Madeleines aus der Schlossküche

Im Dezember lohnt sich eine Reise ins Loiretal besonders: Es herrscht weniger Rummel als in ­anderen Jahreszeiten. Und die berühmten Schlösser erstrahlen in weihnächtlichem Glanz.

Ulrich Traub
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Das Königsschloss von Chambord nach Einbruch der Dunkelheit. (Bild: Ulrich Traub)

Das Königsschloss von Chambord nach Einbruch der Dunkelheit. (Bild: Ulrich Traub)

An diesem stimmungsvoll gedeckten Tisch würde man nur zu gerne mit Freunden Platz nehmen, um dann kurz ein Zeichen zu geben, damit Speisen und Wein aufgetragen werden. Feinstes Porzellan und prunkvolle Gläser, edle Lüster und reich dekorierte Vasen schmücken das weite Oval der Festtafel. Und alles passt aufs Schönste in die Kulisse dieses historischen Raumes. Leider darf hier nur geschaut und gestaunt werden. Der Tisch ist eine Inszenierung. Man begegnet ihr nicht nur im Château von La Ferté Saint-Aubin südlich von Orléans, sondern in ähnlicher Opulenz gleich in mehreren Schlössern an der Loire. Doch die Einladung zu ein wenig Weltflucht nimmt man gerne an, zumal sie sich nicht aufs Esszimmer beschränkt. Und keiner muss das Château mit knurrendem Magen verlassen, denn in der historischen Schlossküche werden Madeleines gebacken.

Es ist Weihnachtszeit an der Loire – und in den berühmten Schlössern hat man sich vor wenigen Jahren etwas Besonderes einfallen lassen. Ausstellungen, Lichtinszenierungen und Aktionen zum Mitmachen locken nun auch zu dieser Jahreszeit das Publikum in die Häuser. «Bei uns soll man sich in eine andere Welt versetzt fühlen», sagt Lancelot Guyot. Der junge Hausherr von La Ferté entstammt einer in Frankreich bekannten Familie, die alte Schlösser erwirbt, um sie vor dem Verfall zu retten. «Der Staat unterstützt unsere Bemühungen im Rahmen der Denkmalförderung», ­erklärt Guyot. «Aber ein paar Jährchen Arbeit liegen wohl noch vor uns.»

Gegen die Tuffsteinfassade des Schlosses von Cheverny hat der Adventskranz keine Chance. (Bild: Ulrich Traub)

Gegen die Tuffsteinfassade des Schlosses von Cheverny hat der Adventskranz keine Chance. (Bild: Ulrich Traub)

Den Besuchern von La Ferté fällt das nicht auf. Ihr Weg führt vom Schloss mit den festlich dekorierten Räumen, in denen auch altes Spielzeug arrangiert wurde, zu den historischen Ställen und der Orangerie, wo man lernen kann, Krippen zu bauen. Drei Kilometer Lichterketten säumen den Weg durch die Gärten dieses früheren Jagdschlosses und über den Hof, wo gerade Holzscheite für ein Feuer gestapelt werden.

Glühwein nach der Kutschenfahrt mit der Schlossherrin

Auch das Wasserschloss La Bussière, das einst als wehrhafte Anlage half, die Grenze Frankreichs zu Burgund zu sichern, ist längst in Privatbesitz. «Meine Grosseltern lebten noch im Schloss», erzählt Laure Bommelaer. Heute dienen einige Räume als Fischereimuseum. Andere sind mit Familienstücken möbliert und zur Weihnachtszeit individuell dekoriert. Das sorgt für eine gemütliche, fast intime Atmosphäre. Die Festtafel ist in La Bussière mit Geschirr aus der ­Porzellanmanufaktur im nahen Gien gedeckt. Auch die geschmückten Tannenbäume sind hauseigene, «sie wurden in unserem Wald geschlagen», betont die Schlossherrin. Dann reicht sie dicke Decken und bittet zur Kutschfahrt. Schloss und Wasserläufe im Blick, die Stille des Waldes und das sanfte Schnauben des Pferdes – das darf man schon romantisch finden. Beim anschliessenden Glühwein schwärmt Laure von ihrem Gemüsegarten aus dem 18. Jahrhundert. Und dass man unbedingt zu einer wärmeren Jahreszeit wiederkommen müsse.

«Die Schöne und das Biest» mit Schokolade

Zwar sind fast alle berühmten Loire-Schlösser im Staatsbesitz, doch selbst in diesen Häusern wird zur Weihnachtszeit ehrenamtliches Engagement grossgeschrieben. So auch im Schloss von Azay-le-Rideau in der Nähe von Tours. «Wir sind erst seit zwei Jahren bei der Schlösserweihnacht dabei, aber schon sehr erfahren im Dekorieren», sagt Catherine Daniélou lachend. Für die Inszenierungen hätten sie das Thema Märchen ausgewählt. Eine Szene aus «Die Schöne und das Biest» wurde komplett mit Schokolade gestaltet. «Natürlich darf bei uns auch genascht werden», sagt Catherine.

Keine Staudämme, keine Schleusen: Die Loire, hier am Château Chaumont, sucht sich ihren Lauf noch selbst. (Bild: Ulrich Traub)

Keine Staudämme, keine Schleusen: Die Loire, hier am Château Chaumont, sucht sich ihren Lauf noch selbst. (Bild: Ulrich Traub)

Bemalte Holzpyramiden auf der Burgwiese

Vor dem Schloss von Chambord leuchten Tannenbäume nach Einbruch der Dunkelheit. Das berühmte Königsschloss mit seinen Türmchen, Giebeln und Schornsteinen wirkt dadurch noch majestätischer. Im Garten des Schlosses von Cheverny können selbst die gewaltige Tanne mit Geschenkpaketen und ein überdimensionaler Adventskranz die Blicke nicht allzu lange vom Schloss ablenken, das die Besucher mit seiner weissen Tuffsteinfassade anstrahlt. «Weihnachten durch die Jahrhunderte», lautet das Motto im Königsschloss von Am­boise, das über dem alten Loire-Städtchen thront. Eine grosse neapolitanische Krippe, wohlwollend beäugt von einem Porträt des einstigen Schlossherren Franz I., stiehlt hier den Weihnachts­bäumen die Schau. Abends überrascht der Blick von der Loirebrücke hoch zum Schloss. Dann wird die Fassade in buntes Licht getaucht.

Die Küche im Schloss La Ferté südlich von Orléans. (Bild: Ulrich Traub)

Die Küche im Schloss La Ferté südlich von Orléans. (Bild: Ulrich Traub)

Auf andere Weise nähert man sich dem Thema Weihnachten in Chinon. Hier werden seit 2013 jährlich Designer ausgewählt, die mit Ideen für Hingucker auf dem weitläufigen Gelände der Burg ­sorgen, wo Jeanne d’Arc den zukünftigen König Karl VII. getroffen hatte. Statt der klassischen Bäume stehen dann etwa knallbunte, selbst bemalte Holzpyramiden auf der Burgwiese und der Rampe, die Kinder zum Spielen einladen. In den ehemaligen Wehrtürmen leuchten Designerbäume aus Stahl, und monumentale Christbaumkugeln setzen als Spiegelobjekte Burg und Besucher in ungewohnte Perspektiven.

Botanische Anregungen ohne Santa Claus

All diese Inszenierungen und Ausstellungen sind stimmungsvolle und originelle Ergänzungen der Schlösserbesichtigungen, die auch zu dieser scheinbar ungewöhnlichen Jahreszeit reizvoll sind, da es keinen Rummel gibt, die Orte zur Ruhe kommen und sich ganz auf sich zu besinnen scheinen. Die einzige Weihnachtseinladung, bei der das Schloss nicht im Mittelpunkt steht, spricht die Domaine de Chaumont aus. Das regionale Zentrum für Kunst und Natur, ­dessen Gartenfestival im Sommer überregional bekannt ist, öffnet seit Neuestem auch im Winter seine berühmten Gärten und Gewächshäuser. Dominique Jauzenque erklärt: «Wir wollen mit speziellen Winterbepflanzungen Botanikfreunden Anregungen liefern, ohne zu kommerzialisieren.» Besondere Beleuchtung und dezenter Weihnachtsschmuck seien erlaubt, aber «Santa Claus werden Sie bei uns nicht treffen», bemerkt der Mitarbeiter grinsend.

Auch die zeitgenössische Kunst hat auf dem riesigen Areal ihren Platz. Der historische Landschaftspark wartet dauerhaft mit Skulpturen berühmter Künstler wie Andy Goldsworthy oder Giuseppe Penone auf. Sie nehmen Bezug zur Landschaft. Kunst und Natur haben in Chaumont auf gelungene Weise so ­zueinander gefunden – selbst im ­Dezember. Allerdings ist die schönste Impression für viele doch der Blick aus dem zur Loire offenen Hof des drei­flügeligen Schlosses auf den vom ­Menschen unreguliert sich seinen Weg suchenden Fluss.

Schlemmen und schlafen

Infos: Atout France, Franz. Zentrale für Tourismus: info.de@france.fr, www.france.fr , Tourismus Loiretal: www.valdeloire-france.com
Tourismus Touraine: www.touraineloirevalley.com
Hotels: La Bonnée d’âne: ruhiges Öko-Gîte in Germigny-des-Prés, ab 70 €.
Vom 4-Sterne-«Relais des 3 Châteaux» in Cour-Cheverny sind die berühmten Schlösser von Cheverny, Chambord und Blois in wenigen Minuten zu erreichen.
«Les Ifs»: kleines, aber authentisches Chambres d’hôtes mitten in Azay-le-­Rideau, gute Küche.