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Blumenparadies Alpstein:
Männertreu trifft Kugelige Rapunzel

Die Bergblumen blühen nur kurz, dafür intensiv. Jetzt ist der beste Zeitpunkt, sie in ihrer vollen Pracht zu erleben. Der Appenzeller Hobby-Botaniker Paul Ambühl kennt die besten Standorte.
Urs Oskar Keller
Ebenalp-Bähnler Paul Ambühl weiss, wo seltene Bergblumen wachsen. (Bilder: Urs Oskar Keller)

Ebenalp-Bähnler Paul Ambühl weiss, wo seltene Bergblumen wachsen.
(Bilder: Urs Oskar Keller)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

«Sönd wöllkomm uf de Ebenalp», sagt der freundliche Mann, der die Pflanzen liebt. Paul Ambühl wird Ende Jahr 65. Das heisst in seinem Fall nur, dass er 2019 bei der Luftseilbahn Wasserauen Ebenalp AG, wo er seit 1988 arbeitet, pensioniert wird, und mehr Blumen-­Exkursionen anbieten kann. Er hat einen getrimmten, grau melierten Bart, trägt Brille und Hut. Mit Trekkingschuhen und Outdoorjacke bewegt sich Ambühl locker im Gelände und führt Naturfreunde durch die würzig duftenden Blumenwiesen der Ebenalp in Richtung des Schäfler-Gipfels auf 1924 m. Tiefblau leuchten einem jetzt die Enziane entgegen. Was hier oben wächst, grenzt an ein kleines Wunder. Denn: Auf den Wiesen im Tal, die intensiv bewirtschaftet und gedüngt werden, gibt es nur noch wenige Blumenarten.

Anders auf der Ebenalp: Südwestlich der Bergstation, bei der Chlus, wachsen Fuchs’ Geflecktes Knabenkraut und Männliches Knabenkraut, die rote Lichtnelke, das Labkraut, Bewimperte Alpenrose, Frauenmänteli, Augenwurz, die Dunkle Akelei, die Kugelige Rapunzel (Teufelskralle), der Kochsche- und Clusius-Enzian und sogar der äusserst seltene Gemeine Seidelbast.

Der Seidelbast ist äusserst selten.

Der Seidelbast ist äusserst selten.

Flickflauder ist nicht nur ein Getränk

«Im Inner­rhoder Dialekt heissen Gänseblümchen Chääsblüemli, und Flickflauder ist nicht nur ein Getränk, sondern auch ein Schmetterling», scherzt Paul Ambühl. Ein Flickflauder flattert über eine Wiese, tanzt um ein magentafarbenes Knabenkraut. Man ist überrascht von so viel Schönheit.

Die Wiesen und Weiden präsentieren sich jetzt in satten Farben, die Murmeltiere haben ihre Aktivzeit, das Steinwild besiedelt die Hochlagen, die Sommerflora versprüht ihren ganzen Zauber, die Tage sind von Sonne und Licht erfüllt. Frauenschuh, Grossblütiger Fingerhut, Knabenkraut – etwa 70 Orchideenarten gibt es in der Schweiz. Viele blühen in unwirtlichen Bergregionen. «Kalk ­dominiert den Alpstein, und der Boden hat viel mit der artenreichen Pflanzenwelt zu tun», erklärt der Feldbotaniker seiner kleinen Gruppe. Viele Alpenblumen seien vom Aussterben bedroht. Sein Motto:

«Hinterlasse nichts als Fussstapfen,
und nimm nur Fotos mit.»

Ausgerechnet Gräser gehören zu den Lieblingen von Paul Ambühl. Die unscheinbaren Pflanzen, die wie ein Teleskop wachsen, faszinieren ihn. «Das Gräserwachstum ist einfach beeindruckend», schwärmt der Vater dreier erwachsener Töchter. «Gräser wie Lebendgebärendes Alpen-Rispengras, Wiesenlieschgras, Rasenschmiele und das Ruchgras, das dem Heu durch das Kumarin den ­guten Duft gibt, gehören dazu.»

Paul Ambühl hat noch mehr Überraschungen parat. Schliesslich weist die Kartierfläche Säntis auf etwa 650 Pflanzenarten und Gräser hin – wovon er viele kennt. Er führt über leicht sumpfiges Grasland. «Pflanzenschutzgebiet» steht auf einer alten Tafel. Vor einem südlich gelegenen Felssporn lodern die Fackeln des Gelben Enzians, in der Nähe sind die zackigen Hellebarden violetter Berg- und stängelloser Kratzdisteln zu sehen. An der Krete geht es fast 700 Meter steil hinunter in den Schwendibach. «Aber bitte vorsichtig gehen. Bleiben Sie auf dem markierten Weg», sagt Paul Ambühl zu seinen Gästen.

«Königin der Bergblumen»

Auch die «Königin der Bergblumen», das Edelweiss, findet man auf der Eben­alp – zumindest im privaten Alpengarten des Berggasthauses. Für die Appenzellbiennale 2012 hatte ein Künstler fast 500AABB22Edelweisssetzlinge pflanzen lassen. Weil das Feld nicht mehr gepflegt wurde und verwilderte, sind die meisten Edelweisse eingegangen. Für den Pflanzenkundler ist das Edelweiss nur eine von rund 35 Arten einer sibirischen Steppenpflanze. Die häufig beschworene Angst vor dem Aussterben dieser Bergblume teilt er nicht.

86-jährige Wirtin pflegt ihren Alpengarten

Unterhalb des alten Berggasthauses hat die frühere Wirtin Maria Sutter-Knechtle aus St. Gallen-Bruggen 1954 den ersten kleinen Alpengarten des Alpseins angelegt. Hier wachsen Berg-Baldrian, wilder Wermut, Massliebchen, Edelweiss, Enzian, Männertreu (Blaue Lobelie), Berufskraut und Flockenblumen. Mit viel Liebe hegt und pflegt die 86-Jährige die zarten Pflänzchen fast täglich. «Der Alpengarten ist mein Hobby. Über Mittag helfe ich meiner Familie hinter dem Buffet», sagt die vitale Frau, die heute in Weissbad wohnt und während der vergangenen 64 Jahre mehrheitlich auf der Ebenalp lebte. Ihre Lieblingsblumen sind Frauenmänteli und Feuerlilien, beide in ihrem Garten anzutreffen. Ihr Schwiegersohn Paul Ambühl sagt ihr bei Pflanzen, die sie noch nicht kennt, den richtigen Namen dazu.

Glänzende Skabiose. Über 650 Blumen- und Gräserarten wachsen im Säntisgebiet.

Glänzende Skabiose. Über 650 Blumen- und Gräserarten wachsen im Säntisgebiet.

Die zweistündige Wanderung endet an einer unscheinbaren Wiese hinter dem Berggasthaus Ebenalp, auf der Alpenklee und Bibernelle wachsen. Die Bergblumen blühen kurz, aber farblich intensiv – um viele Insekten anzulocken. «Mitte Juli sind schon viele Pflanzen verblüht oder von den Kühen gefressen. Die beste Zeit für eine Besichtigung ist Mitte Juni», sagt Paul Ambühl. Ist eine Pflanze verblüht, zückt er sein Smartphone und sucht in der Flora Helvetia-App mit mehr als 3000 Einträgen das passende Bild. Es ist das Standardwerk zur Botanik der Schweiz.

Die Ruhe wird jetzt von einem Helikopter unterbrochen, der Richtung Hoher Kasten niedergeht. Die Welt hat uns wieder. «Meine Beine fühlen sich an wie ein leicht zerfliessender Schlorziflade», meldet eine Mitwanderin. Zur feinen Dörrbirnen-Tarte gibt’s anschliessend im Berggasthaus noch einen Kafi fertig.

Nächste Blumenführungen mit Paul ­Ambühl: 8., 15. und 22. Juni sowie 13. Juli, 14 bis 15.30 Uhr, Treffpunkt bei der Talstation der Luftseilbahn Ebenalp. www.ebenalp.ch, Telefon 071  799 12 12.

Führungen durch die Blütenpracht des Alpsteins

Hoher Kasten: Der Verein Alpengarten Hoher Kasten bietet vom 6. Juni bis 15. August einstündige Gratisführungen durch den Alpengarten an – jeweils am Mittwoch, 13.50 Uhr ab Ausgang Bergstation. Der Garten wurde entlang des Europa-Rundweges neu angelegt und ist jetzt auch mit Kinderwagen sowie für Personen mit eingeschränkter Mobilität begehbar. Am Sonntag, 8. Juli, findet auf dem Hohen Kasten der Tag des Alpengartens mit Gratisführungen statt. Im Alpengarten gibt es zwei Rundgänge: Im Felsrundgang sind Bergtauglichkeit und Trittsicherheit von Vorteil. Der Besucher erlebt die artenreiche Flora und Fauna des Alpsteins in ihrer ursprüng­lichen Umgebung. Der Europa-Rundweg erschliesst weitere botanisch interessante Gebiete. www.hoherkasten.ch, Telefon 071 799 13 22.

Kronberg: Auf dem «Familienberg» gibt es einen Frühlings-Blütenpracht-Rundweg. Man spaziert an Blumenmatten aus blau leuchtenden Enzianen und rosa Mehlprimpeln vorbei. www.kronberg.ch, Telefon 071 794 12 89.


Schwägalp: Der Themenweg «Moor» führt über einen Steg ins Moor. Auch die Schwägalp bietet Blumen-Exkursionen an.Die Flora und Blütenpracht ist in der Zeit, bevor die Tiere auf die Alp kommen, besonders eindrücklich: Je nach Höhenlage blühen Soldanellen und Krokusse (direkt der Schneeschmelze folgend) sowie in den mittleren Lagen Enziane und Knabenkräuter sowie in den tieferen Lagen viele Bergwiesenarten (Gräser, Margerite, Kleearten). In der­­ kostenlosen App «Flora Schwägalp» ­werden alle Pflanzen aufgelistet, und es kann gezielt nach Blumen gesucht (u. a. Blütezeit Juni) werden.
www.naturerlebnispark.ch, 071 365 65 65.

Alp Sigel: Botanische Führungen gibt es auf der Alp Sigel nicht. Dafür einen Rundweg von der Bergstation der Alpsigelbahn dem Grat entlang zur Grillstelle, zu den Hütten und zurück zur Bahn. Im Juni ist der Bergfrühling auf der Alp Sigel ganz erwacht. In den oberen Lagen blühen Enzian, Aurikel, Mehlprimel. Wenn die Tiere auf der Alp Sigel sind, ist bei schönem Wetter auch das Gartenbeizli Hasenplatten offen, wo man auch übernachten kann. www.alpsigel.ch, Telefon 071 799 18 43.(uok)

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