Lifestyle
Genug von nordischen Wohlfühlphilosophien wie Hygge oder Lagom? Dann könnte Sie Niksen begeistern

Prominente und Lifestyle-Gurus wollen uns jedes Jahr neue Lebensführungs-Tipps verkaufen. Doch dieses Jahr ist süsses Nichtstun hoch im Kurs.

Silvia Schaub
Merken
Drucken
Teilen
Gesund und gut für die Psyche: Im Grünen liegen und nichts tun.

Gesund und gut für die Psyche: Im Grünen liegen und nichts tun.

Keystone

Wann haben Sie letztmals einfach nichts getan? Wirklich nichts, nicht mal aufs Smartphone geschaut? Sondern sich einfach in einen Sessel gekuschelt, zum Fenster hinausgeschaut und die Gedanken treiben lassen? Eben. Das dürfte wohl schon eine Weile her sein. Wahrscheinlich waren Sie da sogar noch ein Kind – und wurden dann fürs Nichtstun auch noch als Faulenzer abgestraft.

Sich für einen Moment aus dem Hamsterrad zu nehmen und einfach nur zu sein, wünscht man sich ja nur zu gern, lässt es dann aber doch meist bleiben – weil die Gedanken schon wieder beim nächsten Projekt sind. Dabei weiss man aus Studien, dass gerade unproduktive, leere Momente enorm wichtig sind und noch dazu die Kreativität und die Motivation fördern können.

Da kommt Niksen wie gerufen. Ja, schon wieder eine Wohlfühlphilosophie aus dem Norden. Nach dem dänischen Hygge und dem schwedischen Lagom tragen auch die Niederländer etwas dazu bei: Niksen ist die Aufforderung zum Faulenzen, Lümmeln, Chillen oder wie immer man das benennen will. Hauptsache, man tut nichts, rein gar nichts.

Langeweile wird plötzlich zum Hype

In der holländischen Sprache ist der Begriff nicht neu, nur war er früher negativ konnotiert und stand für Faulenzer, Nichtsnutze. Nun aber ist das blosse Sein ohne Sinn und Zweck, das Tagträumen, das Sich-Einlassen auf die Langeweile plötzlich ein Hype. Klingt wohltuend. Eigentlich. Das Problem aber ist: Wie schafft man das nur?

Diese Frage stellte sich Annette Lavrijsen. Die Journalistin erklärt im Buch «Niksen» das Happiness-Prinzip aus den Niederlanden, gibt Ideen für tägliche Wohlfühlpausen und praktische Anleitungen. «Man braucht sich fürs Nichtstun absolut nicht zu schämen», schreibt sie, «sondern soll die Freiheit entdecken, nichts zu tun, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.»

Damit bringt sie Niksen auf den Punkt und gibt Tipps, wo sich die Auszeitmomente im Alltag einbauen lassen: zu Hause, unterwegs, am Arbeitsplatz und sogar online. «Niksen kann jeder», ist sie überzeugt. Beim Zugfahren aus dem Fenster starren, in der Natur, im Schaukelstuhl. Am besten plane man die Erholungsphasen in der Agenda ein – wie Berufs- oder Arzttermine.

Auch wenn das Niksen als Trend vielleicht bald wieder verschwinden wird, es zeigt mit dem Finger auf einen wunden Punkt unserer Gesellschaft. Nicht erst seit Burn-outs von der World Health Organisation offiziell als chronische Krankheit anerkannt wurden, wissen wir, dass unsere durchgetaktete Lebensweise nicht ganz unproblematisch ist. Gerade in der aktuellen Coronapandemie, in der Depressionen und andere psychische Krankheiten massiv zugenommen haben, kommt vielleicht der Ansatz des Niksen zu mehr Gelassenheit im richtigen Moment. Allein schon, wenn wir es wie die Bündner halten und das Leben einfach mehr «patgific» nehmen, könnten wir an Lebensqualität gewinnen.

Niksen: Annette LavrijsenKnesebeck-Verlag144 S., Fr. 25.90.

Niksen: Annette Lavrijsen
Knesebeck-Verlag
144 S., Fr. 25.90.

zvg