Mit diesen fünf Kinderbüchern macht man Enkel, Nichten und Göttikinder glücklich

Bettina Kugler
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Das reiche Leben einer Eiche

Waldkinder werden dieses erzählende Sachbuch nicht brauchen, um Sehnsucht nach dem Duft frisch gefällter Bäume und feuchter Blätter zu bekommen. Für Stubenhocker und Leseanfänger aber ist Gerda Mullers neuaufgelegter Klassiker eine unwiderstehliche Verlockung. Zwei Stadtkinder, Leo und Carolina, haben darin das Glück, Ferien bei ihrem Cousin Timm in der Försterei zu machen. Lustvoll stromern sie herum, bauen Hütten, beobachten Vögel, Dachse und Eichhörnchen, entdecken den Wald zu allen Jahreszeiten. Am liebsten besuchen sie die 300-jährige Eiche. Was sich in ihrer Nähe regt und wie der Wald bewirtschaftet wird, zeigen Text und Bilder in glücklicher Verbindung – dazu gibt es weitere Informationen im Anhang. Indoor und Outdoor reine Waldeslust!

Gerda Muller: Unser Baum. Ab 6. Moritz, 40 S., Fr. 22.–

Ein Dachs boxt sich durch

Bekannte Autoren profitieren vom Bonus gesteigerter medialer Aufmerksamkeit, wenn sie sich erstmals an ein Kinderbuch wagen – manchmal scheitern sie jedoch auf hohem literarischen Niveau. Nicht so die Schottin A. L. Kennedy, die mit «Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer» einen fast geplanten Knüller in bester schwarzhumoriger Tradition hinlegt. Man merkt in jeder Zeile das Vergnügen der Autorin beim Erfinden dieser absurd komischen Story, und mit Dachs Dan und den böse malträtierten Lamas grüsst auch Kinderbuch-Altmeister Roald Dahl. Der Plot ist ziemlich abgedreht, doch darauf kommt es auch nicht an – wie bei vielen grossen Vorbildern. Zu lachen gibt es reichlich.

A. L. Kennedy: Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer. Mit Bildern von Gemma Correl. Ab 8. Orell Füssli, 192 S., Fr. 22.–

Kieferorthopädischer Krimi

Wenn Lukas Hartmann für Kinder schreibt, ist er immer nah am Alltag und nah bei seiner Zielgruppe – auf angenehmste Weise. Das heisst nicht, dass etwas beschönigt wird. Aber durchaus, dass die vertrauten Dinge einen Dreh ins Abenteuerliche, sogar ins Fantastische nehmen können. In seinem neuen Roman beginnt die Zahnspange des 12-jährigen Tobi plötzlich zu sprechen und ihm Dinge einzuflüstern. Sehr praktisch bei kleinen Wissenslücken in der Schule, aber auch unheimlich. Bald hat Tobi einen schlimmen Verdacht: Die Spange spioniert ihn aus. Denn Tobis Vater programmiert zu Hause geheime Sicherheitssysteme. Es wird also richtig kriminell und spannend. Zum Glück ist Tobi vif und sympathisch – ein Alltagsheld, mit dem man gern einen echten Thriller durchmacht.

Lukas Hartmann: Die magische Zahnspange. Ab 10. Diogenes, 240 S., Fr. 21.–

Der Trost exakter Wissenschaft

Jäh bricht der Tod ein in die (nicht ganz heile) Lebenswirklichkeit der 12-jährigen Suzy, als ihre beste Freundin Franny in den Ferien ertrinkt – obwohl sie stets eine gute Schwimmerin war. Dass manche Dinge «einfach passieren», ohne plausiblen Grund, will Suzy nicht gelten lassen: Dafür denkt sie zu analytisch und wissenschaftlich. So beisst sie sich fest an der fixen Idee, Franny könne an einem hochgiftigen Quallenstich gestorben sein; dies akribisch nachzuweisen, wird zu einer besonderen Form der Trauerarbeit und der Selbstfindung auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Mit sensibler Leichtigkeit erzählt der Roman von der Tiefe und Verletzlichkeit einer Mädchenfreundschaft und berührt existenzielle Fragen nach dem Sinn des Lebens und Sterbens.

Ali Benjamin: Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren. Ab 12. Hanser,
240 S., Fr. 25.–

Jugendliche Grundsatzfragen, schonungslos offen

Es braucht etwas Courage, um dieses Buch einem Fünfzehnjährigen zu schenken – und nicht der etwas jüngeren Schwester: der Titel ist blumig, das Cover macht es kaum besser. Der Eindruck freilich täuscht, denn Elisabeth Steinkellner rast in den kurzen, perspektivisch wechselnden Kapiteln in lässiger, virtuoser Hochgeschwindigkeit durch das Universum jugendlicher Existenznöte und Grundsatzfragen – ohne Scheu vor den einschlägigen Problemzonen. Simon ist auf der Suche nach einem Typen, in den er sich unsterblich verliebt hat, Antonia kann sich nicht von den Schuldgefühlen lösen seit ihr depressiver älterer Bruder sich das Leben genommen hat. Nichts gegen Fantasy: Doch starke Literatur für einen komplizierten Lebensabschnitt ist mindestens so wichtig.

Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean, den wir das Leben nennen. Ab 14. Beltz & Gelberg, 236 S., Fr. 22.–