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Judenfeindlichkeit in Europa: «Man muss die Ängste ernst nehmen»

Eine EU-Studie zeigt, dass Juden sich wieder vermehrt vor Diskriminierung und Übergriffen fürchten. Gemäss Experte Daniel Gerson nehmen Vorurteile zwar ab, jedoch seien sie immer noch tief in europäischen Gesellschaften verankert.
Interview: Stefan Welzel
Auch heute noch Alltag: geschändeter jüdischer Friedhof in Frankreich. (Bild: Sebastien Bozon/AFP (Herrlisheim/Elsass, 17. Dezember 2018)

Auch heute noch Alltag: geschändeter jüdischer Friedhof in Frankreich. (Bild: Sebastien Bozon/AFP (Herrlisheim/Elsass, 17. Dezember 2018)

Fast überall in Europa gewinnen rechte Parteien an Boden. Deren Lieblingsfeindbilder sind ethnische Minderheiten – aktuell Zuwanderer aus Krisengebieten in Afrika und Nahost. Durch diese Entwicklung rückt die vielleicht älteste Form der Diskriminierung auf unserem Kontinent in den Hintergrund – der Antisemitismus. Doch die Judenfeindlichkeit in Europa ist deshalb noch lange nicht ausgemerzt. Im zweiten Antisemitismusbericht der EU von Mitte Dezember zeigen sich jüdische Bürger besorgter als noch vor sechs Jahren, als die erste Studie veröffentlicht wurde. Und Ende Dezember publizierte das Wiesenthal-­Zentrum seine jährliche Liste mit den schlimmsten antisemitischen Vorfällen. Dabei schrieb die Nichtregierungsorganisation von den «Gefahren einer Gesellschaft, in der es nicht mehr tabu ist, auf sozialen Medien und in der realen Welt Hass und Intoleranz zu verbreiten». Experte Daniel Gerson erklärt, wo, wie und von welcher Seite sich Judenfeindlichkeit heutzutage äussert und welchen Einfluss der Nahostkonflikt sowie die Politik Israels dabei haben.

Daniel Gerson, 85 Prozent der jüdischen Befragten einer EU-Studie meinten, dass Antisemitismus das grösste sozialpolitische Problem in ihren jeweiligen Ländern ist. Wie sind solche Berichte auf Grundlage subjektiver Eindrücke zu interpretieren?

In Europa kann man eine Atmosphäre wachsender Xenophobie wahrnehmen. In solchen Zeiten ist es für alle Minderheiten nicht einfach. Hinzu kommt die schwierige, jahrhundertelange Geschichte der Juden in Europa mit dem Holocaust als präzedenzloses Verbrechen. Vor diesem Hintergrund ist die erhöhte Sensibilität europäischer Juden nachvollziehbar und deren Ängste sollte man ernst nehmen. Besonders bei der in dieser Studie überproportional vertretenen Generation der Menschen über 60. Andererseits gibt es auch Untersuchungen, in denen nicht dem gefühlten Antisemitismus durch die Betroffenen nachgegangen, sondern bei der Mehrheitsgesellschaft nachgefragt wird. Und da ist in einigen Ländern festzustellen, dass antisemitische Vorurteile an Bedeutung verlieren.

Heutzutage wird viel vom «importierten» Antisemitismus durch Zuwanderer aus arabischen Ländern gesprochen. Ist die Angst davor gerechtfertigt oder sitzen wir einem Medienhype auf, der ungefiltert den Diskurs rechter politischer Strömungen aufnimmt?

Er wird auf jeden Fall gehypt. Wenn man das Gesamtphänomen Antisemitismus anschaut, wird deutlich, dass sich das primäre Problem immer noch aus latenten Vorurteilen von Teilen der alteingesessenen Gesellschaft speist. Die Bedrohung durch den islamistischen Terror ist jedoch real, denn es gibt nun mal diese kleine, äusserst gewaltbereite Minderheit. Und das hat eine ganz andere Dimension als verbale Entgleisungen, Vandalismus oder Drohungen von Rechtsradikalen, wie wir sie schon lange kennen. Nicht unterschätzen darf man hingegen die Schmähungen im Internet. Anonymisiert kann man dort schreiben, was man will. Die Hemmschwelle fällt. Das ist ein verhältnismässig neues Phänomen, das unkontrollierbar ist. Und leider zeigen die grossen Plattformen und Firmen wie Facebook oder Twitter viel zu wenig Willen, gegen rassistische Hetze konsequent vorzugehen.

Ist der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD in Deutschland, der Schwedendemokraten oder des Front National in Frankreich Beleg dafür, dass entsprechendes Gedankengut salonfähig geworden ist?

Offen geäusserte, rassistische Ressentiments nehmen ganz klar zu. Problematisch ist, dass sich auch grosse Parteien und sogar Regierungen nicht scheuen, davon Gebrauch zu machen. Ein Bespiel: In Italien bezichtigt die Lega dunkelhäutige Verkäufer an den Stränden, mitverantwortlich für die wirtschaftliche Schieflage des Landes zu sein. Das ist grotesk und entbehrt jeglicher Grundlage, wirkt aber offenbar bei der entsprechenden Wählerklientel. Rechte Politiker suchen oft Sündenböcke. Derzeit müssen die Migranten aus Nahost oder Afrika herhalten. Die jüdische Minderheit ist dabei nicht mehr das primäre Ziel der Aggression. Aber wir wissen ja nur zu gut, dass das mal anders war.

Bleiben wir bei der AfD und beim Front National. Wie stark schätzen Sie antisemitische Strömungen in diesen Parteien ein?

In der AfD gibt es Mitglieder und Politiker, die sich offen antisemitisch äussern. Zugleich bemüht sich die Partei aber um ein judenfreundliches Image. Ein gutes Beispiel: Seit Oktober existiert eine kleine AfD-Untergruppe mit dem Namen «Juden in der AfD». Das sind ein paar wenige, die die Partei zusammentrommeln konnte. Damit will sie sagen: «Seht her, wir sind doch nicht antisemitisch, wenn wir eine solche Gruppe bei uns haben.» Das ist sehr seltsam in Anbetracht der Tatsache, dass es einige prominente Holocaust-Leugner in der AfD gibt. Beim Front National ist es ähnlich. Der alte Patron Jean-Marie Le Pen nannte den Holocaust ein Detail des Zweiten Weltkriegs. Seine Tochter Marine Le Pen ist seit einiger Zeit bemüht, sich vom Antisemitismus zu distanzieren. Für sie ist der gemeinsame Feind, nämlich der radikale Islamismus, das einende Element. Sie war zum Beispiel zu Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel, um sich quasi vom Verdacht des Antisemitismus reinzuwaschen.

Das waren andere Politiker auch. Österreichs FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache oder Ungarns Regierungschef Viktor Orbán. Israels Premier Benjamin Netanjahu macht mit Letzterem sogar auf Männerfreundschaft. Ist es beliebig interpretierbar geworden, wer und was als rassistisch – oder eben antisemitisch – durchgeht und wer nicht?

Orbán würde sich vehement dagegen wehren, als antisemitisch zu gelten. Er ist aus seiner Warte einfach ein strammer Nationalist, der auch zu seinen ungarisch-jüdischen Landsleuten gut schaut. Aber seine Fidesz-Partei ist alles andere als frei von Antisemiten. Das spiegelt sich nicht nur in der vergangenen Kampagne gegen den jüdischen Financier George Soros wider, die gezielt mit antisemitischen Klischees spielte, sondern auch in der revisionistischen Geschichtsauffassung. Der Massenmord an den ungarischen Juden im Zweiten Weltkrieg wäre ohne die Mithilfe des ungarischen Nazi-Vasallenstaates gar nicht möglich gewesen. Netanjahu ist seinerseits ein sehr opportunistischer Politiker, der fast alles tut, um an der Macht zu bleiben. Und ein dezidierter Nationalist, der mit radikalen Siedlerparteien koaliert. Insofern erstaunt es nicht, dass die israelische Regierung keine Berührungsängste mit rechten europäischen Parteien hat.

Yad Vashem hat kürzlich auch den italienischen Lega-Vizepremier Matteo Salvini empfangen.

Wie der Besuch Orbáns hat auch dieser Besuch eines rechtsextremen Politikers für Proteste und Empörung gesorgt. Es ist für den guten Ruf von Yad Vashem als Erinnerungs- und Aufklärungsort problematisch, sich nicht deutlicher von der Regierung Netanjahu abgrenzen zu können. Yad Vashem und Netanjahu kommen erstaunlich gut zurecht mit rassistischen Politikern, solange diese sich in Israel an diplomatische Gepflogenheiten halten.

Das ungelöste Nahostproblem ist der zentrale politische Konflikt, der das Bild der Juden in der Welt prägt. Und das ist oft nicht sehr positiv.

Man beginnt in der Forschung vermehrt, von einem Israel- beziehungsweise Nahostkonflikt-bezogenen Antisemitismus zu sprechen. Damit unterscheidet man den alten europäisch-christlichen, rassistisch motivierten Antisemitismus. Die neue Judenfeindlichkeit basiert dabei nicht primär auf herkömmlichen Vorurteilen wie «Juden sind alle reich», sondern eben auf dem politischen Konflikt um Israel und Palästina.

Seit bald zehn Jahren führt Netan­jahu rechte Koalitionen an. Würde sich die Stimmung in und gegenüber Israel ändern, wenn sich gemässigte und linke Kräfte wie letztmals unter Jitzchak Rabin durchsetzen könnten?

Es würde die Situation wohl etwas entspannen. Bei aller berechtigter Kritik an der Politik der Regierung Netanjahu, darf man die andere Konfliktseite nicht aus der Verantwortung nehmen. Das wird – vor allem von linker Seite – zu oft vergessen: Die Palästinenser sind ein schwieriger Gegner. Die alleinige Verantwortung für die aktuelle Situation nur Israels Regierung zuzuschreiben, wird der komplexen Sachlage nicht gerecht. Das Land befindet sich nun mal umringt von Staaten, die es zunächst angegriffen und danach lange nicht akzeptiert haben. Im Gazastreifen haben die radikalen Hamas das Sagen, im Südlibanon herrscht die Hisbollah, und in Syrien stehen iranische Soldaten. Die Bedrohungslage ist nach wie vor ernst. Dass dann viele israelische Wähler ihre Stimme rechten Parteien geben, die ausschliesslich auf Abschreckung und Unterdrückung setzen, erstaunt nicht. Das verhindert eine Entschärfung des Konflikts. Liberale und linke Parteien bieten in den Augen der Wähler gegenwärtig keine überzeugenden Alternativen.

Was bleibt, um Antisemitismus wirkungsvoll zu bekämpfen?

Es braucht Aufklärung und nochmals Aufklärung. Es ist wichtig, in den Bildungsinstitutionen zu vermitteln, wie der Sündenbock- und Antimigrations-Diskurs funktioniert, um nachfolgende Generationen dagegen zu impfen. Damit wirkt man nicht nur dem Rassismus im Allgemeinen, sondern auch dem Antisemitismus im Speziellen entgegen. Eine gute gesellschaftliche Durchmischung hilft auch. Die Erfahrung zeigt: Dort, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft auf engem Raum leben – meist in Städten –, sind liberales Denken und Toleranz generell am grössten, Vorurteile am geringsten.

Zur Person

Daniel Gerson (55) lehrt moderne jüdische Geschichte am Institut für Judaistik der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Judentum Europas nach dem Holocaust und moderner Antisemitismus.

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