Medienpsychologe: «Problematische Handynutzung gleicht einer Essstörung»

Gregor Waller (48) ist Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und forscht seit 15 Jahren auf dem Gebiet der Mediennutzung.

Interview: Gregory Remez
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Gregor Waller, Medienpsychologe an der ZHAW.

Gregor Waller, Medienpsychologe an der ZHAW.

Gregor Waller, besitzen Sie ein Smartphone?

Ja, man kommt in der heutigen Zeit ja fast nicht mehr darum herum. Die rudimentären Mobiltelefone ohne Apps und Touchscreen sterben langsam aus.

Wie würden Sie die Beziehung zu Ihrem Mobiltelefon beschreiben?

Als ziemlich nüchtern. Ich sehe es als digitale Werkzeugkiste. Früher dachte ich, dass ich eine emotionale Bindung zu meinem Smartphone hätte. Dann habe ich allerdings gemerkt, dass meine Zuneigung nicht dem Gerät gilt, sondern den vielen Menschen, mit denen es mich verbindet. Viele fühlen sich durch dieses Gerät zunehmend gestresst.

Woher rührt dieses digitale Unbehagen?

Auch hier gilt: Es ist nicht das Gerät, das den Stress verursacht, sondern alles, was damit in Verbindung steht. Einen potenziellen Stressfaktor stellt etwa die Kommunikationsfrequenz dar. Zuweilen sammelt sich auf den verschiedenen Kanälen – Whatsapp, E-Mail, Facebook, Instagram – eine so grosse Menge an Nachrichten an, dass man beim Lesen ins Hintertreffen gerät. Vor allem Gruppenchats sind diesbezüglich regelrechte Fallen.

Gibt es eine Lösung für das Problem?

Jugendliche haben beispielsweise einen Weg gefunden, damit umzugehen: Sie übertragen gewisse Umgangsformen aus dem persönlichen Gespräch auf die digitale Kommunikation. Statt in Gruppenchats alle Nachrichten nachzulesen, werfen sie einfach nochmals eine Frage in die Runde – so als wären sie erst jetzt zum Gespräch dazugestossen.

Ab wann wird der Smartphone- Gebrauch problematisch?

In der Wissenschaft ist umstritten, ob so etwas wie eine Suchtschwelle überhaupt existiert und wenn ja, wo diese liegt. Es gibt aber bestimmte Symptome, die auf ein problematisches Verhalten hindeuten. Etwa wenn man seine Nutzung reduzieren will, es aber auch nach wiederholten Anstrengungen nicht schafft. Oder wenn man immer mehr Zeit am Handy verbringt und deswegen anderswo Abstriche machen muss – seine Dosis quasi kontinuierlich steigert. Gravierend wird es, wenn es aufgrund des Smartphone-Gebrauchs zu Konflikten im Umfeld, im Beruf, in der Schule kommt.

Was würden Sie jemandem raten, der weniger Zeit am Smartphone verbringen will, es aber nicht schafft?

Es hilft, einfache Regeln aufzustellen. Oft zückt man das Smartphone dann, wenn man an der Schwelle zur Langeweile ist – beim Warten auf den Bus, beim Anstehen in der Cafeteria. Wenn man sich diese Situationen im Vorfeld bewusst macht, ist es weniger schwierig, solchen Impulsen zu widerstehen. Manchen hilft es auch schon, wenn sie ihre Gewohnheiten durchbrechen, sich einen analogen Wecker oder eine Armbanduhr anschaffen und dadurch automatisch weniger nach dem Handy greifen. Es schadet sicher auch nicht, das Gerät einfach mal zu Hause zu lassen und ein paar Stunden ohne unterwegs zu sein. Ausschalten über Nacht ist Pflicht.

Macht es überhaupt Sinn, von «Smartphone-Stress» oder «Smartphone-Sucht» zu sprechen? Schliesslich vereinen die Mobiltelefone von heute viele Geräte – und somit viele potenzielle Stress- und Suchtfaktoren – in einem.

Auch hier ist sich die Wissenschaft noch nicht ganz einig, ob es sich beim exzessiven Smartphone-Gebrauch wirklich um eine Sucht oder nicht eher um eine Störung der Impulskontrolle handelt. Es kommt ganz darauf an, wie man das Gerät nutzt. Eine Rolle spielt auch das Umfeld. Ob man eine Verhaltenssucht entwickelt oder sich durch sein Smartphone gestresst fühlt, hängt häufig auch mit äusseren Einflüssen zusammen, die wir nicht kontrollieren können, wie Probleme im Beruf, in der Schule oder Streit mit der Partnerin, den Eltern.

Was halten Sie von sogenannten digitalen Entgiftungskuren?

Die liegen zwar gerade im Trend, die grosse Masse wird ihr Smartphone-Verhalten aber sicher anders in den Griff kriegen. Es sollte ja gerade nicht um Abstinenz oder gar Verzicht gehen, sondern um einen kompetenten Umgang. In dieser Hinsicht gleicht problematische Handynutzung eher einer Essstörung denn einer Rauschmittelsucht: Während etwa im Fall einer Alkoholkrankheit der absolute Verzicht als Ziel definiert wird, geht es bei der Behebung einer Essstörung ja nicht darum, dass Patienten gar nichts mehr essen. Vielmehr sollen sie ein gesundes Verhältnis zum Essen entwickeln. Dasselbe gilt für den Umgang mit dem Smartphone. Die Stimmen, die nach einem bewussteren Umgang mit dem Smartphone und den digitalen Medien im Allgemeinen rufen, werden lauter. Vielen ist aber unklar, wie ein solcher aussieht. Eine Patentlösung gibt es da nicht. Wichtig ist, dass wir über die Beziehung zu unseren Geräten nachdenken und uns mit anderen darüber austauschen. Den einen fällt es einfacher, ihre Nutzung zu reduzieren, andere bedürfen technischer Hilfsmittel oder lassen sich eben einer Entgiftungskur unterziehen. Letzten Endes muss aber jeder selber entscheiden, wie er mit den vielen Möglichkeiten sowie den potenziellen Stress- und Suchtfallen umgehen will, die sich durch die digitalen Medien ergeben.

Hätten Sie trotzdem einen Tipp?

Allen voran sollten wir uns auf die positiven Aspekte konzentrieren. Und wenn alles nicht hilft, gibt es Fachpersonen, an die man sich wenden kann. Aufpassen sollten wir bei Kindern und Jugendlichen. Mit der Einführung des Touchscreens vor zehn Jahren ist die Schwelle für die Nutzung digitaler Medien stark gesunken – plötzlich war es nicht mehr nötig, eine Tastatur zu bedienen. Mit der Entwicklung von Sprachassistenten stehen wir nun an einer weiteren solchen Schwelle.