50 Jahre Synode 72
«Mehr Farbe» – 1972 suchte die Kirche ihren Weg heraus aus der Schwarz-Weiss-Welt

Vor 50 Jahren fand in der Schweiz die Synode 72 statt. Das Ziel war die Erneuerung der Katholischen Kirche. Eine Zeitzeugin und zwei Zeitzeugen – darunter der Autor dieses Beitrages – erinnern sich.

Hans Frieden*
Drucken

Anfang der 1970er-Jahre war die Welt noch schwarz-weiss. Das Schweizer Fernsehen sendete die «Tagesschau» schwarz-weiss, und die Tageszeitungen kannten noch keine Farbe. Auch im übertragenen Sinn – nur schwarz oder weiss: «Les extrèmes se touchent: Alle sind sie vertreten an der Synode 72» hiess die Bildlegende im «Basler Volksblatt» zum Bericht über das kirchliche Ereignis.

Chur, November 1972: Bischof Johannes Vonderach von Chur (Mitte) nimmt mit Bischofsvikar Alois Sustar und Helen Broggi-Sacherer, an der 1. Arbeitssession der katholischen Synode 72 teil.

Chur, November 1972: Bischof Johannes Vonderach von Chur (Mitte) nimmt mit Bischofsvikar Alois Sustar und Helen Broggi-Sacherer, an der 1. Arbeitssession der katholischen Synode 72 teil.

Das Foto vom November 1972 zeigte eine Ingenbohler Schwester im Habit im Gespräch mit einem jungen Mann mit wilder Mähne. Der junge Mann war ich – und ich weiss, dass Schwester Maria Hollenstein nicht die konservative Nonne ist, wie es der Text klischeehaft vorgab.

Vieles ist noch immer nicht umgesetzt

50 Jahre später haben wir uns zu einem Gespräch über unsere Erinnerungen und Einschätzungen getroffen. Wir sprachen buchstäblich über Gott und die Welt und blickten zurück.

«Meine wichtigste Erinnerung an die Synode 72 ist dieser Geist des Aufbruchs, der damals überall in der Kirche zu spüren war. Und die damit verbundenen Hoffnungen!»,

sagt Schwester Maria. Wir sehen zwar, dass viele Anliegen immer noch nicht umgesetzt worden sind – zum Beispiel die Priesterweihe für Frauen, zu der die Synode 72 sehr zurückhaltend, aber positiv Stellung bezog.

Aber: «Wir wissen nicht, was heute wäre, wenn es diese Synode nicht gegeben hätte.» Maria Hollenstein, heute in Ingenbohl für die Betreuung der Jakobsweg-Pilger zuständig, war Mitglied der Sachkommission, die den Text über «Gebet, Gottesdienst und Sakramente im Leben der Gemeinde» verfasste.

Auch Robert Bisig, damals Jus-Student, heute Rentner und dazwischen während 16 Jahren Zuger Regierungsrat, blickt zurück: «Meine erste Erinnerung an die Synode 72: Der Humor, der Platz hatte in allen Beratungen – was ja doch zur ‹Frohen Botschaft› passt.» Bisig denkt gerne an «den besonderen Spirit», der damals beim ernsthaften Ringen um Formulierungen wehte. Aber hat er nicht vergessen, dass für die vielen drängenden Fragen, die nicht in den Kompetenzbereich des Bischofs fallen, die Synode letztlich nur Empfehlungen zur Weiterleitung – zum Beispiel «nach Rom» – abgeben konnte.

Das sagt nichts gegen die Bedeutung der vielen Synode-Texte – aber es könnte ein Grund sein, «wieso vieles in der Zwischenzeit verpufft ist». Und zum Ende des Gesprächs erinnert sich ­Robert Bisig: «Gehörte das ­Kongresszentrum in Bern, in dem die Synode des Bistums Basel ihre Sessionen abhielt, nicht den Methodisten? Das war doch mal ein ökumenisches Zeichen!»

Was ist für die Kirche übrig geblieben?

50 Jahre später über die Synode 72 zu sprechen – diese Zeitzeugen-Begegnungen mit Schwester Maria Hollenstein und mit Robert Bisig – die beide im Laufe ihrer beruflichen Karriere Spitäler geleitet haben – waren herzlich und sehr anregend. Bei uns allen überwiegen die positiven Erinnerungen. Aber immer schwingt die Skepsis mit, was vom ganzen, mehrjährigen Ereignis – die Vorbereitungen begannen 1969, die diözesanen Sessionen fanden zwischen September 1972 und November 1975 statt – für die Kirche übrig geblieben ist.

Jedes Gespräch und die Lektüre der Synode-Texte zu zwölf kirchlichen und weltlichen Themenkreisen erinnern einerseits daran, was nicht umgesetzt wurde. Andererseits sind sie ein aussagekräftiges Dokument, auch wenn die Sprache den Geist der 1970er-Jahre verströmt. Ich zitiere oft aus diesen roten Broschüren und verbinde dies mit der Erinnerung an die vielen Gespräche und Begegnungen.

Ich denke ­gerne an ein scheinbar kleines Detail, das rückblickend gesehen viel aussagt. Ich war Mitglied der «Sachkommission 10: Mitverantwortung der Christen für die Missionen, die Dritte Welt und den Frieden». Bei einer der ersten Sitzungen dieser siebzehnköpfigen Kommission wurde auch über die Formulierung dieses Titels diskutiert.

Mit Freude und staunend hörte ich, wie die Baldegger Schwester Jacinta, die lange in Tansania gearbeitet hatte, und andere Mitglieder der Kommission begeistert von einem gewandelten Missionsbegriff sprachen. Der forderte die eigene Umkehr und versprach Versöhnung – und setzte nicht auf das Bekehren und Taufen von Heiden.

Wechsel von Haltung und Blickwinkel

Das verlangte zwingend nach einem neuen Titel für Kommission und Text. «Weltweites Christsein: Die Verantwortung der Kirche in der Schweiz für Frieden, Entwicklung und Mission» – so hiess später auch das entsprechende Dokument aus dem Bistum Basel. Selbst wenn es wie eine kleine redaktionelle Korrektur daherkam, es war das Zeichen eines Wechsels der Haltung und des Blickwinkels.

Genau dafür stand die ganze Synode 72. Alte Gewissheiten und offene Fragen aus Kirche und Gesellschaft wurden geprüft und – wenn nötig – auf den Kopf gestellt. Mit diesem Aufbruch wurde aus Schwarz-Weiss Farbe.

*Hans Frieden, Luzern, war 1972 als 18-jähriger Berner Gymnasiast Synodaler im Bistum Basel. In einem weiteren Beitrag wird er der Frage nachgehen, wie der aktuelle «Synodale Weg» von den Erfahrungen der Synode 72 profitieren könnte.