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Kolumne

«Wir haben im Suff gar nicht gemerkt, dass wir den Zenit längst überschritten haben» – Komiker Peach Weber über unsere täglichen Katastrophen

Beschäftigt sich unser Forschergeist mit zu vielen Dingen, die wir nicht ändern können? Eine Gastkolumne von Peach Weber.
Peach Weber
Peach Weber wohnt in Hägglingen und ist seit 40 Jahren Komiker. Seine Abschiedsvorstellung ist auf den 15. Oktober 2027 terminiert – im Hallenstadion.

Peach Weber wohnt in Hägglingen und ist seit 40 Jahren Komiker. Seine Abschiedsvorstellung ist auf den 15. Oktober 2027 terminiert – im Hallenstadion.

Der Mensch wird ja heute bombardiert mit News und Informationen, meist negativer Art. Die Zeitungen sind voll von Katastrophen und düsteren Szenarien. Da denkt sich doch der «Homo mehr oder weniger sapiens»: «So, jetzt muss etwas passieren!» Und bestellt die Zeitung ab. Ist das dumm? Oder vielleicht nur Notwehr?

Könnte man sich nicht mal eine Woche News-Fasten gönnen? Damit man wieder mal durchatmen kann. Ein Sonnenblumenfeld einfach geniessen, ohne sich gleich fragen zu müssen, wie viel Doping der Bauer wohl langfristig dem armen Grundwasser kredenzt.

Haben Sie es schon gehört? Vor zwei Stunden ist im Senegal ein Bus von der Strasse abgekommen und hat auf der Wiese vier Antilopen schwer verletzt! Immerhin, es war keine Schweizer Antilope darunter . . .

Aber auch bei schlimmen Vorkommnissen, wenn wieder mal irgendwo einer in seinem Frust zehn unschuldige Menschen niedermetzelt, weil er seinem sinnlosen Leben noch einen letzten Kick geben will. Drei Minuten nach der Tat muss ich schon sein dämliches Gesicht kennen und nach und nach sämtliche Details aus seiner jämmerlichen Existenz ausgebreitet bekommen. Warum nicht einfach die Meldung: Ein Nichtsnutz hat sinnlos zehn Menschen ermordet. Ende der Meldung.

Wir werden dereinst an unseren Daten und Informationen ersticken.

Früher, sagen wir mal vor 60 Jahren, konnte man viel eher aufhören mit Denken. Zum Beispiel: Nach dem üblichen persönlichen Geschäftsgang auf dem WC, betätigte man die Spülung und konnte sich sofort mit etwas anderem beschäftigen. Man leerte fröhlich alles, was halbwegs flüssig war, in die heimische Schüssel, Pinselreiniger, Frittieröl, etc. Aus den Augen, aus dem Sinn! Man musste keinen Gedanken daran verschwenden, ob es ein Leben hinter dem WC-Siphon gab. Heute aber wissen wir alle, dass unser «Stinkeli» nicht einfach im Nirwana verschwindet, sondern zusammen mit befreundeten Ohrenstäbli, Tampons und Feuchttüchlis der leicht überforderten Kläranlage entgegen schippert. (Kurze Frage am Rand: Gibt es in der Kläranlage auch Schnuppertage?)

Jedenfalls wird sich der Klärmeister die grösste Mühe geben, möglichst viel Gerümpel aus dem kostbaren Nass herauszufischen. Aber auch wenn er sich noch so anstrengt, da hat es so winzige Teilchen drin, die alle Filter überstehen und danach in einer fröhlichen Flussfahrt, an Grossstädten vorbei, angereichert mit Kokainresten, in guter Stimmung gen Rotterdam dümpeln. Dort wird die ganze Brühe dann, wie aus einem Enddarm, ins Meer geschleudert.

Ist wenigstens jetzt ein Weiterdenken zu Ende? Vor 60 Jahren vielleicht schon, da konnte die Industrie noch allen Ernstes ihren Giftmüll im Meer verklappen. Und wir in der Schweiz haben den Kehricht in Gruben im Wald geleert und zugedeckt. In Kölliken konnte man damals sogar Giftmüll verlochen, weil die verantwortlichen Leute strohdumm oder geschmiert waren. Sie werden auch heute nicht mal ein bisschen zur Rechenschaft gezogen, denn es war damals «so üblich».

Heute müssen wir sogar noch weiter denken, bis in die tiefste Tiefsee und zu den Polen. An beiden Orten landet unser Wohlstandsmüll.

Und der Pinguin weiss gar nichts anzufangen mit dem Plastiksack, da gibt es ja keinen Coop. Eigentlich wissen wir alle, dass im Meer eine Insel aus Plastikabfall schwimmt, die ungefähr so gross ist wie Europa. Aber das interessiert uns vorläufig nicht, vielleicht erst dann, wenn eine der idiotischen Kreuzfahrt-Dreckschleudern diese Insel rammt, zufällig Leonardo di Caprio an Bord ist und zum zweiten Mal elendiglich ersäuft.

Merken Sie, worauf ich hinaus will? Unser Forschergeist, der eigentlich jahrhundertelang nur die Aufgabe hatte, uns Menschen das Leben leichter und bequemer zu machen, der pervertiert im Moment zum sinnlosen Weiterforschen auf falschem Terrain. Wir waren betrunken vor Stolz, was unser Hirn alles zustandebringt und haben im Suff gar nicht gemerkt, dass wir den Zenit längst überschritten haben. So wie jemand, der in Genua ins Wasser springt, um nach Mallorca zu schwimmen und erst in der Mitte des Atlantiks merkt, dass er spätestens in Gibraltar hätte umkehren müssen. Er hätte jeden Affen auf dem Felsen fragen können, alle hätten es ihm sagen können.

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