LEUCA–TRIEST: Und es gibt sie doch – die Ciclovia Adriatica

Eine Veloreise entlang der italienischen Adria – von der Südspitze Apuliens bis an die Grenze zu Slowenien.

Doro Staub
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Die neue Velo- und Fussgängerbrücke in Pescara. (Bild: Doro Staub)

Die neue Velo- und Fussgängerbrücke in Pescara. (Bild: Doro Staub)

«Die Ciclovia Adriatica gibt es nicht», sagt Milan Golob und zieht sich die tropfenden Socken von den Füssen. Das Gewitter um Brindisi hat ihn zünftig erwischt. «Ich bin von Ravenna bis hierher gefahren und habe kaum Radwege und keinen einzigen Wegweiser angetroffen. Schön ist’s trotzdem», lächelt der am Thunersee wohnhafte Slowene. Die Sonne scheint schon wieder auf sein bepacktes Velo. Tatsächlich sind Informationen über die Ciclovia Adriatica einzig auf der Webseite von bicitalia.org zu finden: Der 1300 Kilometer lange Fernradweg durchquert dem Adriatischen Meer entlang sieben italienische Regionen. Er beginnt in Santa Maria de Leuca in Apulien, am südlichsten Punkt des Stiefelabsatzes, und endet in Triest, an der Grenze zu Slowenien. Weder eine Karte mit dem genauen Streckenverlauf noch andere Informationen sind vor der Reise aufzutreiben. Umso grösser die Neugier: Gibt es die Ciclovia Adriatica oder nicht?

Apulien ist flach und lässt sich leicht per Velo erkunden. Küsten- und Landstrassen wechseln sich ab, führen durch Blumenwiesen und beschauliche Orte. In den Altstadtgassen von Bari palavern Frauen an langen Tischen und formen flink die typisch apulische Pasta Orecchiette. Die Öhrchen sind ein beliebtes Touristenmitbringsel. Der starke Wind schiebt gegen Norden. Giovinazzo entzückt nicht nur mit einer lebhaften Altstadt, sondern auch mit einem Veloweg, der bis zum Nachbarort Molfetta führt. Von der Ciclovia Adriatica weiss allerdings niemand, nicht einmal im Touristenbüro.

Frohes Pedalen am Gargano, mit Pass- und Küstenfahrten

Der Sporn des italienischen Stiefels, der Gargano, fordert zum ersten Mal die Radlerbeine heraus. Ein kleiner Pass führt nach Mattinata, das wie ein Nest am Berg klebt. Die Küstenstrasse nach Vieste belohnt mit Ausblicken über das Meer und mit Erfrischungen in den Badebuchten. Der Gargano ist beliebt bei Velofahrern, im Landesinnern lässt sich in aller Ruhe pedalen.

In der Fussgängerzone von Termoli steht ein bepacktes Velo vor einer Konditorei. Es gehört Joëlle, der jungen Venezianerin, die Italien im Uhrzeigersinn umrundet. «Doch, doch, die Ciclovia Adriatica gibt es. Gestern haben mich ein paar Einheimische darauf geführt. Aber das war eher ein Trampelpfad, ich musste oft schieben. Mit dem bepackten Velo kannst du sie kaum befahren – etwas für Mountainbiker.» Die Abruzzen sind eine attraktive Reiseregion. Weit hinter den langen Sandstränden thront majestätisch der schneebedeckte Gran Sasso, mit 2912 Metern die höchste Erhebung des Apennin. Durch Pescara führt ein perfekt ausgebauter Veloweg. Als Höhepunkt verbindet eine neue Fussgänger- und Velobrücke die zwei Stadtteile, die durch eine Flussmündung getrennt sind. Und dann passiert es: Mitten auf einem Holperweg hängt an einen Zaun genagelt ein Wegweiser: Ciclovia Adriatica. Es gibt sie also doch. Zumindest in den Abruzzen. In Giulianova kurven zwei lustige Gesellen herum. Die zwei Römer Mauro Borioni und Giorgio Marcelli sind mit ihren alten Velos und Minimalgepäck unterwegs, um den Sohn des einen in Ravenna zu besuchen. Die beiden wissen genau, wo es reichhaltiges Velofahrer-Abendessen gibt: In einem kahlen Campingrestaurant, völlig abgelegen und von Touristen kaum erwartet, trägt der Chef persönlich auf. Die Region Marken weiter nördlich ist im Landesinneren wesentlich attraktiver als den Stränden entlang. Eine Ausnahme bietet die Panoramastrasse von Pesaro nach Cattolica. Hier gibt es Hügel, fabelhafte Aussicht aufs Meer und viele bunte Velofahrer.

In der Gegend um das Po-Delta finden Velofahrer ein enges Netz von Naturwegen zum Erkunden. So schön sie sind, mit dem bepackten Velo sind die teilweise sandigen oder überwachsenen Wege eine Herausforderung. Chioggia ist von Kanälen durchzogen wie VenedigAABB22– bloss etwas überschaubarer, auch was die Touristenmassen betrifft. Von hier aus lässt sich die verkehrsbelastete Zone um Venedig elegant umschiffen: Ein Boot bringt Velo und Passagiere zu der vorgelagerten Insel Pellestrina, ein weiteres zum Lido di Venezia und ein drittes schliesslich nach Punta Sabbioni, von wo aus wieder Festland unter den Rädern ist. Flach führt die Strasse vorbei an den Badeorten Jesolo, Caorle und Bibione. Die Zielgerade belohnt noch einmal mit Panoramablicken über die Küste.

Und dann das stolze Triest. Ein würdiger Abschluss der Ciclovia Adriatica, die zwar nicht als durchgehender Veloweg, aber durchaus mit Vergnügen befahrbar ist.

Doro Staub