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Mann, bist du überheblich! Wieso sich unsere Politiker masslos überschätzen

Sie wollen Bundesräte werden, obwohl sie kaum Englisch oder Französisch sprechen. Und sie bestellen, einmal im Amt, Flaschen Champagner auf Staatskosten. Was ist nur mit den Männern los?
Stefan Schmid
(Illustration: Tom Werner)

(Illustration: Tom Werner)

Der alte, weisse Mann ist im Stress. Seit gefühlt 1000 Jahren ist er an der Macht. Doch jetzt wird ihm diese natürliche Vormachtstellung streitig gemacht. Er merkt: Sein Abstieg ist unaufhaltsam. Der Prozess lange und schmerzhaft. Doch der weisse Mann reagiert darauf nicht mit intellektuellem Grossmut oder charismatischer Brillanz. Er verliert in seiner bangen Hoffnung, es möge doch alles beim alten bleiben, komplett die Dimensionen.

Der Machoismus feiert nicht nur bei Trump, Putin, Erdogan und Co. Urständ. Auch in der Schweiz mehren sich die Anzeichen, dass der traditionelle Typus Mann ausser Rand und Band gerät.

«On english, c’est difficult»

Nehmen wir Peter Hegglin. Der 57-jährige Zuger ist ein fleissiger, kluger, angesehener Regionalpolitiker, der es bis in den Ständerat geschafft hat. Doch Hegglin glaubt, das sei noch nicht das Ende der Fahnenstange. Einer wie er ist zu Höherem berufen. Mit seiner Kandidatur für den Bundesrat unterstreicht Hegglin diese Ambition und zeigt damit ein Selbstverständnis, das typisch ist für strammbürgerliche Männer seines Zuschnitts: Sie trauen sich eigentlich alles zu.

Will für die CVP in den Bundesrat: Peter Hegglin. (Bild: Keystone)

Will für die CVP in den Bundesrat: Peter Hegglin. (Bild: Keystone)

Dumm nur, dass man ihm, dem Zuversichtlichen, ein paar Fragen auf Englisch gestellt hat. «On english, c’est difficult», radebrach er. Wie recht er hat! Schwierig ist aber auch, dass in der Schweizer Regierung Männer sitzen wollen, die keinen geraden Satz in der Weltsprache über die Lippen bringen.

Von ähnlichem Schrot und Korn ist Hans Wicki. Der 54-jährige Nidwaldner FDP-Politiker fordert die St.Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter heraus. Frei von nagenden Zweifeln stellte er sich und sein politisches und berufliches Palmarès in Stans den Medien vor. Bis ihm jemand eine Frage auf Französisch zu stellen wagte. Wicki sagte:

«Mais je pense, que le français ce n’est pas l’unique Merkmal, das ein Bundesrat haben muss.»

Will für die FDP in die Landesregierung: Hans Wicki. (Bild: Keystone)

Will für die FDP in die Landesregierung: Hans Wicki. (Bild: Keystone)

Da hat Hans Wicki natürlich recht. Eine schöne Karriere im Militär, wie er sie hinter sich hat, war doch immer viel mehr wert. Zumindest glauben das Männer in seinem Alter. Dumm einfach, dass die Sprache Molières in unserem Land durchaus ein wichtiges Merkmal ist, vor allem, wenn man in Bern oben mitregieren möchte.

Verhaltensauffällige Jung-Machos

Doch das Einhacken auf die Generation Ü50 greift zu kurz. Gerade in der Romandie treten vermehrt auch verhaltensauffällige Jung-Machos in Erscheinung. Zum Beispiel Guillaume Barazzone, 36-jähriger Shootingstar der Genfer CVP. Nebst den 250'000 Franken, die er als Stadtrat verdient, weiteren 100'000, die er als Nationalrat ungefähr kassiert, profitiert er von einer Spesenpauschale in der Höhe von 13'200 Franken.

Guillaume Barazzone, Genfer Stadtrat. (Bild: Keystone)

Guillaume Barazzone, Genfer Stadtrat. (Bild: Keystone)

Das reicht natürlich bei weitem nicht, um einen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren, den man sich gönnt, wenn Mann einmal in Amt und Würden ist. So griff er hemmungslos in die Schatullen des Staates und liess sich weitere Spesen in der Höhe von 42'000 Franken alleine im Jahr 2017 gutschreiben. Wofür? Ein paar süffige Cocktails morgens um fünf Uhr in der Karaoke-Bar. Demut vor dem Amt? Fehlanzeige. Respekt vor den Steuerzahlern? Was ist das?

Pierre Maudet, Genfer Staatsrat. (Bild: Keystone)

Pierre Maudet, Genfer Staatsrat. (Bild: Keystone)

Genf scheint ohnehin ein gutes Pflaster für Chauvis aller Art zu sein. Fast-Bundesrat Pierre Maudet (FDP) liess es sich auf einer sündhaft teuren, gesponserten Reise nach Abu Dhabi gut gehen. Das hielt ihn nicht davon ab, später dem Land Lügengeschichten aufzutischen und gleichzeitig zu erklären, warum es einen Retter wie ihn in Bern unbedingt brauche.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der Stadtgenfer Regierung nicht nur Männer über die Stränge geschlagen haben. Mit Sandrine Salerno (SP) und Esther Alder (Grüne) gehören dem erlauchten Kreis auch zwei Frauen an. Dennoch geht es hier um Männlichkeit, sagt Sozialpsychologin Julia Nentwich von der Uni St.Gallen:

«Männer, die morgens um fünf eine Runde Cocktails bezahlen, gelten als besonders männlich. Sie haben Geld, sie sind grosszügig, sie laden ein. Alles Attribute von Macht und Einfluss.»

Frauen würde ein ähnliches Verhalten gesellschaftlich weniger nützen.

Frauen würden gar nicht kandidieren

Géraldine Savary, Ständerätin aus dem Kanton Waadt. (Bild: Keystone)

Géraldine Savary, Ständerätin aus dem Kanton Waadt. (Bild: Keystone)

Die Genfer Spesenritter und die Bundesratskandidaten aus der Zentralschweiz sind natürlich nicht eins zu eins vergleichbar. Dennoch besteht eine grosse ­Gemeinsamkeit: Es handelt sich stets um Männer, die weder persönliche noch gesellschaftliche Grenzen zu spüren scheinen. Was für ein Unterschied zu Frauen, die den Bettel wie SP-Ständerätin Géraldine Savary hinwerfen, selbst wenn sie sich vergleichsweise läppischer Sünden schuldig gemacht haben.

Männer seien von Grund auf überzeugter von sich als Frauen, sagt Julia Nentwich. Haben sie Erfolg, dann schreiben sie sich diesen ihrer herausragenden Persönlichkeit zu. Frauen ticken anders. Sie glauben viel öfter, die Umstände hätten es ihnen ermöglicht, erfolgreich zu sein. Hinzu kommt die Haltung der Gesellschaft: Ein Mann, der Bundesrat werden will, das sei ­etwas Normales, sagt Nentwich und fügt an:

«Männern traut die Gesellschaft eine wichtige Rolle zu. Bei Frauen schauen alle genauer hin, ob sie die Fähigkeiten wirklich besitzt, die es für ein hohes Amt braucht.»

Es sei daher komplett unvorstellbar, dass sich eine Frau für einen Sitz in der Landesregierung bewerbe, die nicht oder kaum Französisch spreche. «Frauen würden sich in einer solchen Situation gar nicht erst bewerben.»

Überheblichkeit wird als Führungsstärke interpretiert

Der Hauptgrund, warum untalentierte Männer in Führungspositionen gelangen, sei unsere kollektive Unfähigkeit, zwischen Selbstvertrauen und Kompetenz zu unterscheiden, schreibt der Organisationspsychologe Tomas Chamorro-Premuzic in einem Beitrag für die «Harvard Business Review». Der einzige Vorteil, den ambitionierte Männer gegenüber Frauen haben, sei, dass Anzeichen von Überheblichkeit irrtümlicherweise als potenzielle Führungsstärke interpretiert werden. Kein Wunder also, wenn dieser Typ Mann im Amt zum Polit-Pascha verkommt, der sich – seiner Unfehlbarkeit gewiss – morgens um fünf einen Champagner auf Staatskosten gönnt.

Männer, die für hohe Ämter kandidieren, handelten durchaus rational, sagt Kathrin Bertschy, Präsidentin der Frauenorganisation Alliance f und Grünliberale Nationalrätin aus dem Kanton Bern. Die Vergangenheit zeige, dass längst nicht immer die Besten gewählt würden, sondern häufig durchschnittliche Figuren. Bertschy stellt fest:

«Kandidaturen von Männern über 50, die über etwas Führungserfahrung in kantonalen Exekutiven oder im Militär verfügen, sind daher typisch.»

Da das Wahlgremium – die Vereinigte Bundesversammlung – ebenfalls von älteren Männern dominiert werde, seien die Wahlchancen von männlichen Kandidaten intakt. On verra am 5. Dezember, dem Tag der Bundesratswahl.

Oder für die Herren ohne Französischkenntnisse vielleicht noch auf Deutsch: Wir werden sehen, wer am Ende die Champagnerkorken knallen lässt.

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