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Kolumne

Warum wollen wir jung bleiben bis zum bitteren Ende?

Altwerden ist aus der Mode gekommen, schreibt unsere Kolumnistin Joëlle Weil.
Joëlle Weil, Kolumnistin
Joëlle Weil, feie Journalistin in Tel Aviv

Joëlle Weil, feie Journalistin in Tel Aviv

«Altern ist nur etwas für Mutige», pflegte mein Grossvater zu sagen. Er hatte recht. Damals. Damals, als man noch alt wurde. Als die Haut irgendwann labberig wurde, die Knie schwach, die Verdauung nachliess, der Rücken irgendwann zu schmerzen begann. Altwerden – das macht man heute nicht mehr. Altwerden ist démodé. Heute bleiben wir jung bis zum bitteren Ende. Wir haben schliesslich zahlreiche Artikel darüber gelesen, wie man die Jugend erhält. Nur das Leben ist endlich. Unsere Jugend nicht.

Essenzielle Fettsäuren. Ja, das ist ein Schlagwort. Während unsere armen Grosseltern ohne Guacamole altern mussten, schmieren, schälen und schnetzeln wir das grüne Gold überallhin, wo es hingehören könnte. Wir essen dreimal mehr Avocado als früher, wir Dreimalklugen. Da schlägt unser Herz doch gleich viel besser und länger, dank all der Ölsäure. Soll der Boden in Peru und in Chile und die Gemüter der Bauern doch versauern.

Die Inder, die haben auch gute Ideen. Wenn jemand weiss, wie das Haar lange glänzt, dann wohl die. Man trinke Alma-Tee. Die Alma-Frucht hat schon ein aufregendes Leben, wenn sie um die halbe Welt jettet, um uns vor Falten und haariger Stumpfheit zu bewahren. 7000 Kilometer zu fliegen, um dann bei weissen Menschen in heissem Wasser zu verenden. Das soll uns Alma danken. Es wäre auch total ungerecht, wenn die Inder uns Alma vorenthalten würden, nicht?! Was die können, können wir schon lange. Und wir können es auf langen Flugstrecken über die Meere, die hoffentlich auch bald nicht mehr als Hindernis dazwischenstehen.

Kurkuma, Kokosöl, Noni, Maca. Unsere Hausapotheke gegen die Krankheiten dieser Welt ist voll. Wir können cremen, einlegen, schlucken, braten, verzichten, ersetzen, noch mehr verzichten, noch mehr ersetzen. Die Welt ist ein kleiner Ort geworden. Die Geheimnisse der Völker gelüftet. Die Welt und ihre Schätze sind ein offenes Buch und wir reissen die Seiten raus, verschlingen sie bis zum letzten Blatt. Schicket die Flotten los und bringet uns, was die anderen haben! Diese paar Tausend Kilometer Flugstrecke werden schon keinen umbringen. Und wenn doch, dann haben wir den Weltuntergang faltenfrei erlebt.

Es gab noch Zeiten, da glaubte man an den guten alten täglichen Apfel. Da hat man einen mit in die Schule genommen und daran geglaubt, dass man so den Arzt von sich fernhält. Was waren wir naiv. Heute ist das vielleicht viel besser. Löffeln die Kinder von heute Acai-Bowls auf dem Pausenplatz, trinken dazu ungesüssten Ingwer-Tee und reden währenddessen über ihren Vitamin-Blabla-Haushalt? Diese Glückspilze. Die wurden schon früh mit Superfood gestopft, während ich armer Tropf Bananen und Brokkoli essen musste.

«Altwerden ist nur etwas für Mutige.» Da hatte mein Grossvater schon recht. Es braucht Mut, wenn wir den südamerikanischen Bauern beim Verarmen und der Natur beim Verdursten zusehen müssen. Unsere wunderschöne, ewige Jugend muss das Drama dann überstrahlen. Es hat schliesslich alles seinen Preis im Leben.

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