Medienstar
Die Königin der Empathie: Warum Oprah Winfrey «larger than life» ist

Im TV-Interview mit den Ex-Royals Meghan Markle und Prinz Harry zeigt Oprah Winfrey, was die hohe Kunst des Interviews ist – und dass sie sie beherrscht wie niemand sonst. Die Amerikanerinnen hätten sie am liebsten als Präsidentin.

Marc Neumann, Washington DC, Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen
Eine der reichsten und einflussreichsten Frauen der Welt: Oprah Winfrey

Eine der reichsten und einflussreichsten Frauen der Welt: Oprah Winfrey

Tony Avelar / AP

Eine TV-Multimilliardärin lädt zum Interview mit einem herzoglichen Ehepaar, das dank einem Netflix-Deal ebenfalls mindestens 100 Millionen Dollar reich ist. Sie plaudern über Luxusprobleme in einem Prachtgarten in Montecito. Dem Fernsehsender CBS war die Produktion sieben bis neun Millionen Dollar wert. Ein Werbeblock von 30 Sekunden kostet 325'000 Dollar.

17 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer schalteten bei der Erstausstrahlung am vergangenen Sonntagabend ein. Das alles war und ist nur möglich, wenn die Interviewerin Oprah Winfrey heisst. Nur die ungekrönte Talk-Queen schafft es, dass Prinz Harry und Meghan Markle in einer noch nie da gewesenen Offenheit unter Tränen erzählen, dass sie wegen Rassismus und Selbstmordgefahr vor der englischen Krone nach Amerika flüchten mussten. Nach dem Interview stehen Fernsehsender Schlange für die Senderechte. Schliesslich passiert es nicht alle Tage, dass ein Interview das englische Königshaus in PR-Krisenmodus versetzt, so etwas schafft nur Oprah Winfrey.

Ausschnitte aus dem Talk von Oprah Winfrey mit Meghan und Harry.

CH Media Video Unit

Dementsprechend jubelten US-Medien über Oprahs journalistische Meisterschaft, mit der sie Meghan und Harry scheinbar mühelos eine Sensation nach der anderen entlockte.

Sieben Millionen allein für die Lizenzrechte für Oprah Winfrey

Das beste Interview seines Lebens habe er gesehen, sagte Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University. Stellvertretend für viele nannte die Washington Post Oprah die «grösste Interviewerin von Prominenten aller Zeiten». Ihre Leistung liess sie sich von CBS mit sieben Millionen Dollar für die Lizenzrechte vergolden. Und mit dem Ehrentitel der Königin von Prominenteninterviews.

Eine Freundin von Meghan: Oprah Winfrey war zur Hochzeit von Prinz Harry and Meghan Markle eingeladen.

Eine Freundin von Meghan: Oprah Winfrey war zur Hochzeit von Prinz Harry and Meghan Markle eingeladen.

Lauren Hurley / Pool / EPA

Überraschend kommt das nur für Leute ausserhalb der USA, denen Oprah kein Begriff ist (wie etwa jener Zürcher Verkäuferin, die sich im berüchtigten «Täschli-Gate»-Vorfall vor acht Jahren weigerte, ihr eine 35'000 Franken teure Handtasche zu verkaufen, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass eine Schwarze sich dies leisten könnte). Innerhalb der Vereinigten Staaten indes weiss man, dass Oprah zu allem fähig ist. Hier ist sie, wie man auf Englisch sagt «larger than life» – grösser als das Leben selbst.

Kometenhafter Aufstieg zu einer der reichsten Frauen der Welt

Ihr eigenes begann 1954 in bescheidenen Verhältnissen im damals segregierten Südstaat Mississippi. Den rassistischen Süden liess sie schnell hinter sich, um ihren kometenhaften Aufstieg in Baltimore und dann in Chicago zu lancieren. Nach Lehrjahren im Radio wechselte sie Mitte der 1970er als Moderatorin ins Fernsehen – das sie nie mehr losliess.

1986 startete sie «The Oprah Winfrey Show», eine 45-minütige Wochentagstalkshow, mit der sie während 25 Jahren alle Zuschauer- und Gehaltrekorde brach. Parallel – und neben ihrer Tätigkeit als erfolgreiche Schauspielerin und Autorin – baute Oprah ein Medienimperium mit eigener Produktionsfirma (TV und Kino), Magazin-Verlag, TV-Netzwerk und Buchclub auf. Ihr Vermögen wird mittlerweile auf rund 2,5 Milliarden Dollar geschätzt. Oprah ist eine der reichsten Frauen des Planeten und als Erfolgsgeschichte einer afroamerikanischen Selbststarterin vielleicht die beste Verkörperung des amerikanischen Traumes.

Die USA hoffte auf ihre Kandidatur als Präsidentin

«Sie ist das Alpha-Weibchen des Landes», sagte Maureen Dowd, Kolumnistin der «New York Times» schon vor rund 20 Jahren – Oprah habe «mehr Glaubwürdigkeit als der Präsident».

Dass das nach wie vor stimmt, bewies Oprah vor drei Jahren. Nach einer magistralen Rede an der Preisverleihung der Golden Globes hoffte das vom Trump-Syndrom geschädigte Amerika auf Oprahs Kandidatur aufs Präsidentenamt. Erst ein Dementi von Winfrey selbst schaffte das hartnäckige Gerücht aus der Welt. Eine Frau diesen Kalibers legt sich locker mit dem englischen Königshaus an.

Ihre Geheimwaffe: Sie kann schweigen und zuhören

Oprah Winfrey geizt nie mit Emotionen, 2012 zu Gast bei der «Late Show», von David Letterman.

Oprah Winfrey geizt nie mit Emotionen, 2012 zu Gast bei der «Late Show», von David Letterman.

Michael Conroy / AP/AP

Nach bald 50 Jahren im Mediengeschäft ist Oprah als Fragestellerin schlichtweg unübertroffen. Ihre Interviewtechnik ist entspannt und doch messerscharf. Minutiös vorbereitet und mit der Präzision einer Chirurgin steuert Oprah an, was sie hören will. Sie fragt warm, einfach und fair, aber direkt und fest. Vor allem vermeidet sie den Fehler aller übereifrigen Journalisten: Statt nervös nachzuhaken, schweigt sie – und gibt dem Gegenüber alle Zeit der Welt, um sich auszubreiten, selbst unter Tränen. Erst wenn die schwangere Meghan, Tochter eines weissen Vaters und einer schwarzen Mutter, im Interview enthüllt, dass sich ein Mitglied der Royal Family über die Hauptfarbe ihres erstgeborenen Sohnes sorgte, und wie diese auf die blütenweisse Weste der Royals abfärben könnte, wird Oprah aktiv. Sichtbar angewidert brach ein gedehntes «What!?» aus ihr heraus.

Sie ist genau und kritisch, aber ihre Empathie ist echt

Das war nicht nur einfach ein Interview, schrieb der «New Yorker» am nächsten Tag. Oprah Winfrey stellt zwar heikle Fragen und geht hartnäckig auf ausweichende Antworten ein. Aber eine Frage sei bei ihr niemals nur eine Frage. Ihre Empathie steht über allem. «Hast du geschwiegen», fragte sie Meghan Markle, «oder wurdest du zum Schweigen gebracht?» Es war, als würde sie eine Türe öffnen. Und Meghan trat erleichtert ein.

Aktuelle Nachrichten