MADEIRA: Schöne Aussichten und Meer

Die portugiesische Insel Madeira bietet weitaus mehr als bunte Blumen. Zum Beispiel abenteuerliche Touren über hohe Berge und durch tiefe Schluchten, rasante Schlittenfahrten und schwarze Ungeheuer aus der Tiefsee.

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Steil: Aussichtspunkt Miraduoro dos Balcões. (Bild: Susanne Balli (November 2016))

Steil: Aussichtspunkt Miraduoro dos Balcões. (Bild: Susanne Balli (November 2016))

Susanne Balli

«Wollt ihr auf normalen Strassen ­fahren oder lieber abenteuerlich und offroad?» Die Frage unseres Fahrers Waldemar ist rhetorischer Natur. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen biegt er ohne eine Antwort abzuwarten mit dem weiss-gelb-orangefarbenen, offenen Jeep plötzlich scharf ab. Es geht holperig und extrem steil über ein winziges Kiessträsschen bergauf.

Wir befinden uns auf einer Jeep-­Safari vom Süden in den Nordosten der portugiesischen Insel Madeira. Der kalte Fahrtwind bläst uns ins Gesicht, ich schaue nach rechts. Das Gelände fällt unmittelbar neben uns senkrecht Hunderte von Metern in die Tiefe, Leitplanken fehlen gänzlich. Und die Kurven sind so eng, dass Waldemar den Jeep mehrmals rückwärts gegen den Abgrund hin manövrieren muss, um sie zu passieren. Ich schliesse die Augen, meine Handflächen werden feucht. Spätestens jetzt ist mir klar, warum das Unternehmen der Jeep-Tour Green Devil Safari heisst. Doch je länger die abenteuerliche Fahrt dauert, desto grösser wird das Vertrauen in Waldemar. Er kennt die Insel wie seine Westentasche und kurvt uns sicher durch das steile Gelände. Die Szenerien, die sich uns präsentieren, sind atemberaubend. Mal fahren wir durch inseltypische Lorbeer- und Eukalyptuswälder, mal durch tiefe Schluchten, mal durch baumlose, wilde und felsdurchsetzte Landschaften hoch in die Berge im Zentrum Madeiras.

Vor einer Stunde zeigte das Thermometer in der Inselhauptstadt Funchal noch milde 23 Grad – mitten im November. Das scheint nun, auf dem Pico do Arieiro auf 1818 Metern über Meer fast unwirklich. Hier ist man bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt über jede Schicht Kleidung und einen dicken Schal dankbar. Wer Madeira bereist, tut gut ­daran, neben sommerlich leichter ­Kleidung eine warme Windjacke, einen Schal und allenfalls sogar eine Mütze mitzubringen, falls ein Abstecher in die Berge geplant ist.

Sowieso ist das Klima auf Madeira faszinierend. Von einem Klima kann man eigentlich nicht sprechen, vielmehr gibt es unzählige Mikroklimata. Es kann vorkommen, dass man beim Essen im Restaurant aus dem Fenster schaut und die Sonne scheint, während es auf der anderen Seite des Gebäudes regnet. Da verwundert es auch nicht mehr, dass man auf Madeira an jeder Ecke einen Regenbogen sieht. Es gibt Tage, an denen man dieses Wetterphänomen viele Male entdecken kann.

Wanderungen entlang uralter Bewässerungskanäle

Die Insel vulkanischen Ursprungs ist übrigens keine klassische Badeinsel. Wer weisse und pulvrige Sandstrände erwartet, wird vergebens suchen und dafür besser auf die Nachbarinsel Porto Santo ausweichen.

Nun aber zurück zur Jeep-Tour quer über die Insel. Wir steigen an der Regionalstrasse E.R. 103 bei Ribeiro Frio aus dem Wagen, um uns die Beine bei einer kurzen Wanderung zu vertreten. Der kleine Pfad folgt der Levada da Serra do Faial und führt zum Miradouro dos Balcoes, einem Aussichtspunkt mit prächtigem Blick in die Wälder und tiefen Schluchten. Rechterhand können wir bereits das leuchtend blaue Meer der Nordostküste sehen. Die Vegetation ­erinnert an tropische Regenwälder.

Madeira bietet für Wanderer zahl­reiche kürzere und längere Touren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Besonders eindrücklich sind die Routen entlang der Levadas, eines zirka 2150 Kilometer langen Netzwerks alter Bewässerungskanäle, die überall auf der Insel zu finden sind und seit dem 15. Jahrhundert das Wasser aus dem regenreichen Norden in die trockenere Südhälfte Madeiras leiten.

An der Nordostküste Madeiras an­gekommen, sind wir beeindruckt von der wilden Schönheit der steilen Klippen, der mit Meeresgischt umspülten Felsblöcke und von den rasch über den Himmel ziehenden Wolken. In der Nähe des beschaulichen Ortes Santana, bei Rocha do Navio, führt eine beeindruckende, kleine Luftseilbahn entlang der Felswände hinab auf Meereshöhe. Die Bahn wurde früher von Bauern genutzt, die auf dem schmalen Küstenstreifen Nahrungsmittel anbauten.

Santana mit seinen rund 4500 Einwohnern liegt auf einem Hochplateau über dem Meer und ist bekannt für seine pittoresken traditionellen Santanahäuser. Die Fenster und Türen der mit Reet (Schilfrohr) gedeckten kleinen weissen Häuschen leuchten in intensivem Rot. Gegen ein kleines Entgelt zeigt uns der alte Bewohner Manuel sein ganz privates kleines Reich und offeriert uns einen Kaffeelikör in winzigen Gläschen.

Fleisch am Spiess und Degenfisch mit Passionsfrucht

Was die Inselbewohner den Touristen auch gerne kredenzen, ist ein kräftiger Poncha, der neben dem berühmten Madeirawein das Nationalgetränk der Insel ist. Dazu wird mit einer Art Holzkelle zu gleichen Teilen Zuckerrohrschnaps, Honig und Zitronen- oder Orangensaft in einem Krug vermischt. Das Resultat ist süffig und gefährlich – in der Runde wird es ziemlich schnell ziemlich lustig.

Womit wir bei der Kulinarik der Insel angelangt sind: Die Küche Madeiras ist würzig, abwechslungsreich und bietet alles, was auf der frucht­baren Insel gedeiht und aus dem Meer gezogen wird. Eine grosse Rolle spielen Knoblauch und Kräuter, insbesondere Lorbeer. Wir probieren den typischen Espetada, einen Fleischspiess, der in seiner ursprünglichen Form an einem Lorbeerstock oder auch am ­Metallspiess serviert wird. Der grosse Fleischspiess – häufig Rindfleisch – wird an einen Metallständer auf dem Tisch gehängt. Dazu gibt es das traditionelle köstliche Süsskartoffelbrot (Bolo de caco) sowie Salat, Pommes frites und Milho frito (frittierte Maismehlwürfel). Nicht zu vergessen ist der schwarze Degenfisch. Das lange, muränenartige Tier wird aus einer Tiefe von ein bis zwei Kilometern gezogen und sieht mit seinen riesigen Augen und seinen spitzen Zähnen wie ein ­Ungeheuer aus. Sein weisses Fleisch schmeckt hingegen äusserst fein und wird zum Beispiel mit einer Passionsfruchtsauce und kleinen gebratenen Bananen serviert. Bananen sowie Passionsfrüchte unterschiedlichster Geschmacksrichtungen und Formen werden übrigens auf Madeira im grossen Stil angebaut. Auf dem Markt in Funchal erhalten wir verschiedene Kostproben der exotischen Früchte. Natürlich kann man hier auch die Blumen kaufen, für die Madeira bekannt ist. Diese werden auf Verlangen am Tag der Abreise flugtauglich verpackt und an den Flughafen geliefert. Der Name der Inselhauptstadt Funchal heisst «Ort des Fenchels», und man sollte unbedingt die traditionellen Fenchelbonbons probieren.

Funchal liegt an schöner Lage in einer grossen Meeresbucht: In der Dämmerung erinnern die Lichter der Häuser an Lavaströme, die sich über die sanft ansteigenden Hänge ergiessen. Circa 112000 Menschen, fast die Hälfte der Inselbevölkerung, leben in der Inselhauptstadt oder deren Vorort Santa Cruz, wo sich auch der Flughafen Madeiras befindet. Dieser galt lange als einer der gefährlichsten der Welt. Nach einem verheerenden Flugunglück in den 70er- Jahren wurde die Landebahn allerdings grosszügig verlängert, sodass man bei der Landung ruhig Blut bewahren kann.

Schlittenfahrer bremsen mit ihren Füssen

Die Hauptstadt eignet sich gut als Ausgangsort, um die Insel zu erkunden. Was man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, ist eine rasante Fahrt mit dem Korbschlitten von Monte hinunter nach Funchal. Die feinen Herren der inseltypischen Quintas (Herrenhäuser) liessen sich früher so chauffieren. In den Schlitten, in denen zwei bis drei Fahrgäste auf gepolsterten Sitzen Platz haben, saust man mit einem Tempo von 20 bis 30 Kilometern pro Stunde auf Holzkufen zwei Kilometer die Strassen hinunter. Jeweils zwei Korbschlittenfahrer – ganz in weiss gekleidet und mit Strohut – bremsen die Gefährte mit den Füssen. Sie tragen dafür extra dick besohlte Schuhe. Die Schlitten werden anschliessend mit dem Lastwagen wieder zur Abfahrtsstelle in Monte gebracht.

Fazit: Für ausschliessliche Bade­ferien ist die Insel nicht geeignet. Stattdessen bietet Madeira neben einer atemberaubenden und abwechslungsreichen Natur und Landschaft eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten.

 

Mildes Klima während des ganzen Jahres

Lage und Grösse: Die Insel Madeira ist 1,5 Flugstunden von Portugals Hauptstadt Lissabon entfernt und liegt im Atlantik 951 Kilometer südwestlich von Lissabon und 737 Kilometer westlich der Küste Marokkos. Sie ist 741 Quadratkilometer gross.

Klima: Auf Madeira herrscht während des ganzen Jahres ein mildes Klima. Die Durchschnittstemperatur im Sommer beträgt 25 Grad und im Winter 17 Grad. Aufgrund des warmen Golfstroms, in dem Madeira liegt, betragen die Temperaturen des Meerwassers zwischen 22 (Sommer) und 18 Grad (Winter).

Anreise: Tägliche Flüge mit TAP Portugal ab Zürich und Genf nach Funchal mit Zwischenstop in Lissabon (www.flytap.ch). Direktflüge nach Funchal: z.B. Edelweiss Air ab Zürich (zwei Flüge wöchentlich).

Übernachten in Funchal: In ehemaligen Herrenhäusern (Quintas): Hotel Quinta dos Jardins do Lago (DZ pro Person ab 120 Euro in der Nebensaison) oder Quinta da Casa Branca (DZ für 2 Personen ab 155 Euro). Modern: The Vine (DZ für 2 Personen ab 130 Euro).

Sehen und Erleben in Funchal: Luftseilbahn nach Monte, Botanischer Garten, Korbschlittenfahrt, Markthalle, Altstadt, Blandy’s Wine Lodge.

Tips übrige Insel: Jeeptour in die Berge, z.B. mit Green Devil Safari (www.greendevilsafari.com); Levada-Wanderungen. Nordküste: Fahrt mit dem Luftseilbähnchen Rocha do Navio und Besuch eines traditionellen Hauses in Santana. Südküste: Aussichtspunkt Cabo Girao Câmara de Lobos mit einer Aussichtsplattform mit Glasboden, wo man 580 Meter in die Tiefe schaut. Bootsfahrt mit Delfin- und Walbeobachtung ab Calheta (z.B. mit www.ontales.com). (sb)

Diese Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der TAP Portugal (www.flytap.ch) und Tourismo da Madeira (www.visitmadeira.pt/de) eingeladen haben.

 

Schwindelerregend: Sicht in die Tiefe von der Plattform Cabo Girão Câmara de Lobos. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Schwindelerregend: Sicht in die Tiefe von der Plattform Cabo Girão Câmara de Lobos. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Exotisch: Passions- und andere Früchte in allen Formen und Farben. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Exotisch: Passions- und andere Früchte in allen Formen und Farben. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Windig: Auf dem Pico do Arieiro auf 1818 Metern über Meer. (Bild: Susanne Balli)

Windig: Auf dem Pico do Arieiro auf 1818 Metern über Meer. (Bild: Susanne Balli)

Hässlich: Schwarze Degenfische auf dem Markt in Funchal. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Hässlich: Schwarze Degenfische auf dem Markt in Funchal. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Nass: Wasserfall – free car wash genannt – auf der alten Strasse nach Ponta do Sol. (Bild: Susanne Balli / LZ)

Nass: Wasserfall – free car wash genannt – auf der alten Strasse nach Ponta do Sol. (Bild: Susanne Balli / LZ)