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Auch Fische haben eine Persönlichkeit

Fische sind intelligentere Wesen, als man lange gedacht hat. In manchen Tests schneiden Putzerfische besser ab als Affen. Auch deshalb stehen Kunden für eine Reinigungs-Putz-Massage an.
Valeria Heintges
Grauer Doktorfisch (Acanthurus mata) wird von Putzerfisch gereinigt, Great Barrier Reef, Australien. (Bild: Imago)

Grauer Doktorfisch (Acanthurus mata) wird von Putzerfisch gereinigt, Great Barrier Reef, Australien. (Bild: Imago)

Wenn Sie gestresst sind, könnten Sie sich doch auch mal von einem Putzerlippfisch streicheln lassen. Oder wollen Sie doch lieber zur Massage gehen? Für Fische an Korallenriffen ist das kein Widerspruch. Sie gehen regelmässig in die Reinigungsstation der Putzerfische, manche bis 150-mal pro Tag. Und bevorzugen dabei die Putzerfische, die sie beim Reinigen mit ihren Flossen streicheln.

Versuche haben gezeigt, dass sich gestresste Forellen wie Kinder um eine Tüte Bonbons an Fischmodellen versammeln, die sie ­berühren, weil das Streicheln den Cortisol-Pegel senkt. Gleichaussehende Fischmodelle, die sich nicht bewegen und nicht streicheln, werden von den Tieren nicht beachtet.

Seltsame Versuche von Forschern

Es ist schon merkwürdig, welche Versuche Forschern so einfallen. Aber es ist noch viel merkwürdiger, was sie dabei herausfinden. Manches davon ist dazu angetan, unser Verhältnis zu den anderen Lebewesen unseres ­Planeten zu verändern. Neuestes Beispiel: Fische. Es wäre uns lieber, wenn sie gar nichts spüren würden, wenn sie mit Tausenden Artgenossen auf einem Haufen liegen und nach Wasser schnappen. Das bekommen sie aber nicht, sondern landen auf unseren Speisetellern oder im Futter unserer Rinder oder was wir ihnen sonst zugedacht haben.

Aber leider: Fische spüren Schmerzen, und sie leiden. Forellen, denen in Versuchen Bienengift oder Essigsäure unter die Haut injiziert wurde, bleiben ­apathisch am Aquariumboden, reiben sich die Mäuler, als würde es sie jucken, zeigen vier Stunden lang keinen Appetit und weichen Gefahren nicht mehr aus. Fische spüren keinen Schmerz, hiess es lange, denn sie haben keinen Neocortex wie wir. Falsch. Denn Fische spüren den Schmerz in der Pallium genannten Hirnregion.

Genuss, Furcht, Verspieltheit und Freude

«Ein Fisch fühlt und weiss etwas», schreibt der Forscher Jonathan Balcombe als Resümee seines Buches «Was Fische wissen». «Ein Fisch ist ein Individuum mit einer Persönlichkeit und Beziehungen zu anderen. Er oder sie kann planen und lernen, wahrnehmen und weiterentwickeln, trösten und etwas aushecken ­sowie Genuss, Furcht, Verspieltheit, Schmerz und – wie ich vermute – auch Freude empfinden.» Auf 292 Text- und 44 Anhangsseiten sammelt Balcombe Schritt für Schritt Beweise aus der neusten Forschung für diese Sätze.

Gut erforscht sind Putzerfische, die intelligent sind und ein komplexes Sozialbeziehungen pflegen. Der Versuch: ein blauer und ein roter Teller mit Futter. Der rote Teller wird nach zwei Minuten weggenommen, der blaue bleibt stehen. Wer alles fressen will, sollte zuerst das Futter auf dem roten Teller verputzen. Im Test: acht Kapuziner­affen, vier Orang-Utans, vier Schimpansen, sechs Putzer-Lippfische. Wer gewinnt? Die Putzerlippfische, die nach 45 Versuchen das Prinzip begriffen hatten. Zwei Schimpansen kapierten die Sache nach 60 bis 70 Versuchen, die anderen Affen gar nicht.

Fische lernen mit der Erfahrung

Allerdings muss man sagen, dass der Test voll auf die Putzerfische zugeschnitten war. Denn in ihren «Laden» am Riff kommen viele Fische, Stammkunden und solche «auf der Durchreise». Die Putzer kennen ihre Stammkunden und wissen, welche wegschwimmen, wenn sie sie nicht sofort bedienen. Junge Putzerlippfische schnitten nicht so gut ab – die Fische lernen die Sache wohl erst mit der Erfahrung.

Dazu muss man wissen: Forscher zählten am Great Barrier Reef durchschnittlich 2297 Kunden pro Putzerfisch täglich. Die Kunden warten in einer Schlange ab, bis sie an der Reihe sind, sich Parasiten, abgestorbene Hautpartikel, Algen und Ähnliches vom Körper fressen zu lassen. Raubfische gehören ebenfalls zu den Kunden; Haie etwa öffnen bereitwillig das Maul, um den winzigen Putzer darin herumschwimmen zu lassen. Diese Symbiose im Tierreich hat tatsächlich etwas von einem «Car Wash» wie im Film «Shark Tale». Und ja, auch Garnelen arbeiten an den Stationen, wie Jacques, den der Clownfisch Nemo im Aquarium des Zahnarztes trifft.

Der Putzerfisch kennt mehr als hundert Kunden

Aber nicht alle sind so höflich: Eigentlich schmeckt den Putzern der die Fische schützende Schleim besser als die Parasiten. Aber wenn sie den abknabbern, zuckt der Kunde zusammen. Neue Kunden beobachten die Arbeit an den Stationen, ehe sie sich für eine entscheiden, und meiden die, deren Kunden oft zucken.

«Das System besteht aus langfristigen Beziehungen, denen gegenseitiges Vertrauen, Schuld und Sühne, wählerisches Verhalten, das Bewusstsein, unter Beobachtung zu stehen, Reputation und Einschmeichelei zugrunde liegen», schreibt Balcombe. Redouan Bshary von ­ der Universität Neuchâtel, der Putzerstationen seit Jahren erforscht, schätzt, dass ein Putzerlippfisch mehr als hundert Kunden wiedererkennen kann und sich an die letzte gemeinsame Interaktion erinnert. Nur, dass das noch einmal klar ist: Wir reden hier nicht von Affen oder ­Vögeln. Sondern von Fischen.

Jonathan Balcombe: Was Fische wissen. Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser, mare-Verlag, 336 Seiten, Fr. 44.–

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