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Kolumne

Liebe, Glaube, Hoffnung – und nicht zu vergessen, Instagram

Warum einem die Religionslehrerin aus der Primarschule in den Sinn kommt und aus Kathedralen auch mal Zentralen werden können.
Susanne Holz

Neulich beim Mittagessen meinte die ältere Tochter plötzlich, es sei wichtig, seine Mitmenschen immer so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Ich war begeistert. Mir fiel spontan meine Religionslehrerin ein, die ich als kleines Mädchen von der 1. bis zur 4. Klasse hatte. Eine freundliche ältere Dame mit hellroten Haaren, die uns Kindern solche und andere Weisheiten der Nächstenliebe vermittelte. In meiner Erinnerung ist sie die zentrale Person, die mir die Koordinaten sozialen Verhaltens aufzeigte.

Und als sie einmal eines sonnigen Nachmittags im Mai uns Kinder spielend auf der Strasse antraf und wir ihr erzählten, dass wir gerade einen Geburtstag feierten – in den Siebzigern gab es zum Kindergeburtstag noch Saft und Kuchen, und dann ging man raus zum Spielen, und die Eltern mussten noch keine grossartigen Eventprogramme aus dem Ärmel schütteln –, da lud uns die freundliche rothaarige Religionslehrerin ein paar Tage später zu sich nach Hause ein, zu Saft und Kuchen. Ich werde das nie vergessen, es hat mich sehr beeindruckt.

Wir Kinder fühlten uns nicht ganz entspannt bei dieser Einladung, aber mit unseren sieben Jahren begriffen wir damals schon: Die Frau ist nett.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich fragte die Tochter also, in Gedanken an meine Schulzeit, ob sie diesen Leitsatz der christlichen Nächstenliebe aus dem Religionsunterricht habe. «Nein», antwortet die 14-Jährige mit einem Grinsen, «das habe ich von Instagram.»

Das sorgte für allgemeine Heiterkeit am Tisch. Und entlastete auch mich als Mutter ganz nebenbei: Das Handy ist nicht nur des Teufels, und die sozialen Medien taugen mitunter sogar zum Ethikunterricht. Wer hätte das gedacht.

Die Zeiten sind heute schlicht andere: Tolle Religionslehrer gibt es nach wie vor. Keine Frage.

Doch ist die Schule in den höheren Klassen manchmal so streng, dass man das Kind gern vom Religionsunterricht befreit, nur damit es ein paar Stunden frei hat zwischendurch.

Und ebenso haben es Eltern nicht leicht. Zwischen Geld verdienen, Miete bezahlen, Rechnungen bezahlen, Haushalt, verschiedensten gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen sowie gelegentlicher sportlicher Ertüchtigung, um dem ganzen Stress die Stirn zu bieten, bleibt wenig Zeit, um der Kinderschar das Handy auszureden.

Angeblich hat nicht mal Oliver Bierhoff es geschafft, die deutsche Fussballelf während der WM des Abends und des Nachts vom Fortnite-Spielen abzuhalten. Zumindest zitieren gewisse Medien Bayern-Boss Hoeness mit der Aussage:

«Hätten unsere Nationalspieler weniger gedaddelt, hätten sie nachts besser geschlafen und nicht während des Spiels.»

Zu viel gezockt und deshalb so früh ausgeschieden? Wie dem auch sei, ob zu viel Fortnite gezockt oder nicht – aus christlicher Sicht haben die deutschen Nationalspieler nichts falsch gemacht: Denn wer möchte schon guten Gewissens so hochmütig sein, zweimal hintereinander Fussballweltmeister zu werden? Bescheidenheit ist eine Zier, und Mässigung ist eine der vier Kardinaltugenden – neben Klugheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Das lernt man ja schon im Religionsunterricht.

Die kleine Tochter besucht diesen übrigens noch, ganz brav und hoffentlich auch aufmerksam. Ist wahrscheinlich kein Fehler – ein paar Begriffe scheinen ihr nach wie vor völlig und rundweg fremd zu sein. Wobei diese Termini weniger im Komplex von Erbauung und Moral liegen als vielmehr im konkreten baulichen Bereich.

In einer Woche Südfrankreich tat die gestresste Familie kürzlich Folgendes: Sie erholte sich zwischen Olivenbäumen, badete im Mittelmeer und besuchte – weil gratis, eindrücklich und naheliegend – so manche Kathedrale.

Wobei die Jüngste jedes Mal leicht missmutig meinte: «Müssen wir jetzt wirklich in diese, äh, Zentrale?»

Diese Wortverwechslung trug genauso zu meiner Erbauung bei wie die Tatsache, dass beide Töchter in einem kurzen unheimlichen Moment alleine in der Dunkelheit zwischen Olivenbäumen das «Vaterunser» beteten. Das haben sie aus dem Religionsunterricht und ziemlich sicher nicht von Instagram.

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