Interview

Wie stark schadet Corona der Autobranche? Daimler-Vorstandsmitglied gibt Auskunft

Britta Seeger, Vorstandsmitglied bei Daimler, freut sich über die erneuerte Mercedes E-Klasse. Sie blickt aber schon weiter in die Zukunft.

Interview: Stephan Hauri
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Optisch wurde die E-Klasse nur dezent modernisiert; es zählt die Technik unter dem Blech.

Optisch wurde die E-Klasse nur dezent modernisiert; es zählt die Technik unter dem Blech.

Bild: zvg

Britta Seeger sitzt seit drei Jahren im Vorstand der Daimler AG. Die 50-jährige Deutsche ist verantwortlich für den Vertrieb der Marken Mercedes-Benz und Smart. Im Interview spricht sie über den Wandel zur E-Mobilität, die Rolle von Car-Sharing-Angeboten und die aktuelle Lage in China.

Die Autowelt ist im Umbruch – auch der Handel. Wie sehen die Vertriebswege der Zukunft bei Mercedes aus – passt der Online-Verkauf überhaupt zur Marke?

Britta Seeger: Kaufen im Internet ist normal geworden, es gehört zu unserem Alltag. Acht von zehn Kunden wünschen aber weiterhin eine persönliche Beratung im Autohaus oder sie wollen Probefahrten machen. Ergänzend dazu muss es aber auch die Möglichkeit geben, ein Auto online zu kaufen. Es soll die Entscheidung des Kunden sein, wo und wie er zu seinem neuen Auto kommt. Schon heute ist in Europa zum Beispiel bei der E-Klasse jeder zweite Kunde ein Geschäftskunde. Zudem wird jedes zweite Fahrzeug von Mercedes-Benz heute geleast oder finanziert. Auch deshalb rechnen wir damit, dass bis zum Jahr 2025 25 Prozent unserer weltweiten Pw-Verkäufe online getätigt werden.

Zur Person

Britta Seeger – Vorstandsmitglied bei Daimler

Britta Seeger – Vorstandsmitglied bei Daimler

Sie ist seit 2017 neben der Schweizerin Renata Jungo Brüngger die zweite Frau im Vorstand der Daimler AG. Nach Ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre war sie in der Personenwagensparte an der Konzernzentrale in Stuttgart tätig. 2013 wechselte sie in die Nutzfahrzeugsparte und war zuerst für den türkischen, dann für den koreanischen Markt verantwortlich. (pae)

Wird sich neben dem Kaufverhalten auch das Nutzungsverhalten der Kundschaft ändern – im Sinn von mehr teilen oder mieten als besitzen?

Wir stellen bei vielen Kunden fest, dass weiterhin der Besitz eines eigenen Fahrzeuges sehr wichtig ist. Das ist jedoch regional unterschiedlich. In den asiatischen Ländern hält sich der Trend, Fahrzeuge vor allem selbst zu besitzen. Auch in den ländlichen Gebieten, beispielsweise in Europa, steht das eigene Fahrzeug noch immer für freie Mobilität. In Metropolregionen, wo das Angebot an alternativen Mobilitätslösungen gross ist und beispielsweise Car-Sharing-Möglichkeiten vorhanden sind, ergibt sich ein anderes Bild vom Nutzungsmuster unserer Kunden: Dort gibt es besonders unter jungen Leuten einen Trend zum Teilen und Mieten. Wir glauben, dass die Befriedigung des Mobilitätsbedürfnisses der Kunden auch in Zukunft sehr individuell sein wird.

Noch zögert die Kundschaft bei der Wahl des Antriebssystems. Wie schnell werden sich elektrifizierte Antriebe durchsetzen.

Wir verfolgen grundsätzlich eine 3-Säulen-Antriebsstrategie. Schon früh haben wir uns für eine 48-Volt-Elektrifizierung entschieden. Für die Kunden, die bestimmte Distanzen rein elektrisch zurücklegen wollen und gleichzeitig unbekümmert auf längeren Strecken unterwegs sein wollen, haben wir als zweite Lösung die Plug-in-Hybride im Angebot. Dann gibt es die dritte Säule, die rein elektrisch angetriebenen Modelle, von denen wir in den nächsten Jahren zahlreiche neue Modelle bringen werden. Der EQC ist schon in vielen Märkten im Angebot und Ende dieses Jahres werden wir im Kompaktsegment den EQA präsentieren.

Ein Problem ist die Reichweite.

Wir stellen bei den rein elektrisch angetriebenen Fahrzeugen einen grossen Zuspruch unserer Kunden fest. Elektroautos kommen allerdings häufig noch als Zweitfahrzeug auf die Strasse,. Doch wenn Elektrofahrzeuge mit 700 Kilometer Reichweite erhältlich sind, wird das Interesse noch weiter steigen. Dazu leisten auch Plug-in-Hybride einen Beitrag: Nicht nur in der neuen E-Klasse, sondern auch bei den Kompakten bieten wir Plug-in-Hybride an. GLA, CLA Coupé und CLA Shooting Brake bieten bereits über 70 Kilometer elektrische Reichweite. Je grösser diese Reichweiten werden, desto stärker wird auch der Zuspruch der Kunden sein. Ich bin also optimistisch, was diese Transformation im Sinne der Elektrifizierung angeht.

Elektroautos sind noch immer teuer – für den Hersteller wie für den Kunden. Wie kriegen Sie – nach dem guten Jahr 2019 – im laufenden Jahr wirtschaftlich die Kurve?

Wie für neue Technologien üblich, ist auch die Elektromobilität zum jetzigen Zeitpunkt noch preisintensiver. Was unseren weltweiten Pw-Absatz in diesem Jahr betrifft, gehe ich davon aus, dass wir durch die Entwicklung des Premiummarktes und der gesamten Wirtschaft nur ganz leicht unter Vorjahr liegen werden. Grundsätzlich bin ich sehr zuversichtlich.

Deutlich dynamischer und alltagstauglicher soll der neue GLA 45 geworden sein. Der Vierzylinder liefert 387 PS, in der S-Variante sogar 421 PS.

Deutlich dynamischer und alltagstauglicher soll der neue GLA 45 geworden sein. Der Vierzylinder liefert 387 PS, in der S-Variante sogar 421 PS.

HO

Aufgrund der aktuell angespannten Lage mit dem Corona-Virus bleiben in China zurzeit viele Bänder stehen. Welche Auswirkungen wird das auf Ihren Geschäftsgang haben?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt für Mercedes nicht bestätigen. Wir haben zwar die Neujahrspause in China um eine Woche verlängert, ab dem 10. Februar dann aber die Produktion wiederaufgenommen und fahren diese sukzessive hoch. Zurzeit müssen wir nicht mit Unterbrechungen in den Lieferketten rechnen. Aber natürlich ist das ein Thema, das wir Tag für Tag genau analysieren. Für eine finale Einschätzung der weiteren Entwicklung ist es jedoch noch zu früh. Im April werden wir weitere Details über die Geschäftsentwicklung kommunizieren.

Nun hat der Autosalon in Genf ja nicht stattgefunden. Was wären denn die wichtigsten Neuheiten des Autosalons gewesen?

Die E-Klasse, deren neue Generation wir angesichts der Absage des Genfer Automobilsalons digital der Öffentlichkeit vorgestellt haben, ist für uns das Herz der Marke. Mit über 14 Millionen verkaufter Fahrzeuge insgesamt und mehr als 1,2 Millionen verkauften Fahrzeugen der aktuellen Modellgeneration ist sie äusserst erfolgreich. Seit Dekaden ist sie das führende Fahrzeug in ihrem Segment. Innerhalb unseres Produktportfolios ist sie als klassische Geschäftslimousine auch Garant für technologische Innovation. Wir sind sehr stolz auf die E-Klasse und haben sie jetzt noch dynamischer gemacht.

Inwiefern?

So ist beispielsweise die ursprüngliche Avantgarde-Ausstattung jetzt Standard. Zudem haben wir die AMG-Version beim Design durch einen eigenständigen Grill noch attraktiver gestaltet. Wichtig ist ausserdem, dass in der E-Klasse nun ebenfalls das MBUX-­Infotainmentsystem integriert ist. Ein weiteres Highlight unserer digitalen Weltpremiere waren unsere kompakten Modelle mit Hybridantrieb. Die ­Kompaktwagen von Mercedes-Benz sind mit über sieben Millionen verkaufter Fahrzeuge äusserst erfolgreich. Schon deshalb ist es wichtig für uns, auch in diesem volumenstarken ­Segment Plug-­in-Hybridversionen und Elektrovarianten auf den Markt zu bringen. Mit diesen und weiteren Modellen führen wir Mercedes in die CO2-neu­trale Mobilität. Unsere Strategie ist es, mit der Marke Mercedes auf nachhaltigen, modernen Luxus zu setzen. Dies manifestiert sich im Marketing unter anderem auch ganz stark beim Thema Digitalisierung.

Lesen Sie hier wie Autobauer die Digitalisierung meistern wollen:

Dann ist schon bald Ende bei den Verbrennern?

Wir sind davon überzeugt, dass wir bis 2030 mehr als 50 Prozent unseres Absatzes mit Plug-in-Hybriden und elektrischen Modellen erreichen werden. Was natürlich auch im Umkehrschluss bedeutet, dass noch 50 Prozent unserer verkauften Fahrzeuge einen Verbrennungsmotor haben werden – dann aber mit entsprechender 48-Volt-Elektrifizierung.

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