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Reisereportage:
Bei den letzten Rentiermenschen der Mongolei

Der Khuvsgul-See lockt jedes Jahr Nomaden mit ihren Herden an seine stillen Ufer – eine einmalige Möglichkeit, das einfache Leben der Hirten zu betrachten.
Text und Bilder: Martina Katz
Teppiche an den Wänden, Medaillen und Fernseher – nicht alle Jurten sind so luxuriös ausgestattet.

Teppiche an den Wänden, Medaillen und Fernseher – nicht alle Jurten sind so luxuriös ausgestattet.

Batbyamba Ganhuyag und Narantuya Tsogtoo sind ein modernes Nomadenpaar. Der 37-jährige Mongole und seine gleichaltrige Frau frühstücken in Jeans und T-Shirt auf dem Teppich, der den Holzboden ihrer 25 Quadratmeter grossen Jurte bedeckt. Bunte Schüsseln, gefüllt mit Rahm und Gebäck, stehen dort. In der Mitte knistert ein Ofen, dessen Rohr durch die grosse Deckenöffnung ragt. Eine Kommode und zwei Betten, eins für die Eltern, eins für die Kinder, lehnen an den Rundwänden aus dickem Filz, daneben zwei Hocker für Besucher. «Im Winter wohnen wir in einem Holzhaus im Dorf Khatgal am Südzipfel des Khuvsgul Sees, aber im Sommer schlagen wir unser Jurtenlager direkt am Wasser auf. So sind wir unseren Tieren näher», erzählt die dreifache Mutter Narantuya. Die Nomadenfamilie lebt eng mit der Natur.

Yakfladen sammeln und Pullover filzen

Morgens um sieben treibt Vater Batbyamba seine Pferde in die Steppe zum Grasen. Auf dem Nachhauseweg sammelt er Yakfladen für den Ofen. Gegen die Kälte hilft ein Deel, der traditionelle mongolische Mantel. «Ich trage ihn so gut wie immer, auch dann, wenn ich Touristen bei einer Wanderung oder einem Ausritt begleite. Meine Frau melkt derweil die Ziegen, macht Aruul, den typischen Hartkäse, oder filzt einen Pullover aus Wolle. Die Kinder helfen dabei», sagt Batbyamba, zieht seine Gutul, die handbestickten Lederstiefel über, schlüpft in den Deel, und steigt über die Jurtenschwelle hinaus ins Freie.

Pferde grasen auf einer Landzunge am Khuvsgul-See.

Pferde grasen auf einer Landzunge am Khuvsgul-See.

So gross wie Deutschland, Spanien und ­Frankreich zusammen

Der Khuvsgul Nationalpark im Norden der Mongolei, kurz vor der russischen Grenze zu Sibirien, ist seit jeher ein beliebter Lagerplatz von Nomaden. Sein 3000 Quadratkilometer grosser See ist fünfmal so gross wie der Bodensee und das grösste Trinkwasser-Reservoir des Landes. Den Einheimischen gilt er deshalb als heilig. Wie ein Meer liegt das tiefe Blau zwischen schlanken Lärchenwäldern und den hügeligen Ausläufern des Sajan-Gebirges. Landzungen aus weissen Steinen ragen in das Gewässer, das wegen seiner Tiefe auch kleiner Baikalsee heisst. Auf den Uferwiesen grasen Pferde neben Heilkräutern und Wildblumen, im Wasser tummeln sich Barsche und Forellen.

Die Mongolei, so gross wie Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen, ist berühmt für ihre Nomaden und eine endlose Weite. Kein Wunder, bietet sie ihren nur drei Millionen Einwohnern in den 21 Aimags, den Provinzen, so viel Platz wie kein anderes Land auf der Welt. Doch Boden und das extreme Klima sind oftmals alles andere als freundlich. Die mehr als 1000 Flüsse frieren in der kalten Jahreszeit zu, monatelang ist die Eisschicht auf dem Khuvsgul-See so dick, dass sie sogar Lastwagen trägt.

Beten für den Regen

Schon vor 500 Jahren, als die Chinesen diesen Teil der Mongolei regierten, hatte der Khuvsgul-See grosse Bedeutung. Die Einheimischen sollten sogar Abgaben für ihn zahlen und behaupteten kurzerhand, der See sei ein Meer, auf das keine Steuern entfielen. Dann beteten sie für Regen. Bis zu dem Tag, an dem die chinesischen Fürsten die Zuflüsse zählen wollten, fiel so viel Niederschlag, dass sie allein an einer Uferseite mehr als 50 Wasserläufe ausmachten. Die Steuerzahlungen wurden daraufhin erlassen und der Khuvsgul-See hatte seinen Namen: Mongolisches Meer. Heute speisen fast 100 Bäche das Binnengewässer in der Mongolischen Schweiz, der einzige Abfluss führt über Umwege in den sibirischen Baikalsee, vorbei an weiten Grasflächen und samtenen Hügeln – ein touristisches Highlight.

Aus dem Rentier wird Schmuck,
Nahrung und Medizin gemacht

Das wissen auch die Tsaaten zu schätzen. Die letzten Rentiermenschen der Mongolei siedeln normalerweise 200 Kilometer weiter westlich in den unwirtlichen Bergwäldern. In den Sommer- monaten jedoch kommen einige der Familien mit Sack und Pack an den Khuvsgul-See. «Wir besitzen 30 Rens, aber nur die jungen und kräftigen nehmen wir mit hierher. Die anderen würden die Wärme nicht überstehen», erklärt Familienoberhaupt Sulegmaa. Stolz zeigt der 54-Jährige seine Tiere und die beiden grossen Spitzzelte in der Waldlichtung. Dafür gibt es ein paar Tugrik von den Touristen. Die sind fasziniert von den schönen Hirschtieren, die seelenruhig ihre prächtigen Geweihe präsentieren und auf den nächsten Ausritt warten.

Die Rentiere sind die Lebensgrundlage der Tsaaten.

Die Rentiere sind die Lebensgrundlage der Tsaaten.

Die Tsaaten haben sich im Laufe der Jahre die Rens zur Lebensgrundlage gemacht: aus dem Fell stellen sie Jacken und Decken her, aus dem Geweih Medizin, die fette Milch hilft ihnen durch das raue Klima. Auch als Transportmittel bei den regelmässigen Umzügen durch die Wälder, oftmals durch Eis und Schnee, sind die Rentiere ideal. Wenn dann mal eins geschlachtet werden muss, weil die Jagd nach Wild erfolglos blieb und es auch sonst nichts zu essen gibt, wird ihre Haut zur Zeltbespannung und zu Stiefeln, die Knochen werden zu Schmuck – ein ungewöhnliches Souvenir. Es dürfte kaum verwundern, dass das Rentier bei so viel Bedeutung auch als Schamanentier gilt, das die Tsaaten in die Welt ihrer Ahnen führt.

Die Geister gnädig stimmen

Bei den Mongolen am Khuvsgul-See sieht das anders aus. «Unsere Schamanen halten regelmässig Rituale in den Waldlichtungen ab und die Einheimischen kommen in Scharen», weiss Narantuya. In den Baumkronen hängen dann Bänder und Gebetsfahnen, darunter stehen kleine Zelte. Die Schamanen entzünden ein offenes Feuer, wärmen die Trommeln aus Ziegenhaut am heissen Qualm und schleudern mit Wacholderzweigen Milch aus einer Schale in alle Richtungen, um die Geister gnädig zu stimmen.

Schamanensitzung im Wald: Helfer wärmen die Trommeln am Feuer an.

Schamanensitzung im Wald: Helfer wärmen die Trommeln am Feuer an.

Schon oft hat Narantuya interessierte Touristen zu einer Sitzung gebracht. Zuschauen ist möglich, wenn Schamanen gleichzeitig, das Gesicht hinter einer Zeremonialmaske aus bunten Stofffetzen verborgen, auf ihre Trommeln einschlagen, vor sich hin murmeln und Oberkörper und Kopf derart im Kreis schleudern, dass sie in Trance fallen. «Für die meisten meiner Landsleute ist der Schamanismus die Religion. Batbyamba und ich halten uns lieber an weltliche Dinge, zum Beispiel an das Naadam-Fest», sagt Narantuya und nickt. Naadam feiern die Mongolen jedes Jahr im Juli.

Mit Pferderennen, Bogenschiessen und Ringen wird Dschingis Khans gedacht und der Entstehung des mongolischen Staates. Auf den platten Wiesen am Khuvsgul-See, zwischen Ufer und der schmalen Seepiste, versammeln sich dann sämtliche Bewohner der Region, tragen ihre schönsten Trachten, die Frauen legen kostbare Ohrringe an, die Männer schwere Metallschärpen. Es wird geredet, gelacht, angefeuert und applaudiert. Die eigentlichen Stars aber sind die Buben und Mädchen, die schreiend und peitschend von den Lärchenwäldern bis zum Ufer um die Wette galoppieren, auf Pferden, deren kurz geschnittene Mähnen zu Berge stehen, wie die traditioneller Wildpferde. Im letzten Jahr haben Narantuya und ihr Mann erstmalig den ältesten Sohn teilnehmen lassen. «Doch gewonnen hat er nicht», Batbyamba lacht, zieht seine Stiefel aus und setzt sich zu den Kindern.

Mit Pferderennen wird Dsching Khans gedacht.

Mit Pferderennen wird Dsching Khans gedacht.

Es ist Abend geworden. Auf dem Jurtenteppich dampft Mehlsuppe mit selbst gemachten Nudeln. Batbyamba wird gleich noch die Yaks an einen anderen Grasplatz treiben und mit dem Motorrad Wasser aus dem Wüstenbrunnen holen. Die Kinder werden die Pferde anbinden, Narantuya die Kiste mit den Aruul-Stücken zum Trocknen auf das Jurtendach stellen. Nur die Pferdekopfgeige wartet noch auf ihren Einsatz – ein letztes Highlight an einem ganz normalen Tag einer modernen Nomadenfamilie.

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