Literatur
Levitikus und Co. – Unterdrückung im Namen Gottes

In seinem Buch «Jakobs Fluch» geht Josef Burri der Frage nach, ob und wie der immer noch existierende Hass auf homosexuelle Menschen mit den heiligen Schriften begründet werden kann.

Andreas Faessler Jetzt kommentieren
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Gleichgeschlechtliche Liebe: Die heiligen Schriften verurteilen sie nicht. Zu diesem Schluss kommt Autor Josef Burri.

Gleichgeschlechtliche Liebe: Die heiligen Schriften verurteilen sie nicht. Zu diesem Schluss kommt Autor Josef Burri.

Archivbild: Reto Martin

Selbst im fortschreitenden 21. Jahrhundert leiden gleichgeschlechtlich liebende Menschen unter Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung. In vielen Ländern müssen sie gar um ihr Leben bangen. Für diese feindliche Gesinnung werden vor allem Bibel und Koran herangezogen, mit ihnen wird Homophobie gerechtfertigt. Abertausende haben über die Jahrhunderte hinweg «im Namen Gottes» wegen der sexuellen Neigung ihr Leben lassen müssen. Die Suche nach den zugrunde liegenden Textstellen in den Schriften fällt allerdings sehr spärlich aus. In der Bibel schneiden lediglich zwei kurze Verse das Thema konkret an – je eine im Buch Levitikus und im Römerbrief. Wenig Worte, viel Leid.

In seiner neuen Publikation «Jakobs Fluch» widmet sich der Autor, Filmproduzent und Theologe Josef Burri den erschütternden Folgen von Bibel- und Koranversen für homosexuelle Menschen bis heute. Er zeigt auf, dass Ächtung, Verfolgung und Bestrafung von Betroffenen aus religiösen Gründen bei weitem nicht eine Angelegenheit für die Mottenkiste ist. Im Gegenteil: Unterdrückung, Mobbing, Gewalt und Diskriminierung dieser Menschen im Namen Gottes oder Allahs sind gegenwärtiger denn je.

Das hat sich auch Josef Burri offenbart: Am Anfang seines Buchprojektes standen Begegnungen mit homosexuellen Flüchtlingen. Deren Erlebnisse sollten in einem Dokumentarfilm verarbeitet werden. Sie alle hatten eines gemeinsam: religiös begründete Homophobie, am eigenen Leib erfahren. Burri trieb darauf die Frage um, ob und inwiefern auf die monotheistischen Schriften als Grund für die Ablehnung von Homosexualität verwiesen werden kann. Schliesslich war die Idee zu «Jakobs Fluch» geboren.

Ein paar Worte – missbraucht und instrumentalisiert

Burri taucht tief in die Bibelgeschichte ein, bildet die gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die moralischen Vorstellungen von damals ab – die mit dem modernen, gesunden Verständnis der Geschlechterrollen freilich wenig mehr gemein haben. Was nach all den Exkursen in die biblische Welt von vor über 2000 Jahren hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Sexualität bleibt, sind die im Vergleich verschwindend kleinen Verse, welche eingangs angeführt worden sind.

Das Unfassbare: Diese Textstellen werden bis heute unreflektiert missbraucht und instrumentalisiert, um die ungeheuren Verbrechen an homosexuellen Menschen respektive den Hass auf sie zu rechtfertigen. Ohne die mehrfach tradierten, veränderten und wiederholt übersetzten Verse in den notwendigen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext zu stellen, werden sie im heutigen Wortlaut 1:1 ausgelegt. Diese untaugliche Praxis erweist sich als brandgefährlich und fatal.

In Tat und Wahrheit nämlich – so sind sich ernst zu nehmende Exegeten weitgehend einig – ist weder in der Bibel noch im Koran auch nur ein wertendes Wort zu lesen über Homosexualität, wie sie im heutigen Sinne verstanden wird: eine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung von Menschen gleichen Geschlechts.

Den Weg der Reflexion gehen

Im Laufe seiner Recherchen zum Thema kommt Josef Burri zum denkwürdigen Schluss, dass neben Machtbesessenheit vor allem ideologische Verblendung Hauptgrund für den Missbrauch der besagten Texte ist. Burri aber ist überzeugt: Wer die monotheistischen Schriften mit Offenheit, ohne Voreingenommenheit und vor allem ernsthaft lesen und verstehen will, der kommt zum Schluss, dass sich Gott der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht weniger zuwendet als derjenigen zwischen Mann und Frau.

Seine Folgerung begründet der Autor auf rund 220 Seiten in aller Ausführlichkeit. Er liefert fundierte Nachhilfe für die Interpretation gern zitierter Schriften wie etwa diejenigen von Augustinus, welcher ein gestörtes persönliches Verhältnis zur Sexualität allgemein hatte. Oder Paulus. Dass es ihm in seinen Botschaften um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Frau- und Mannsein ging und nicht um eine moralische Verurteilung gleichgeschlechtlicher Liebe, wird grundsätzlich ausgeblendet. Und Thomas von Aquin? Der hat ohnehin jegliche sexuelle Handlung verteufelt, die nicht explizit die Zeugung neuen Lebens zum Ziel hat.

Josef Burri greift im Buch auch einige der persönlichen Schicksale auf, von denen er bei seinen Begegnungen schmerzlich erfahren hat. Mit der Obrigkeit, welche diese unsäglichen Zustände verantwortet, geht er hart ins Gericht und findet klare, auch weniger diplomatische Worte. Burris Fazit bleibt: Weder Bibel noch Koran verurteilen die gleichgeschlechtliche Liebe.

Josef Burri, «Jakobs Fluch», Verlag Rex, Luzern, 228 Seiten, ISBN 978-3-7252-1090-9

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