Baden im Farbenmeer: Lichtfestivals erobern die Schweiz

Lichtkunst
Baden im Farbenmeer: Lichtfestivals erobern die Schweiz

Bild: Carim Jost / Lichtfest Murten

Lichtfestivals hellen die dunkle Jahreszeit auf. Auf einem Stadtrundgang durch Murten, wo die Realität von flimmernden fantastischen Welten überlagert wird.

Annika Bangerter
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Es ist stockfinster, da leuchtet ein ­Augenpaar auf. Eine Eule schreit, löst sich aus der Dunkelheit und flattert unter den Dachbalken weg. Bald ­huschen die Schatten von Ratten über den Boden, Fledermäuse schrecken auf, und Hirsche ziehen in eleganten Schritten vorbei. Wir sind im Reich jener Tiere gelandet, die in der Dunkelheit leben – und für einmal im Hellen erstrahlen.

Bei der ersten Station am Rundgang des «Circuit secret» ziehen nachtaktive Tiere an einem vorbei.

Bei der ersten Station am Rundgang des «Circuit secret» ziehen nachtaktive Tiere an einem vorbei.

Bild: Carim Jost

Wer in den «Circuit secret» eintreten will, braucht jedoch einen Schlüssel. Damit lassen sich mitten in Murten sechs Türen zu ganz unterschiedlichen Installationen öffnen. Der Stadtrundgang führt in Räume, die sonst nicht zugänglich sind: in Keller unter den Lauben, in einen Gefängnisturm oder ins ehemalige Feuerwehrmagazin.

Mal verspielt, mal brachial zeigt sie die Vielfalt des projizierten Farbenspiels. Es schimmert auf dem Stadtrundgang, es glitzert, wabert, blitzt, grollt. Aber vor allem ist er bunt – und somit genau das Richtige in den düsteren Wintermonaten.

Am «Circuit secret» fühlt es sich zeitweise an, als ob man in ein Kaleidoskop gefallen wäre.

Am «Circuit secret» fühlt es sich zeitweise an, als ob man in ein Kaleidoskop gefallen wäre.

Bild: Carim Jost

Zum ersten Mal lanciert die Stadt Murten den «Circuit secret». Er soll seinen Teil beitragen, dass sich Murten Hauptstadt des Lichts nennen kann. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Lichtfestivals gibt es in immer mehr Schweizer Städten (siehe Boxen). Nach Lausanne oder Luzern funkelt es diesen Winter erstmals auch auf dem Berner Hausberg Gurten und in Zürich strahlt das Landesmuseum erneut.

Die Festivals finden vor allem dort statt, wo die Touristen in den kalten Wintermonaten ausbleiben: in den Städten. Gebäude und Plätze werden mit einem Farbenmeer überzogen, bunt und verspielt die Fassaden verziert. Fantastische Welten überlagern die Realität und versetzen die Besucherinnen und Besucher in sich stets wandelnde Gemälde. Längst geht es nicht nur um farbige Lichtkegel, die fröhlich um einen tanzen, sondern um Kunst, in die man eintaucht.

Ein Herz, das mit Licht auf Nähe reagiert

Beim Rundgang in Murten haben sechs Künstlerinnen und Künstler die Räume des «Circuit secret» gestaltet. «Uns war die Diversität wichtig. Wir haben sowohl Kulturschaf­fende aus dem Kanton Freiburg als auch aus dem Ausland berück­sichtigt», sagt Projektleiterin Katja Stauffer.

Einen Keller bespielen die Lichtkünstler von GNI Projects aus London. Anders als bei den weiteren In­stallationen spielt die Aktualität hier eine zentrale Rolle. Mit ihrer interaktiven Lichtkunst «Stayin’ alight» thematisieren die Künstler Distanz und fehlende Nähe in Zeiten der Pandemie.

Dafür haben sie ­zwischen den alten Mauern der Zähringerstadt ein Herz geschaffen, das umso heller leuchtet, je mehr man darauf zugeht. Die Künstler wollen einen Raum erschaffen, in dem sich die Besucherinnen und Besucher an jene Menschen erinnern, die sie vermissen oder gar verloren haben. Der besinnlichste Ort auf dem Rundgang.

Das Herz leuchtet umso heller, je näher man darauf zugeht.

Das Herz leuchtet umso heller, je näher man darauf zugeht.

Bild: Murten Tourismus

Ganz anders ist das Erlebnis einige Stationen weiter, im ehemaligen Feuerwehrmagazin der Stadt. Dieses bespielt der Murtner Adrian ­Scher­zinger mit einer opulent bunten Reise durch traumhafte Welten. ­Dabei lässt er zu Musik Sternschnuppen regnen, Wasserfälle tosen oder Fisch­schwärme zwischen Korallen schwimmen. Die farbenfrohen Naturbilder kreisen an den Hallenwänden um einen. Auch den im Raum angelegten Teich erweckt der Lichtkünstler zum Leben.

Draussen prasselt der Regen, drinnen lässt sich in die Unterwasserwelt eintauchen.

Draussen prasselt der Regen, drinnen lässt sich in die Unterwasserwelt eintauchen.

Bild: Carim Jost

Es ist eine Fantasiewelt, die man nur ungern verlässt. Insbesondere, wenn draussen der Regen prasselt und die feuchte Kälte sich in die Schuhe schleicht. Wer hungrig nach mehr Licht und Essen ist, steuert das Hotel Bad Murtensee an. Dort kocht «Le ­Petit Chef» direkt vor den Gästen ein 5-Gang-Menü; dabei werden die Teller zur Leinwand.

Nur daumengross flitzt der eifrige Koch mittels Projektion über den Tellerrand, rollt Radieschen darüber und bereitet unterschiedliche Gerichte zu. Nachdem er bereits in Jakarta, Berlin und Bangkok zu sehen war, verweilt «Le Petit Chef» bis Mitte April in Murten. Er kocht auch während des 12-tägigen Murten-Lichtfestivals, welches das Städtchen bereits zum sechsten Mal mit leuchtenden Visionen überzieht.

An diesen Festivals leuchten die Lichter besonders schön:

Lausanne

Bild: Laurent Gillieron

Das «Festival Lausanne Lumières» dauert noch bis zum 24. Dezember. Jeden Abend ab 18.30 Uhr erstrahlen an den Fassaden von neun Gebäuden Lichtkunstwerke. www.lausanne-tourisme.ch

Bern

Bild: Sylvia Michel

Erstmals findet das «Winter Wonderland» auf dem Berner Hausberg Gurten statt. 120 lebensgrosse Tierskulpturen sind auf einem Rundweg bis zum 31. Januar zu sehen. Der Eintritt kostet 26 Franken. www.gurtenpark.ch

Luzern

Bild: Pius Amrein

Vom 6. bis 16. Januar 2022 findet das Lichtfestival Lilu in Luzern statt. Der Rundgang zu den Lichtinstallationen ist kostenlos und täglich von 18 bis 22 Uhr möglich. www.lichtfestivalluzern.ch

Murten

Bild: Keystone

Das Murten Lichtfestival findet vom 19. bis 30. Januar 2022 statt – täglich von 18 bis 22 Uhr. Tickets gibt es für acht Franken. Der Stadtrundgang «Circuit secret» ist bis zum 31. März 2022 begehbar (Do bis So) und kostet 18 Franken. www.murtenlichtlab.ch

Zürich

Bild: Makanart

Das Lichtfestival «Illuminarium» lässt das Landesmuseum Zürich bis zum 30. Dezember erstrahlen. Der Zugang zum Innenhof mit den Essens­ständen ist gratis. Eintritt für zwei Shows: 19.80 Franken. www.illuminarium.ch

Lenzerheide / Kloten

Bild: zvg

Der beliebte «Zauberwald» der Lenzerheide funkelt als «Zauberpark» neu am Flughafen Zürich. An beiden Orten gibt es Lichtkunst und Konzerte. www.zauberwald-lenzerheide.ch und www.zauberpark.ch