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MAROKKO: Hinter den Mauern der Königsstadt

Marrakesch lockt jährlich 1,8 Millionen Touristen. Im Gespräch mit Einheimischen erhalten Besucher auch Einblicke in deren Alltag.
Pulsierendes Leben in engen Gassen. Die Altstadt von Marrakesch gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. (Bild: Karte oas)

Pulsierendes Leben in engen Gassen. Die Altstadt von Marrakesch gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. (Bild: Karte oas)

Simon Bordier

Hier geht es nicht weiter», sagt der Wachmann, als mache er uns auf etwas ganz Offensichtliches aufmerksam. Dabei stehen wir mitten im Bahnhof von Marrakesch, genauer vor einer riesigen Glaswand, welche die Bahnhofshalle von den Perrons trennt. Dann wird klar: Hier werden nur Leute durchgelassen, wenn ein Zug fährt. Und das geschieht – anders, als es der moderne Bahnhofstempel vermuten lässt – nicht gerade oft: Durchschnittlich fährt nur alle zwei Stunden ein Zug.

Mauern des Schweigens

Es ist nicht die einzige Wand in der Königsstadt Marrakesch. In etwa 20 Kilometern Entfernung türmt sich der Hohe Atlas auf, dessen Gipfel teils über 4000 Meter reichen. Die Altstadt wird von einer neun Kilometer langen Mauer umringt, und neuerdings riegeln sich die Luxushotels am Stadtrand gegen aussen ab. Ausserdem spricht man mit Touristen höchst ungern über Gott, den islamischen Propheten und den marokkanischen König Mohammed VI.; um sie herrschen Mauern des Schweigens. Die rund eine Million Einheimischen und jährlich 1,8 Millionen Touristen (davon 80 000 aus der Schweiz) scheinen sich damit abzufinden: Die einen haben sich vielleicht daran gewöhnt, die anderen werden vielerorts vorbeigeschleust.

Vibrierender Marktplatz

Es gibt aber auch Orte, wo Mauern zwischen Einheimischen und Touristen abgebaut werden. Vor allem auf dem Marktplatz Djemaa el Fna: Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Handmalerinnen, Trommler und Tänzer bringen den Platz jeden Abend zum Vibrieren, theatralisch umhüllt vom Qualm der Grillstände. Dabei nehmen Einheimische und Touristen wie selbstverständlich nebeneinander auf den Festbänken Platz.

In der Altstadt, Medina genannt, kann es passieren, dass man vom Gewürz-, Teppich- oder Lederwarenhändler zum Tee oder gar zum Tajine-Essen eingeladen wird (so heisst der traditionelle Fleischeintopf mit Couscous). Natürlich verspricht sich der Händler davon ein gutes Geschäft, aber eine solche Einladung ist stets auch als Zeichen der Gastfreundschaft gemeint.

Vorbildliche Gastfreundschaft

Marokko ist der Schweiz in dieser Hinsicht weit voraus: Touristen werden so charmant in Gespräche verwickelt, dass sie sich bisweilen gar nicht mehr als Fremde fühlen. Zum anderen sind die Händler im Marktviertel weit weniger aufdringlich als in vergleichbaren Souks etwa in der Türkei oder in Ägypten. Dies zumindest hört man von Touristen, die bereits viel im Maghreb und Nahen Osten umhergereist sind.

Zu persönlichen Begegnungen kommt es auch in den über hundert Riad-Hotels der Stadt. Diese traditionellen Bauten haben relativ wenige Zimmer, die alle auf einen Innenhof ausgerichtet sind. Dort sorgt ein Brunnen oder ein Bassin für Kühlung und streut das von oben hereinfallende Sonnenlicht sanft über die Pflanzen, die sich in Beeten und entlang der Hofmauern ranken. Dachterrassen geben den Blick über das Häusermeer frei.

Berber als Stadtgründer

Mauern und Gärten haben die Stadt seit ihrer Gründung Mitte des elften Jahrhunderts geprägt. Ein Berberstamm erbaute die Stadt, um von ihr aus die Handelsrouten über den Atlas in die Sahara weiträumig kontrollieren zu können. Der Stamm wollte auch den Islam stärker im Leben der Berber verankern. Diese zogen seit Urzeiten als Nomaden oder nomadisierte Bauern umher, bekriegten sich ständig und nahmen von der neu aufkommenden Religion zunächst wenig Notiz.

Im besonders kriegerischen zwölften Jahrhundert entstanden in Marrakesch die imposante Stadtmauer, die Kasbah (so heisst die Trutzburg der Berber) und die Koutubia-Moschee mit ihrem 77 Meter hohen Minarett, aber auch ihren riesigen Wasserspeichern und Gärten nach andalusischem Vorbild. Die Altstadt von Marrakesch gehört heute zum Weltkulturerbe der Unesco.

Galerien im Neustadtquartier

Unter der Kolonialherrschaft der Franzosen wurde ab 1913 das Neustadtquartier erbaut, das heute westliche Kleiderläden, Imbissbuden und moderne Galerien beherbergt. Neueren Datums sind die Hotelanlagen und Golfplätze am Stadtrand, die auch bei der begüterten Schicht aus der Hauptstadt Rabat und der Wirtschaftsmetropole Casablanca beliebt sind.

Die Stadt erlitt 2011 einen schweren Rückschlag, als bei einer Bombenexplosion in einem Touristencafé beim Platz Djemaa el Fna 14 Menschen ihr Leben verloren. Die Sicherheitsvorkehrungen sind seit dem islamistischen Anschlag verschärft worden. Die Lage im Land gilt als grundsätzlich stabil.

Künstler- und Hippieparadies

Der Schmelztiegel aus der Kultur der Berber, den arabischen, andalusischen und französischen Einflüssen hat ab 1950 auch Künstler fasziniert: Vom Schriftsteller Elias Canetti, der seine Reiseeindrücke in den «Stimmen von Marrakesch» literarisch verarbeitete, bis zum französischen Modezaren Yves Saint-Laurent, der im hippen Garten Majorelle begraben liegt. Während der Hippie-Bewegung war die Stadt zudem ein beliebtes Ziel für Aussteiger.

Wie in Indien oder Nepal waren die Hippies Vorboten des Massentourismus. So wird Marrakesch seit einigen Jahren von Billigfluglinien aus halb Europa angeflogen. Rote Doppeldeckerbusse und Kaleschen kutschieren die Besucher um die Altstadt herum. Und in vielen Hotels und Restaurants kann man auch Alkohol konsumieren (wenn auch nicht auf öffentlichen Strassen und Plätzen).

Armut versteckt im Friedhof

Dennoch ist ein Städtetrip nach Marrakesch nicht mit einem Abstecher nach London oder Wien vergleichbar. Denn auch die vielen Mauern können die Armut in der Bevölkerung nicht verbergen. Hinter den Zäunen eines Friedhofs nahe der Altstadt offenbart sich das Elend: In einer betonierten Ecke, wo sonst wohl Grünabfälle lägen, haben sich mehrere Bettler breitgemacht, andere suchen unter einer Zeltblache Schutz vor der Sonne und starren auf einen Kessel über dem Feuer. Offensichtlich verbringen ganze Bettlerfamilien ihre Tage und Nächte auf dem Friedhof. Ein Mann, der sich als Friedhofswächter vorstellt, erklärt sich bereit, durch den Friedhof zu führen – ausnahmsweise, weil Fremde sonst keinen Zutritt haben. Im Gespräch mit Einheimischen öffnen sich so immer wieder Türen hinter scheinbar fest verschlossenen Mauern.

Auch ein Ausflug über das Bergmassiv in die Sahara lohnt sich, die zwei Tagesreisen von Marrakesch entfernt liegt. Kehrt man aus der Wüste zurück, glaubt man die Stadt mit neuen Augen zu sehen.

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