Menorca «Poc a Poc» entdecken

Mallorcas kleine Schwester enthüllt Schritt für Schritt versteckte Buchten, malerische Altstadtgassen und archaische Kraftplätze. Und sie ist wie geschaffen für Reisende, die sich nach Frühling sehnen.

Egmont Strigl
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Ciutadella war bis ins 18. Jahrhundert die Hauptstadt Menorcas. (Bild: pd)

Ciutadella war bis ins 18. Jahrhundert die Hauptstadt Menorcas. (Bild: pd)

Schon morgens freue ich mich auf die Tour über die Insel. Auf die kühle Morgenluft, das Vogelgezwitscher und die Stimmungen, die das Licht auf Mohnblumen und Margeriten zaubert, die ihren bunten Teppich zwischen den Olivenbäumen ausbreiten. Ein Anblick, der auf eine wunderbare Insel einstimmt und die Entdeckerlust entfacht. Denn zu entdecken gibt es auf Menorca wahrlich genug.

Zu Fuss oder mit dem Velo

Am besten beherzigt man das Inselmotto «Poc a Poc» – Schritt für Schritt – und erkundet die Insel gemächlich mit dem Velo oder ganz wörtlich zu Fuss. Dann offenbart sich Stück für Stück die wahre Schönheit dieser ruhigen und doch so spannenden Insel, die so ganz anders als ihre Nachbarn Mallorca und Ibiza ist.

Menorca ist ein Eiland voll unterschiedlichster Naturräume, die auf anderen Mittelmeerinseln längst verschwunden sind, eine Insel voll historischer Stätten und uralter Traditionen. Sie steht zur Hälfte unter Naturschutz, ist als Unesco-Biosphärenreservat ausgewiesen und ein ideales Revier für Naturliebhaber.

Faszinierende Kultplätze

Während im hügeligen und grünen Norden einige der ältesten Gesteinsformationen der Welt zu finden sind, präsentiert sich der Süden als flache und geologisch junge Kalksteinplatte, die in wilden Klippen zum Meer abbricht. Tiefe Schluchten ziehen sich bis weit ins Hinterland. In Küstennähe werden daraus fjordähnliche Meeresarme, so genannte Calas, an deren Ende sich meist ein schöner Sandstrand versteckt.

Was heute Badegäste begeistert, gefiel vor 6000 Jahren sicherlich auch den ersten Siedlern, die an eben jenen Stränden landeten und die Insel in Besitz nahmen. «Poc a Poc» bauten sie eine von Malta und Kreta beeinflusste Kultur auf und hinterliessen faszinierende Kultplätze: Navetas, die an umgedrehte Schiffsrümpfe erinnern, Talaiots, aus mächtigen Steinen aufgeschichtete Gräber, und die Taulas, riesige Tische aus Stein, deren Bedeutung bis heute nicht gänzlich enträtselt ist. Plätze voll archaischer Kraft und so zahlreich, dass man Menorca als archäologisches Freilichtmuseum bezeichnen kann. Geschaffen von einem wehrhaften Volk, das einst wegen seiner Krieger gefürchtet war, die dem ganzen Archipel den Namen gaben: Balearen – Inseln der Steinschleuderer.

Die Eroberer kamen und gingen

Und doch halfen diese kriegerischen Fertigkeiten letztendlich wenig gegen die vielen Eroberer, die auf Menorca kamen und gingen. Doch egal, wer gerade die Geschicke bestimmte, regiert wurde entweder in Ciutadella oder Maó, den beiden menorquinischen Gegenpolen, die seit Jahrhunderten darüber streiten, wer denn nun der bedeutendere sei. Durchgesetzt hat sich das weltoffenere Maó, dessen Altstadt auf einer Klippe liegt und einen wunderbaren Blick auf einen der besten Naturhäfen des Mittelmeeres bietet.

Ciutadella hingegen ist das historische Herz der Insel. In der von engen Gassen und Arkadengängen durchzogenen Altstadt drängen sich Kirchen und Adelspaläste. Und von der Festung blickt man hinab auf einen schmalen Fjord, der sich malerisch zwischen die ockerfarbenen Felswände des Hafens schiebt. Dazwischen tanzen Fischerboote und Segler auf den Wellen.

Alte Traditionen bewahren

Zwischen den zwei Städten reiht sich nur eine Handvoll weisser Dörfer, an denen die touristische Entwicklung vorbeigegangen zu sein scheint. Sie symbolisieren das ländliche Menorca, das sich nicht nach aussen öffnet, sondern alte Traditionen bewahrt. Das gilt auch für die Llocs, die alten Landgüter, deren Besitzer einen hohen gesellschaftlichen Rang innehaben. Wehrhaft liegen sie auf den Hügeln und blicken weit übers Land, das bis heute von einem uralten Netz von Steinmauern durchzogen ist.

Reiter auf schwarzen Rössern

«Poc a Poc» sollte man auch die Strände entdecken, die Badespass der Extraklasse bieten: eine wunderbare Stille, weil viele von ihnen nur umständlich erreichbar sind, und landschaftlichen Genuss, weil sie sich malerisch zwischen cremefarbene Felsen schmiegen, über denen duftende Pinien rauschen und kristallklares Wasser leuchtet. Wer abseits der wenigen Hotelareale auf die Suche geht, der findet echte Traumplätze: Cala Mitjana, Cala Macarella und Cala en Turqueta im Süden, Binimel là und Cala Pregonda im Norden, Platja d’en Tortuga im wilden Osten.

Auf dem Weg zu diesen Badeperlen quert man oft auch einen berühmten Pfad, der einst die gesamte Insel umzog. Der Camí de Cavalls, der Weg der Pferde, wurde im Mittelalter von Meldereitern benutzt, die vor Piraten warnten. Heute zieht er Wanderer und Mountainbiker an. Auch für Reiter soll er in Zukunft zugänglich sein, denn Pferde haben auf Menorca eine lange Tradition. Besonders im Mestral, dem Nordwesten, sieht man sie abends trainieren, die Reiter auf schwarzen Rössern, die man zum Fest von Sant Joan zum «Jaleo», dem Tanz mit den Pferden, braucht. Sie sind das Herzstück der menorquinischen Volksfeste – eine weitere Facette der Insel, die eine Entdeckung «Poc a Poc» lohnt.

Nützliche Informationen

Allgemeine Infos
Spanisches Fremdenverkehrsamt Zürich, Telefon 044 253 60 50, E-Mail: zurich@tourspain.es; www.spain.info, www.visitmenorca.com, www.illesbalears.es, www.menorca.es, www.menorca.de.

Beste Reisezeit
Von Mai bis Oktober herrscht angenehmes mediterranes Wetter. Richtig heiss werden kann es im Juli und August. Für Wanderer und Velofahrer ist der Frühling und der Herbst ideal. Im Winter bleiben die Menorquiner fast unter sich, denn es regnet viel, und es weht ein kalter, zum Teil heftiger Nordwind.

Lage
Menorca gehört zusammen mit Mallorca, Ibiza, Formentera und Cabrera zu den balearischen Inseln. Die Küste erstreckt sich über 216 Kilometer, die Insel ist an ihrer längsten Stelle 53 Kilometer lang, und der höchste Punkt liegt auf nur gerade 357 Meter über Meer. Einwohner: rund 80 000.

Landschaft/Vegetation
Im Frühling sieht man Felder voller Mohnblumen, Kronenmargariten, Hyazinthen und Gladiolen. Im Norden der Insel ist die Küste oftmals felsig und zerklüftet. Der Süden hat zahlreiche schöne Sandstrände und Schluchten, die Vegetation ist hier üppiger, was ihn vor allem für den Tourismus sehr attraktiv macht.