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Kolumne: Wo ich schon lange
nicht mehr war

Kolumnistin Claudia Lässer spielte als Kind mit Erbsen Fussball. Das fanden die Erwachsenen nicht so lustig. Heute sehnt sie sich nach der Fantasiewelt.
Claudia Lässer
Claudia Lässer. (Bild: Mareycke Frehner)

Claudia Lässer. (Bild: Mareycke Frehner)

Es gibt einen Platz auf dieser Welt, wo ich früher sehr sehr gerne war. Über die Jahre habe ich mich immer öfters verlaufen, als ich mich aufmachte, diesen Platz zu finden, und immer häufiger habe ich ihn gar nicht mehr gefunden und kehrte traurig nach Hause zurück. Ich frage mich, ob der Ort mich, oder ich den Ort verloren habe. Doch die vage Vorstellung flackert noch immer in mir. Wenn ich die Augen schliesse und mich auf diese Restwärme konzentriere, die dieser Ort in sich trägt und ausstrahlt, beginnen meine Gedanken, sich den Weg zu ihm zu bahnen. Und ich merke, dass nicht dieser Ort, sondern das Gefühl den Weg vorgibt, denn der Ort ist nicht immer dort, wo er war, er wohnt diesem Gefühl inne und wandert mit ihm.

Dieser Ort heisst Fantasie. Als Kind war ich dort immer, tagein, tagaus. Ich kam und ging nicht von dort, ich lebte immer an diesem Ort. In Fantasie war alles möglich. Fliegen, alt sein, jung sein, auf Bergen oder im Meer sein, eine Katze war eine Ente und ein Stein ein Raumschiff. Nichts brauchte ich, um alles möglich zu machen. Ab und zu verliess ich diese Welt, weil Mama mich zum Zmittag gerufen hat. Sie und die anderen Älteren haben dann von Sachen geredet, die ich ich nicht verstand. Dann holte ich Fantasie wieder an den Tisch und spielte mit Erbsen Fussball, aber das hatten die Alten, die schon lange nicht mehr an diesem Ort waren, nicht so gerne.

Ich nahm mir fest vor, diesen Ort nie, nie zu verlassen und wenn, dann nur ganz kurz. Dann musste ich zur Schule und ich nahm mir vor, immer abends an diesen Ort zu gehen. Oder wenigstens am Wochenende, bis ich fast nie mehr da war und auch die Schnur nicht mehr fand, die ich gelegt hatte, um zurückzukehren. Heute, da ich den Zugang zu diesem Ort wieder suche, glaube ich, dass wir uns darum ab und zu verloren fühlen, weil wir ihn aufgegeben haben.

Dieser Ort, an dem nichts ist und darum alles möglich ist. Dort, wo nur feuchte Erde ist, in der alles wächst und nicht schon alles verbaut ist mit Zeichen, Bildern, Geräuschen und Definitionen, die uns sagen, was etwas ist und wie etwas zu sein hat. Natürlich müssen wir ab und zu an den Tisch, um etwas zu essen, damit unser Hirn die Fantasie befeuern kann, aber ohne die Fantasie leiden wir einen Hunger, den nichts stillen kann. Wir leiden darunter und versuchen, diesen Hunger, den wir nicht weiter ergründen, mit Konsum und Rausch zu stillen, nur um uns immer weiter auszuhöhlen und dadurch, dass wir uns immer wieder fragen, warum wir das alles brauchen, immer unglücklicher werden.

Das Glück sowie die Fantasie, liegen aber nicht da draussen, sie liegen in uns drin. In der Fähigkeit, aus einem Stein ein Raumschiff zu machen, aus einem Funken Feuer, sowie aus einem Augenblick die Liebe entstehen kann, die für immer hält und aus der neues Leben entsteht. Ganz einfach so, wie ein Samen jahrelang auf der Erde warten kann, bis er von einem Regentropfen gestreift wird und dieser Samen, der eine Welt in sich trägt, diese Welt wachsen lässt. Dieser Regentropfen sind Sie und es liegen Millionen Welten da draussen, die darauf warten, von Ihnen belebt zu werden.

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