Analyse

Lohnen sich die Corona-Ersatzangebote der Kulturszene? Unsere Kritiker sind sich uneinig

Unsere Theaterkritikerin stiess auf spannende Produktionen, der Musikkritiker dagegen ist skeptisch wegen der Klassik-light-Abende.

Julia Stephan und Christian Berzins
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Julia Stephan meint: «Kunst findet immer einen Weg»

S onntagabend. Für den ersten heiligen Bühnenmoment nach drei Monaten Bildschirmtheater hatte ich im Restaurant sogar mein Mousse au Chocolat stehen gelassen. Doch das Schauspielhaus Zürich servierte mir dann doch nicht das erhoffte Bühnenschmankerl, sondern setzte mich gnadenlos auf Diät.

Der Grund: Einer der Performer hatte sich am Vortag verletzt. Und so gab es statt eines Zweikomponentengerichts aus Film und Performance nur noch den Film der Arbeit «Composition (vor) IV» zu sehen. Sofort begann die quälende «Was wäre, wenn …?»-Gedankenschraube, die sich seit Corona ständig in mein Hirn bohrt, wieder zu drehen. Was, wenn dieser Abend sich ohne Einschränkungen hätte entwickeln können?

In der fast leeren Schiffbauhalle trank ich das vom Schauspielhaus gesponserten Trost-Cüpli und liess mir von einer Freundin am Telefon den zweiten Teil schildern, mit der ich meine Theater-Diät hätte brechen wollen. Die US-Künstlerin Wu Tsang hat nämlich an Desinfektionsmittelspendern und Coronasaalplänen vorbei ein berührendes, kraftvolles, poetisches Werk geschaffen.

Trotz Unkenrufen: Theater könne nicht spontan auf die Gegenwart reagieren, verhandelte sie Schubladendenken und Rassismus auf einem Schlammfeld in der Schiffbauhalle. Darauf kann man natürlich auch ganz unmetaphorisch ausrutschen. Analoges Theater bleibt ein Wagnis, Corona hin oder her.

Montagabend. Im Basler Villenviertel Bruderholz laufe ich an eindrücklichen und verschlossenen Eingangsportalen vorbei. Der Antiheld Beckmann aus Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama «Draussen vor der Tür« (1946/47) hätte sich hier wahrscheinlich ähnlich deplatziert gefühlt wie ich. Oben, auf der historischen Batterieanlage, mit der man sich einst gegen Napoleon gewappnet hatte, finde ich ihn dann, den ersten Livemoment nach Corona: Schauspieler Jonas Götzinger sitzt stumm als Beckmann neben dem noch nicht enthüllten, ihm zu Ehren errichteten Denkmal.

Mein erster Livemoment: Jonas Götzinger als Kriegsheimkehrer Beckmann (l.) in der Inszenierung «Draussen vor der Tür» in Basel.

Mein erster Livemoment: Jonas Götzinger als Kriegsheimkehrer Beckmann (l.) in der Inszenierung «Draussen vor der Tür» in Basel.

Bild: Theater Basel

Die Freiluft-Inszenierung des Theaters Basel (Regie: Timon Jansen) ist eine grosse Gedenkfeier. Ein Denkmal wird bis zum Schluss zwar nicht enthüllt, dafür aber unser oberflächlicher Umgang mit Geschichte. Was feiern wir da eigentlich? Unser Ego? Unsere Werte? Während in den USA rassistische Denkmäler vom Sockel gerissen werden, bekam ich auf diesem Basler Höhenzug kluge Antworten auf aktuelle Zeitfragen.

Angeregt steige ich mit Hygienemaske wieder in den Zug. Und fühle mich dabei ein wenig wie Kriegsheimkehrer Beckmann mit seiner lächerlichen Gasmaskenbrille: Ich erinnere mit meiner Maske an etwas, an das eigentlich keiner mehr erinnert werden möchte: Noch ist der Ausnahmezustand nicht vorbei.

Dienstagabend, Luzerner Theater. Mit Hygienemaske geht’s rein in die 15-minütige Privataudienz mit Schauspielerin Wiebke Kayser. Ich erahne ihr Lächeln hinter der Maske, als sie mir mit Gesten bedeutet, mich auf einen grossen Papierbogen zu legen. Sorgfältig zieht sie meine Konturen mit Kohlestift nach, dann tue ich es ihr gleich. Ohne zu reden, lernen sich unsere zwei abstrakten Körper am Boden rasend schnell kennen: Ein mit Pfeilen markierter Blick, eine Berührung, ein gemeinsamer Spaziergang am See. Eine Ente, die Wiebke Kaysers Hut aus dem See angelt ...

Es ist eine Berührung, auf Papier entworfen, die sich aber so echt anfühlt, dass ich angerührt wieder auf den Theaterplatz trete. Wiebke Kaysers Entenskizze nehme ich mit. Es braucht wirklich nicht viel, um von Theater berührt zu werden. Vor den Einschränkungen der Herbstspielzeit habe ich nach drei Abenden Theater keine Angst mehr. Kunst findet immer einen Weg, um zu uns zu sprechen.

Christian Berzins meint: «Ich freue mich nicht, dass es losgeht»

F reu dich, es gibt wieder Konzerte!» Dauernd sage ich es mir, und freue mich doch nicht, gehe aber hin. Am 17. Juni nach Basel, am 19. in Zürich, 21. nach Ravenna, 23. und am 28. Juni wieder Zürich. Ab 4. Juli bläst das Opernhaus Zürich zum Finale, und gleichzeitig geht es ab in den Festspielsommer: Ernen, St. Moritz, Salzburg, Verona, Ascona, Zermatt …

Mir wird angst und bange. Es ist nicht die Furcht vor dem Virus. Ich habe einfach Angst, dass die kommenden Konzerte zu Corona-Happenings werden. Dass sie fern dessen sind, was Konzerte wirklich ausmachen. Dass das Virus die Kunst zu Klassik light macht. Kunst kann es nicht «ein bisschen» geben. Sie ist ein Mit-Haut-und-Haar-Verschlingen, ein Vom-Felsen-Hinunterstürzen, ein Hingeben auf beiden Seiten – im Publikum und auf der Bühne.

Dazu braucht es Gemeinschaft: eine Sitznachbarin links, eine rechts. Wir gehen ein in kollektive Besinnung und geschlossene Ekstase: Schweiss, Spucke, Wärme, Nähe und Umarmung. Kunst gilt es emotional zu teilen, sie danach zu diskutieren, zu besprechen. Eine Sinfonie ist ein Überwältigungsereignis, für das Tempel gebaut wurden, glanzvolle Säle, in denen es so schön ist wie in einem Cellobauch.

Jetzt aber habe ich Angst vor halben Sachen. Wie wenn ich in eine Römer Osteria ginge und bereits weiss, dass ich statt eines Tellers dampfender Spaghetti Carbonara im Kreis einer wild-fröhlichen Gesellschaft unbekannter Teilzeitfreunde neun Spaghetti mit Olivenöl in einem sterilen Saal serviert bekomme. Sie können noch so gut zubereitet sein – stillen werden sie meinen Hunger nicht, Emotionen auslösen schon gar nicht.

Nicht nur wir, die da traurig vor dem Einerli Roten sitzen, sind zu bemitleiden, sondern auch der Koch beziehungsweise der Künstler. Bei den Salzburger Festspielen werden sie eingeteilt in eine rote, gelbe und orange Gruppe. Die Roten sind die ärmsten und glücklichsten, sie schreiten täglich durch Wasser und Feuer: «Bühnenakteure, die die Abstandsregeln nicht einhalten und keinen Mund-Nase-Schutz tragen können», heisst es von Seiten der Festspiele.

Die Angst der Veranstalter ist gross. Nichts fürchtet Salzburg mehr, als ein zweites Ischgl zu werden.

Zugegeben: Noch vor kurzem habe ich über die Innovation der kleinen Festivals, die trotz Einschränkungen spielen werden, gejubelt. Aber das waren die «Kleinen», deren Format ja grad ihren Charme ausmacht: Dort sass man ja auch schon früher bisweilen auf einem Misthaufen und hörte himmlische Klänge.

Aber jetzt sind die Grossen dran, jetzt sollen wir uns wieder im KKL und Opernhaus in die Sessel fläzen und das Beste vom Besten geniessen, die hochsubventionierte Kultur. Schon nur dieses «wir»! Ein paar wenige Privilegierte sind es, die auf der reduzierten Anzahl Sessel sitzen und mehr sich selbst und ihre Präsenz als die Interpretation beklatschen. Sah es nicht schrecklich aus, wie in Wien ein Häufchen Prominenter und Kritiker den Wiener Philharmonikern lauschte?

Die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal vor einem Häufchen Privilegierter – und Kritiker. Konzert oder PR-Gag?

Die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal vor einem Häufchen Privilegierter – und Kritiker. Konzert oder PR-Gag?

Bild: Dieter Nagel

Ich befürchte, dass nun viele Konzerte so werden. Man ist gezwungen, froh zu sein, dass überhaupt etwas ist, das an früher erinnert. Womöglich darf man nach einem Konzert nicht mal mehr kritisch sein, muss vor dem Abgang einfach «Danke, habt ihr für uns gespielt» sagen.

Aber so funktioniert Kunst, dieser geistige Austausch zwischen den Menschen, nicht: Ohne uns ist Daniel Barenboim ein Nichts. Wir müssen ihm nicht Danke sagen, sondern über seine Kunst reden. Erst wenn es gelingt, über die äusseren Umstände hinweg zu sehen und den Kern der Musik zu hören, kommen wir wieder in die Nähe eines Kunstereignisses.

Früher besuchte ich jeden dritten Abend ein Konzert, ein Theater oder eine Oper – 130 pro Jahr. Und nun, nach drei Monaten Entzug? Was hat sie ausgelöst, die fehlende emotionale Überwältigung? Ist der Seelenfrieden aus dem Lot? Denke ich anders, schlafe ich schlechter?

Ich höre besser auf zu fragen, bin ab jetzt einfach wieder der Kritiker, schreibe, ob etwas gut oder schlecht war. Und Sie, liebe Leser, können sich wie immer darüber ärgern und freuen, oder zumindest diskutieren. Job erfüllt. Vorhang auf.

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