Doping im Sport
Väterlicher Rat: Finger weg vom Spitzensport

Mit dem Dopingfall von Sprinter Alex Wilson und den Quälereien bei den Synchronschwimmerinnen stellt man sich als Eltern die Frage, ob man den eigenen Kindern Spitzensport verbieten soll.

Hansruedi Kugler
Hansruedi Kugler
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Wegen Doping verurteilt: Alex Wilson.

Wegen Doping verurteilt: Alex Wilson.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Was fangen wir Zeitungsleser eigentlich mit all den ernüchternden Recherchen an? Lernen wir etwas für unser eigenes Leben? Es gibt Tage, an denen man sich nach der Lektüre sagt: Genau, das nehme ich jetzt als Learning mit ins eigene Leben! Gestern war wieder einmal ein solcher Tag. Die in dieser Zeitung publizierte Übersicht mit Schweizer Dopingsündern im Spitzensport war niederschmetternd.

Was sage ich meinen eigenen sportverrückten Kindern?

Vom Radprofi Oscar Camenzind über die Triathletin Brigitte McMahon bis zum Sprinter Alex Wilson wurde imposant die Schattenseite dieser ehemaligen Medienlieblinge ausgeleuchtet. Nicht mal der Schwingsport, Symbol bodenständiger Swissness, ist vom gedopten Leistungswahn verschont. Ich frage mich: Was sage ich meinen eigenen sportverrückten Kindern, die auf dem Tennisplatz schwitzend Aufschläge üben und am TV mit Rafael Nadal mitfiebern? Vor 30 Jahren erzählte mir ein Zürcher Physiotherapeut achselzuckend, er verdiene sein Geld vor allem mit frustrierten jungen Männern, die ihren Traum von einer Karriere als Fussballprofi wegen Sportverletzungen beerdigen mussten und nun monatelang bei ihm auf der Massagebank rumjammern. Er räumte selbst ein: Das sei ein moralisch fragwürdiges, zwiespältiges Geschäftsmodell. Ich musste ihm recht geben.

Sport sollte eine Schule fürs Leben sein, kein Masochismus

Ehrgeiz, Leistungsdenken und Fitness sind prima. Spielen und sich verbessern wollen, Sport als Schule fürs Leben und den Gemeinschaftssinn, Frustrationstoleranz, Fairness – alles wunderbar. Aber wenn ich in der gestrigen Zeitung ein paar Seiten nach der Dopingübersicht von den Qualen der Synchronschwimmerinnen lese, sehe ich vor meinem geistigen Auge gleich auch, wie Rafael Nadal sich mit Schmerzmitteln vollpumpt, erinnere mich an die Berichte über die gedemütigten Turnerinnen in Magglingen und die geplagten Tänzerinnen an der Tanzakademie in Zürich. Und wie oft hat schon wieder unser aller Sunnyboy Roger Federer sein Knie operieren lassen müssen und will trotzdem nochmals und nochmals an Grand Slams mitspielen? Und was ist mit den x-fachen Bänderrissen im Skisport? Kümmert kaum mehr jemanden, sind nur Randbemerkungen. Aber mir wird übel dabei.

Mit Depressionsrisiko zum Podest quälen?

Als Vater kann man sich ja lebenslang nicht aus der Verantwortung entlassen. Und bitte schön, man muss es sich bildhaft und konkret vorstellen: Zieht man der Tochter fürsorglich Skihelm und Rückenpanzer an, nur damit sie sich dann beim Skirennen übermotiviert die Kreuzbänder reisst und das Knie verdreht? Kauft man der Tochter ein herziges Tanzröckchen, nur damit sie sich später mit Schmerzmitteln vollgepumpt zum Trainingsdrill schleppt? Alles in der Hoffnung, als junge Frauen würden sie dann mal zuoberst auf irgendeinem Podest stehen? Zynischer geht’s ja nicht. Körperliche und psychische Unversehrtheit sind ein Menschenrecht, und dieses muss man konkret einfordern.

Wenn jetzt jemand sagt, ich solle mich nicht so aufregen, dem antworte ich: Wann soll man denn sonst einen Wutanfall bekommen, wenn nicht hier? Es ist doch das Letzte, was man seinen Kindern wünscht: dass sie sich verbissen durchs Leben quälen. Deshalb verbiete ich meinen Kindern Spitzensport.