Manager, Mönch und Seelenführer – Benediktinerpater Anselm Grün ist 75

Rund um den Erdball erreicht er die Menschen auf vielen Ebenen: Der deutsche Benediktinerpater und Erfolgsautor Anselm Grün ist und bleibt ein «Phänomen».

Rudolf Walter*
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Ein «Phänomen»: Benediktinerpater Anselm Grün (75). Bild:

Ein «Phänomen»: Benediktinerpater Anselm Grün (75). Bild:

Benjamin Manser (St.Gallen, 17. August 2018)

«Der Segen des Alters besteht nicht im Rückzug, sondern dass man miteinander das Leben teilt», hat Anselm Grün einmal auf die Frage gesagt, worauf es im Alter ankomme.

Am 14. Januar ist der deutsche Benediktinerpater 75 geworden: ­Seine Vorträge im gesamten deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus sind überfüllt – und das in Zeiten, in denen die Kirchen immer leerer werden. Seine Bücher (weit über 20 Millionen verkaufte Exemplare, weltweit, in über 30 Sprachen) sind Bestseller auch in der Schweiz – in einer Phase, in welcher der Buchmarkt von einer tiefen Krise geschüttelt wird. In einer Zeit, in der viele die Zukunft der Kirche düster sehen, in der Glaubenslandschaft mehr erkaltende Asche als Glut wahrnehmbar ist und selbst hohe Amtsträger ratlos scheinen angesichts der Krise ihrer Institution, ist dieser lächelnde Benediktinermönch das zuversichtliche ­Gesicht des Christentums. Anselm Grün ist ein Phänomen.

Die Menschen zu sich selber führen

Als «Phänomen» bezeichnet man gerne, was man nicht ganz versteht und was nicht so recht in übliche Bild passt. Der Verfasser internationaler Bestseller, der auf seine Vortragsreisen nach Brasilien, Mexiko oder China nicht mehr mitnimmt als das, was im Handgepäck Platz hat. Ein Mönch, der nicht nur über Mystik schreibt, sondern auch zu Geld ein ganz rationales Verhältnis hat und erfolgreich der wirtschaftlich Verantwortliche seines Klosters – mit über 20 Betrieben und 300 Angestellten – war. Ein in aller Welt berühmter Mensch, der sich in seiner Gemeinschaft ganz selbstverständlich zum Dienst des Toilettenputzens einteilen lässt. Ein viel beschäftigter Autor, der mehr Zeit als ins Bücherschreiben in eine umfangreiche Korrespondenz investiert mit den vielen, die sich mit der Bitte um Rat, Trost oder Orientierung täglich an ihn wenden. Ein Priester, der sagt: «Ich muss nicht alle Sünden ja begangen haben, um einem Sünder zu helfen. Aber ich muss darum wissen, dass ich dazu fähig wäre.» Manager, Mönch und Seelenführer. Wie geht das zusammen? Und: Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? «Seelenführer» – das heisst nicht, dass er anderen zeigt, «wo es lang geht». Entscheidend für ihn sei, sagt er, Menschen zu sich selber zu führen. Lebendigkeit, Beziehung zu sich, zu anderen, zur Umwelt, zu Gott: Das ist es. «Entscheidend ist, dass wir zum ­Leben aufwachen.» Leben in Fülle – das ist schliesslich die zentrale Verheissung der Bibel. «Fülle» meint nicht eine Haltung des «Vielhabens», sondern der Reduktion und der Suche nach dem Wesentlichen. Erlösung ist nichts Jenseitiges, es hat mit heil sein zu tun, mit richtigem Leben hier und jetzt, mit der Erfahrung von Glück, mit «einfach leben».

«Einfach leben», so lautet auch der Titel eines Monatsbriefs, in dem er seit nahezu 14 Jahren über den Zusammenhang von Spiritualität und Lebenskunst immer neu nachdenkt.

Für manche unbequem

Und was für die Wirkung dieses Mönchs weiter ganz wichtig ist: Man spürt, er ist angstfrei – ob es sich um weltliche oder um kirchliche Autoritäten handelt: Die chinesische Regierung verweigerte ihm die Einreise, weil er sich 2014 in Hongkong für die Sorgen der Studenten interessiert und sie zur Gewaltfreiheit ermutigt hatte und weil er einmal mit dem Dalai Lama auf einem Podium war. Er sollte sich offiziell distanzieren. Natürlich tat er das nicht.

Auch innerkirchlich ist seine Haltung ohne Angst. Vielleicht tun Mönche sich da auch leichter. Jedenfalls: Sein Engagement für die Ökumene, seine Zuwendung auch zu denen, die im Leben gescheitert sind, seine Haltung zu wiederverheiratet Geschiedenen, seine selbstverständliche Unterstützung von Frauen in der Kirche, seine Fähigkeit, auch auf kritische Fragen junger Menschen einzugehen – nicht alle schätzen das. Aber dass Kardinal Bergoglio in Argentinien schon vor Jahren den Priestern seiner Diözese zu Weihnachten Grün-Bücher schenkte, weiss man.

Gemeinsamkeiten auf spiritueller Ebene

Angstfrei stellt er sich auch der Begegnung mit anderen Religionen, sucht nach Gemeinsamkeiten auf spiritueller Ebene, im Gespräch mit dem Buddhismus oder – wie jüngst in einem Buch – in der Frage «Wie Muslime und Christen sich begegnen können». «Der Weg ins eigene Herz» ist der Titel seines neuen Buches, mit Geschichten über die Suche nach Sinn und Glück in den grossen Weltreligionen, das zu seinem Geburtstag eben erschienen ist. Es ist auch Programm des nun 75-Jährigen.

«Die Glut unter der Asche» muss man bei ihm nicht erst ­suchen. Das spüren die Menschen. Und da liegt es wohl, das Geheimnis des «Phänomens Anselm Grün».

Hinweis
*Dr. Rudolf Walter, 72, ist langjähriger Cheflektor des Freiburger Herder-Verlags