etwas seltsam Faszinierendes. Wie kam es dazu? Das Gelände mit seinen fast 300 000 Quadratmetern an bester Lage liess sich ja nicht so einfach übersehen.

King’s Cross diente in der viktorianischen Ära als Korn- und Kohlenkammer Londons. Auch Bierfässer und Textilrollen wurden hier von den Maschinenhäusern im Norden Englands eingefahren und für den Verkauf in der Hauptstadt zwischengelagert. Als die Kohlen- und Textilindustrien nach den Weltkriegen mehr und mehr an Bedeutung verloren, lagen auch die Schienenstränge und Depots von King’s Cross zunehmend brach. In der Nachkriegszeit fehlten die Mittel, um den Stadtbezirk neu zu beleben. Ausserdem herrschte bei den Baubehörden eine «Alt lässt uns kalt»-Einstellung: Die Architektur des 19. Jahrhunderts galt als überholt. Die unmittelbare Nachbarschaft des Bahnterminus glitt zudem ins Rotlicht ab, mit Sexläden, Strassenstrich und rauen Beizen. King’s Cross war out.

1996 drehte sich der Wind radikal: Der Endbahnhof der Eurostar-Linie und damit der Verbindung zwischen London und dem Kontinent wurde in den Bahnhof von Saint Pancras verlegt – nur ein Steinwurf von King’s Cross entfernt. Auf einen Schlag wurde das ungeliebte Gelände hinter den Gleisen zum erstklassigen Immobilienpflaster. Der Rest ist Geschichte: Ein Konglomerat von Architekten wurde beauftragt, einen neuen Stadtteil zu kreieren. Das kulturelle Erbe von King’s Cross genoss einen hohen Stellenwert in der Planung: Die noch intakten viktorianischen Gebäude wurden bewusst mit einbezogen und liebevoll restauriert, sodass sich heute eine spannende Mischung aus ultramodernen Wohn- und Geschäftsblöcken und nostalgisch anmutenden Backsteinbauten präsentiert. Ausserdem wurden 20 neue Strassen, halb so viele neue Pärke und fast 2000 neue Wohnungen geschaffen. Bei der letzten Zählung erreichte der neue Londoner Stadtteil die Einwohnerzahl von Neuenburg oder Chur: Über 30 000.

Trendige Läden, Cafés und Restaurants sowie die weltberühmte Modefachschule Central Saint Martins – alle wollen sich heute ein Stück King’s Cross abschneiden. Die Webgiganten Facebook und Google stehen da natürlich nicht hintan und nisten sich mit ihren europäischen Stützpunkten ein. Kurz: King’s Cross ist ganz schön in.

Mein persönlicher King’s- Cross-Favorit hat eine alemannische Note: Das «German Gymnasium» befindet sich seit 1865 am Hinterausgang der Bahnstation. Von deutschen Einwanderern geplant und errichtet, diente es ursprünglich der «leiblichen Ertüchtigung» und tischt heute Gerichte mit einer dezenten deutschen Note auf. Wo früher Kalorien abgebaut wurden, kann man sich nun für Grossstadtabenteuer kulinarisch einturnen. London mag um ein Geheimnis ärmer sein. Überraschungen gibt’s nach wie vor, und zwar mittendrin.

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