Landdienst
Mehr hilfswillige Jugendliche dank Themen wie «Naturschutz» oder «Biodiversität»

Die Klimajugend ist am Heuen. Von Landwirtschaft hat sie zwar wenig Ahnung, aber ihre Motivation und Kraft ist bei Bergbauern willkommen. «In den Ferien wollte ich etwas Schlaues tun», begründet der angehende Polymechanikerlehrling und die angehende Primarlehrerin meint: «Man sieht, was man getan hat.»

René Fuchs (Text) und Severin Bigler (Fotos)
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Familie Jegen mit Patritzia, Ray-Lee und Reto.

Familie Jegen mit Patritzia, Ray-Lee und Reto.

Endlich war vergangene Woche Heuwetter. An den steilen Südhängen am Eingang des Prättigau herrschte Hochbetrieb. Die Bauernfamilien mobilisierten ihre Verwandten und waren im Dauereinsatz. So auch im Prättigau in Seewis an der Grenze zu Österreich.

Wir sind an diesem Morgen bei der Bergbauernfamilie Jegen. Oberhalb ihres Betriebes auf 1250 m ü. M. erstreckt sich ihre grösste, aber auch steilste Heuwiese. Wir fahren in Serpentinen auf der schmalen Strasse über Bachtobel, durch Wald- und Wiesenabschnitte zu einem Maiensäss. Auf der Ladebrücke des Geländewagens sind Heubläser, Holzrechen und ein Fadenmäher griffbereit.

Das Heu, das heute eingefahren werden kann, duftet stark. Die Bauersleute mit Sohn Ray-Lee und ihrem Helferteam sind barfuss unterwegs. Am Hang Halt zu finden, ist nicht einfach. Der Heubläsermotor am Rücken drückt. Selbst beim Rechen rutscht man schnell auf dem Hosenboden die heubedeckten Grasnarben hinab. Die Sonne brennt, der plätschernde Brunnen ist weit unten.

Tobias Müller beim Bergheuen.

Tobias Müller beim Bergheuen.

Jede zusätzliche Arbeitskraft ist sehr geschätzt. Der 16-jährige Tobias Müller aus Oberhofen (AG) leistet bei der Familie Jegen einen zweiwöchigen Einsatz. «Ein sehr anstrengender Job», so sein Fazit. In der Natur zu sein, körperlich gefordert zu werden und der prächtige Ausblick ins Bündner Rheintal und die Bergketten entsprechen ihm. Speziell auch das Heuen am steilen Hang. Bald beginnt seine vierjährige Ausbildung zum Polymechaniker. «In den Sommerferien wollte ich noch etwas Schlaues tun», sagt er.

Früher waren doppelt so viele am Heuen

Landdienst, das machten früher viele. Im Jahr 1990 meldeten sich noch 3500 Jugendliche bei der Organisation Agriviva, die seit 75 Jahren Landdienste vermittelt. Dieses Jahr werden es rund 1500 Anmeldungen sein, schätzt Geschäftsleiter Ueli Bracher. Der Rückgang hat damit zu tun, dass die Einsätze meist nicht mehr zum Lehrplan der Schulen gehören. Gleichzeitig kommen die Bauernhöfe mit weniger Arbeitenden aus – die Zahl Beschäftigter ging seit 1985 um die Hälfte zurück. Genügend Arbeit gibt es allerdings nach wie vor: Während der Sommerferien suchen die rund 500 angeschlossenen Schweizer Bauernhöfe mehr Helfer, als sich anmelden.

Im Einsatz sind zunehmend Jugendliche, denen der ökologische Aspekt wichtig ist. Das könnte auch der Grund für den leichten Anstieg von zwei Prozent gegenüber 2019 sein. Dieser Trend zeigt sich auch bei der Stiftung Umwelteinsatz. «Die Themen Naturschutz und Biodiversität sind in der Gesellschaft viel präsenter als früher», sagt Alexandre Barras, Koordinator. Und:

«Unsere Ferienarbeitswochen waren viel schneller ausgebucht als in den letzten zehn Jahren.»

Die Arbeit der Heuer kommt zügig voran. Die talwärts geschobenen Haufen werden im weniger steilen Gelände zu Maden geformt. Doch dann – eine Schrecksekunde! Die Bäuerin ist mit dem Heugebläsemotor am Rücken auf die rechte Schulter gestürzt. Der Schmerz ist gross. Kurzentschlossen fährt sie ihr Schwiegervater zum Dorfarzt.

Der 17-jährige Tobias Müller aus dem Aargau mag die steilen Hänge.
6 Bilder
Familie Jegen letzte Woche beim Heuen ob Seewis GR.
Belinda Hitz (20) aus Regensdorf ZH beim Pferdestriegeln.
Belinda Hitz beim Jäten.
Der Heublöser erleichtert zwar die Arbeit, lastet aber schwer am Rücken.
Das Gelände in Sewis ist steil. Katja Gross und Belinda Hitz am Steilheuen.

Der 17-jährige Tobias Müller aus dem Aargau mag die steilen Hänge.

Die Arbeit muss weitergehen. Die 35 Kühe brauchen im Winter genügend Heu. Mit zusätzlicher Vorsicht befährt Reto Jegen mit seinem geländegängigen Traktor mit Bandheuer die weniger abschüssigen Wiesenabschnitte. Dann wartet auf dem Hof das Mittagessen auf uns. Doch vorerst gilt die Aufmerksamkeit der Bäuerin: Der Arzt konnte Entwarnung geben, die Schulter ist wieder eingerenkt.

Reto und Patritzia Jegen sind froh um die Helfer während der Arbeitsspitzen vom Frühling bis Herbst. Sie zäunen, räumen Wiesen, arbeiten im Stall und auf der Alp. «Die Motivation ist dabei neben den körperlichen Voraussetzungen das Allerwichtigste», erklärt Reto Jegen.

Arbeit für die Lebensmittelversorgung wird bewusst

Mit den meisten Landdienstlern hat die Familie gute Erfahrungen gemacht. Einige Kontakte sind geblieben. Die Bäuerin fügt an:

«Für mich ist es wichtig, dass den jungen Leuten bewusst wird, was alles für die Lebensmittelversorgung und für die Pflege der Alpenregion geleistet wird.»

Dass auch mal ein Landdienstler beim Znüni einschläft und von einer Kuh wachgeleckt wird, gehört zu den heiteren Episoden, die die Runde am Mittagstisch machen. Wäre da nicht die Neuigkeit von Wolfsrissen an elf Schafen, die auf die Stimmung drückt.

Wie haben sich die Landdienstleistenden verändert? Allergien würden häufiger auftreten als früher, berichten die Bauersleute. Ebenso Essenswünsche wie vegetarische Kost. Und für viele Jugendliche ist der Umgang mit Nutztieren, Kulturen und Witterungseinflüssen völlig fremd. Doch der praktische Einsatz macht vieles wieder wett.

Es kommt auch vor, dass die Begeisterung nur kurzlebig ist. Abwechslung ist heute stärker gefragt. Tägliches Tierfüttern, Misten, Ernten und Hausarbeiten finden einige monoton. Das Handy spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Das häufige Chatten mit Freunden und Eltern ist oft ein Nachteil. Einsatzabbrüche sind aber selten.

So schön war der Landdienst – unsere Souvenirs

«Dank guter Bekanntschaft zum Koblenzer Landmaschinenfabrikanten Fried gelang es mir, zu einem stolzen Bauern im schaffhausischen Wilchingen zu kommen: prächtig sein Hof, stattlich mein Zimmer, sehr gut das Essen. Mein Schulfreund Neumi war auch im Dorf – allerdings bei einem weniger wohlhabenden Bauern. Zum Schluss erhielt Neumi 100, ich 300 Franken und drei Flaschen Wilchinger Pinot Noir dazu. Aber was soll’s: Auf der Kartoffelmaschine sind alle Menschen gleich. Tagelang standen wir dort oben und sortierten tonnenweise Kartoffeln, stibitzten solche in Herzform und schickten sie per Post an die unsterbliche Geliebte zu Hause.» (bez)

«Zu meinen Aufgaben gehörte es, täglich die Milch zur Käserei zu bringen. Doch eines Tages kippte eine Bränte auf dem Handwagen. Ich konnte sie zwar gerade noch auffangen, aber sicher 20 Liter versickerten im Boden. Ich war wahnsinnig gestresst auf dem Rückweg, ein gewaltiger Druck lastete auf mir. Umso erleichtert war ich, als der Bauer bloss sagte, das sei ihm auch schon mal passiert.» (awa)

«Meine Bauernfamilie fuhr immer mal wieder in die Stadt, zu einem schönen Glace-Coupe. Begegneten wir einem Traktor, sagte der Bauer trocken, ‹der macht etwas falsch›.» (rw)

«Am ersten Tag in meinem Landdienst nahm der Bauer mich mit aufs Feld. Ich sollte das Unkraut zwischen den Kartoffel-Setzlingen jäten. Nur: Was war Unkraut, was Kartoffeln? Ich hatte keine Ahnung. Für mich als Stadtkind sah alles gleich aus – nämlich grün. Dennoch machte ich mich an die Arbeit. Und grub alle jungen Kartoffeln aus. Nach drei Tagen schickte der Bauer mich nach Hause. Sein vernichtendes Urteil: Unbrauchbar!» (dh)

Dass die Motivation und Einsatzbereitschaft von jungen Frauen häufig höher ist als jene der Männer, das stellt die gemeinnützige Gesellschaft «Schweizer Bergheimat» fest. «Bei den Freiwilligen ist aber durchwegs eine hohe Einsatzbereitschaft feststellbar», lobt Geschäftsführerin Pia Ramseier.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der «Caritas»: Bergbauernfamilien, die sich in einer schwierigen Situation befinden, lösen in der Coronazeit eine Solidaritätswelle aus. «Es ist wieder trendiger geworden, für eine gute Sache auch mal Dreck unter den Fingernägeln und einen müden Rücken zu haben», sagt Bernhard Ackermann. «An Einsatzmöglichkeiten fehlt es nicht.»

Die Freiwilligen arbeiten am besten

Am Nachmittag besuchen wir den höchstgelegenen Bergbauernhof von Seewis, Falider auf 1350 m ü. M., mit einer traumhaften Aussicht bis nach Schiers. Als 17-Jähriger hatte Florian Hertner, Alpmeister, 1991 den Betrieb von seinem Grossvater übernommen und stetig ausgebaut. Heute besitzt er 32 Hektaren Wies- und Weideland und 80 Nutztiere.

Katia Gross, Sohn Yannick, Florian Hertner und Belinda Hitz.

Katia Gross, Sohn Yannick, Florian Hertner und Belinda Hitz.

Seit letztem Jahr zählen er und seine Partnerin Katia Gross immer wieder auf die Hilfe von jungen Frauen und Männern. Neben der Mitbetreuung des anderthalbjährigen Sohnes Yannick gehören Arbeiten im Haushalt, Garten, Stall und jetzt beim Heuen dazu. «Nicht alle sind dem gewachsen. Die besten Erfahrungen machen wir mit jenen, die eine gute Kinderstube hatten und freiwillig ihren Einsatz leisten», berichtet Hertner.

Belinda Hitz beim Füttern.

Belinda Hitz beim Füttern.

Gerade ist Belinda Hitz (20) aus Regensdorf (ZH), Studentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, bei ihnen. Die angehende Primarlehrerin sagt: «Beim Landdiensteinsatz siehst du, was du gearbeitet hast. Es tut gut, dass man dabei nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Körper unterwegs ist und den inneren Kampf gegen die Müdigkeit gewinnt.»

Landdienstvermittler: www.bergeinsatz.ch, www.schweizer-bergheimat.ch, www.umwelteinsatz.ch, www.agriviva.ch

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