Kolumne

Wer hat Angst vor der AHV?

Schäfli ungeschoren: Früher hatten die Jungen Angst vor Pickeln. AHV ist die neue Akne.

Roland Schäfli
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(Illustration: Corinne Bromundt)

(Illustration: Corinne Bromundt)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Buh, ich bin die AHV! Wenn Sie einmal einen Jugendlichen so richtig erschrecken wollen – etwa, weil er im Zug laut telefoniert, machen Sie ein gfürchiges Gesicht und flüstern ihm genau das ins freie Ohr.

Die Credit Suisse hat mit ihrem «Jugendbarometer» nachgemessen, was den Millennials am meisten Schiss macht. Drogen, Krieg, Hungersnot waren die Antworten – in anderen Ländern. In der Schweiz hat das Barometer ganz andere Angstsymptome angezeigt: Unsere Youngsters kriegen kalte Füsse. Und Herzrasen, wie sonst nur von Amphetaminen. Die Mehrheit hat in diesem Alter aber nicht etwa Versagensängste vor dem ersten Mal. Sondern: Panik vor der AHV. Vor lauter Kümmernis deswegen vorzeitig Gealterte erklären ihre grauen Haare den Kollegen dann als «Granny Look». Das Problem: Auch Sorgenfalten machen sie nicht früher bezugsberechtigt.

Wir Älteren liessen uns die Urangst vor der AHV nie so anmerken. Wären wir von einem Barometer gefragt worden, wir hätten wahrscheinlich gesagt, wir fürchten uns nur vor dem Luftdruck. Ältere Semester können sich noch an die gute alte angstfreie Zeit erinnern – vor der Einführung der AHV, mit der am Neujahrstag 1948 die ganze Angstmacherei begann. Kurz davor war der grösste Horror der Jungen ja, vielleicht noch in die Hitler-Jugend eingezogen zu werden.

Die neue Generation fürchtet sich heute viel langfristiger. Das kurzfristige Denken – habe ich genug Geld für den Bus oder soll ich schwarzfahren? – ist der langfristigen Beklemmung gewichen: Habe ich genug AHV oder soll ich Ergänzungsleistungen beantragen? Der Digital Native klammert sich zitternd an seinen analogen AHV-Ausweis, als wär’s ein Backstage-Pass. Und kann die Nummer auswendig, als sei’s sein Facebook-Passwort. Die Generation, die gewohnt ist, heute schon zu bekommen, was sie morgen erst bezahlen kann, hat mit der Altersvorsorge ein Verständnisproblem, weil dieses komische Bezahlsystem genau auf dem Gegenteil basiert.

«Wenn ich mich mit 40 pensionieren lasse, reicht dann die AHV?» und «Wenn ich mit 35 das Byzantistik-Studium abschliesse, muss ich überhaupt noch einzahlen?» sind nur einige der geteilten Probleme auf Sharing-Plattformen. Gemäss einer Apple-Auswertung ist derzeit die häufigste Frage an Siri: «Siri, was ist die AHV?» Nicht zu unterschätzen ist die erste Säule als Statussymbol: Wer kein fettes Geldpolster hat, wird bei Single-Börsen als «Elite-Partner» nicht genommen. Der Renten-Bammel treibt die Ängstlichen so den Jungparteien in die Arme. Die Juso fordert bereits die bedingungslose Jung-Pension.

Könnte der Kleinmut unserer Nachgeborenen medizinische Gründe haben? Bekanntlich kamen sie zum Anbruch des neuen Millenniums zur Welt. Der Zeitpunkt lässt Rückschlüsse zu. Panikattacken, weil am Silvester alle Computer abstürzen werden, könnten die ungeborenen Kinder noch im Mutterleib mit Angsthormonen gespickt haben. Ein weiterer Neujahrstag mit Spätfolgeschäden.

Als wäre es noch nicht genug, geht neu auch noch der Kinderschreck «Erbrechtsreform» um. Konnten die Kinder die Drohung des Vaters «Wenn du Byzantistik studierst, enterbe ich dich!» bisher auf die leichte Schulter nehmen, macht sich nun blankes Entsetzen breit. Denn der Bundesrat will den Pflichtteil der Kinder um die Hälfte reduzieren. Und dabei waren die Alten doch die beste Altersvorsorge! Das CS-Jugendbarometer? Es zeigte sofort Herzflimmern an.