Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vom widerwilligen Warten
jenseits jeder Vorstellung

Die Aufregung übers Warten ist besser als die Alternativen.
Susanne Holz

Über das «Prinzip der falschen Schlange» philosophierte mein Klassenkamerad vor vielen Jahren bei einem Volksfest, an welchem ich erstes Geld damit verdiente, Bier an die Wartenden zu verkaufen. Die Schlange war lang, und es gab nur eine – womit es eigentlich nur die richtige Schlange sein konnte . . . Und weil ich sie abfertigen musste, hatte ich wenigstens mal die Geduld auf meiner Seite. Denn, mal ehrlich: Wer wartet schon gerne?

Gibt man auf Wikipedia ein: Was sagen Philosophen zum Thema Warten?, so wird als Erstes die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) zitiert, mit: «Warten lernen wir gewöhnlich dann, wenn wir nichts mehr zu erwarten haben.» Man stimmt dieser Aussage vorbehaltlos zu: Im Zustand völliger Gleichgültigkeit erübrigt sich jedes Warten. Ein Zustand jedoch, den man gerne noch etwas abwartet . . .

Gleich nach Ebner-Eschenbach kommt scharfsichtig Friedrich Nietzsche (1844–1900) zu Wort. Der deutsche Philosoph bringt auf den Punkt, was man manch einem schon immer mal gerne ähnlich direkt gesagt hätte – bezogen auf den privat-emotionalen Bereich: «Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen. Dies macht unmoralisch.» Was das Öffentliche betrifft: In der Schlange an der Supermarktkasse wartet man zwar auch öfter leicht entnervt, den Menschen an der Kasse jedoch beneidet man ja nicht unbedingt um seinen Job. Unmoralische Gedanken? Wären hier fehl am Platz.

Nur bei der Glace-Verkäuferin an sehr belebtem Ort ergriff ich diese Woche irgendwann die Flucht. Diese Dame hatte die Ruhe weg. Da blieb nicht nur viel Zeit, sich zu überlegen, welche Sorte Glace es denn sein soll, sondern die Zeit reichte auch locker, das Glace ausgiebig zu mustern, es bald einmal unappetitlich zu finden und nach gefühlten Stunden zur Überzeugung zu gelangen, dass man Glace noch nie so richtig mochte und es sowieso schon wieder Winter wird . . .

Schön wäre, würde sich dieser Effekt nicht nur bei Glace oder Bier einstellen, sondern auch bei Menschen, die einen unnötig lange warten lassen. Doch natürlich: Mensch ist Mensch und Bier ist Bier. Das wusste schon Iwa-no-Hime, japanische Kaiserin. Sie schrieb ungefähr 350 nach Christus diesen Fünfzeiler: «Ich aber bleibe / Und werde auf dich warten, / Bis in das Wehen / All meines schwarzen Haares / Der Raureif sich gesetzt hat.» Kommt bei Wikipedia gleich nach Nietzsche . . .

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.