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Interview

«Menschen mit Demenz sind Pioniere für eine humanere Gesellschaft»

Wenn der Verstand nachlässt, gewinnt anderes an Kraft. Wahrhaftigkeit etwa, und das Talent zur Entschleunigung. Brigitta Schröder ist erfahren im Umgang mit dementen Menschen. Sie erzählt Erstaunliches und macht sich für eine liebevolle Haltung stark.
Interview: Susanne Holz
Brigitta Schröder inmitten von Natur und Kultur mit dem KKL im Hintergrund. Alles Anregungen, die auch Menschen mit Demenz sehr zu schätzen wissen. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern 25. Oktober)

Brigitta Schröder inmitten von Natur und Kultur mit dem KKL im Hintergrund. Alles Anregungen, die auch Menschen mit Demenz sehr zu schätzen wissen. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern 25. Oktober)

Brigitta Schröder (83) mag eines gar nicht: «den Tanz um meine Person». Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande möchte ihr Anliegen im Vordergrund sehen, und nicht sich selbst. Das betont die gebürtige Schweizerin, die heute im deutschen Essen wohnt, mit all der ihr eigenen Lebendigkeit. Man trifft sich mit Brigitta Schröder in einem Luzerner Café am Vierwaldstättersee. Anlass ist das jüngst erschienene Buch «Martha, du nervst!», das auch – aber nicht nur – davon erzählt, wie Brigitta Schröder über Jahre ihre demente Freundin Martha betreute. Das Herz der Diakonisse und Krankenschwester schlägt für Menschen mit Demenz und es schlägt für die menschliche Würde und Selbstbestimmung – diesen Eindruck nimmt man vom zweistündigen Gespräch am See ganz klar mit.

Brigitta Schröder, Sie sagen, Menschen mit Demenz seien Pioniere für eine humanere Gesellschaft. Wieso?

Weil Menschen mit Demenz von Strukturen und Konventionen entbunden sind. Weil sie echt sind, authentisch. Wir können im Austausch mit ihnen lernen, miteinander ehrlicher und respektvoller umzugehen. Menschen mit Demenz sind zudem sehr sensibel, sie spüren mehr als wir und haben andere Schwerpunkte. Sie brauchen viel Zärtlichkeit und Zuwendung. Nicht zuletzt sind sie Meister der Entschleunigung, auch hieran können wir uns ein Beispiel nehmen.

Aber stossen uns Menschen mit Demenz nicht manchmal auch unabsichtlich vor den Kopf mit ihrer Direktheit?

Klar, sie überschreiten Grenzen. Grenzüberschreitungen ihnen selbst gegenüber spüren sie aber auch sofort. Man sollte sanft auf sie eingehen. Ich habe da ein schönes Beispiel: In einem Heim fragte ich einmal eine betagte Dame mit Demenz, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Sie meinte, nein, ich sei eine Hexe. Ich bin gegangen und etwas später zurückgekehrt. Da streichelte diese Dame ganz lieb meine Hand.

Wichtig im Umgang mit von Demenz betroffenen Menschen ist es, in Beziehung zu bleiben.

Was brauchen Menschen mit ­Demenz neben einer liebevollen Betreuung sonst noch?

Sie brauchen nicht nur physische, sondern auch psychische, soziale, spirituelle und kulturelle Nahrung – so wie wir alle. Und so wie es schon Dorothee Sölle (evangelische Theologin, 1929–2003) sagte: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.»

In Luzern beispielsweise bietet das Sinfonieorchester spezielle Lunchkonzerte für Menschen mit Demenz und ihre Begleitung an. Wie wichtig ist Musik für diese Menschen?

Musik ist der Königsweg zum Menschen mit Demenz. Es darf auch verkehrt gesungen werden. Es kommt vor, dass Menschen mit Demenz nicht mehr sprechen, sehr wohl aber noch singen können. Menschen mit Demenz gehen auch gerne in Museen und Ausstellungen, um sich dort Kunst anzuschauen. Wichtig für uns ist die Einstellung: Diese Menschen stören nicht.

Lunchkonzerte im KKL für Menschen mit Demenz

Das Luzerner Sinfonieorchester veranstaltet auch diese Saison wieder Lunchkonzerte für Menschen mit Demenz und ihre Begleitung: Das erste am 14. Dezember 2018: Werke von Haydn, Puccini und Mozart. Zweites Konzert am 11. Januar 2019: Werke von Mozart, Respighi, Costello und Haydn. Drittes Konzert am 22. März 2019: Werke von Bach, Enhco und Liszt. Viertes Konzert am 26. April 2019: Mozart, Saint-Saëns und Grieg. (sh)
Mehr Infos zu den Lunchkonzerten: www.sinfonieorchester.ch

Wie meinen Sie das?

Man kann mit Menschen mit Demenz auch in ein «normales» Konzert gehen oder einen «normalen» Gottesdienst besuchen. Es braucht einfach etwas Fantasie und Kreativität unsererseits im Umgang mit ihnen. Wofür ich ein weiteres schönes Beispiel habe: Ich kannte mal eine Frau mit Demenz, die sich in der Kirche immer erst eine Zigarette an einer Kerze anzündete und diese rauchte, bevor für sie der Gottesdienst begann. Da braucht es einfach Toleranz. Wie überhaupt Toleranz ein Schlüsselwort im Umgang mit Demenz ist.

Können Sie das näher ausführen?

Ja. Es braucht eine Toleranz den Menschen gegenüber, die von Demenz betroffen sind. Und es braucht diese Toleranz auch uns selbst gegenüber, die wir diese Menschen vielleicht pflegen und uns tagtäglich um sie kümmern.

Man muss sich selber gegenüber tolerant sein, um es auch anderen gegenüber sein zu können.

Das heisst, die Betreuenden sollten auch ruhig Schwäche zeigen dürfen bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe?

Exakt. Die betreuenden Personen müssen Pausen einlegen können. Wir sind so erzogen, immer für andere da zu sein. Aber wir alle haben nur begrenzte Kräfte. Wir sollten unsere Grenzen kennen und diese akzeptieren. Und uns ruhig auch mal selber loben. Und ob dement oder nicht dement – im Alter wird der Körper müde.

Werden wir älter, beginnt die innere Arbeit. Mit der Endlichkeit muss man erst mal zurecht kommen.

Sie selbst haben in bereits fortgeschrittenem Alter Ihre an Demenz erkrankte Freundin Martha zu Hause gepflegt. Der Buchtitel lautet humorvoll: «Martha, du nervst!». Wie haben Sie die Nerven behalten?

Martha hat mich nur anfänglich genervt. Es ist für Angehörige und Betreuende ein Prozess, die Veränderungen bei der von Demenz betroffenen Person annehmen zu können. Menschen mit Demenz brauchen unsere Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung. Sie brauchen Lob und auch Aufgaben.

Das hört sich toll an. Aber was beispielsweise hat Sie nun Nerven gekostet bei der Betreuung von Martha?

(lächelt)

Wenn sie mich zum Beispiel mitten in der Nacht gerufen hat, nur weil ihr langweilig war. Bis ich schliesslich gesagt habe: «Martha, du kannst jetzt rufen, so lange du willst – ich werde nicht kommen, weil ich jetzt schlafen möchte.» Da hat sie aufgehört, mitten in der Nacht nach mir zu verlangen. Der Betreuende muss sich bewusst machen: Nur ich kann mich ändern, nicht der Mensch mit Demenz. Das beinhaltet auch, seine Sicht zu verändern. Ins Gefühl reinzugehen und sich in die demente Person hineinzuversetzen. Es kann bedeuten, ein Gespräch in andere Bahnen zu lenken, wenn man merkt, dass der Mensch mit Demenz sich aufregt, wenn er traurig oder nervös wird wegen irgendetwas. Wir sind hier gefordert, eine andere Haltung einzunehmen, denn die Haltung der Menschen mit Demenz ist absichtslos.

Und wenn der Betreuende merkt, dass ihm die Kraft ausgeht?

Dann ist es höchste Zeit, sich professionelle Hilfe zu holen. Wie schon gesagt, die Kräfte eines jeden sind begrenzt. Martha beispielsweise hatte viele Ängste, sie konnte nicht alleine sein. Es hat mich da auch entlastet zu sagen: Du hilfst mir, und ich helfe dir. Menschen mit Demenz können mitarbeiten, beispielsweise im Haushalt. Und dafür wollen sie Lob, jedoch möchten sie keine Erziehung erhalten.

Menschen mit Demenz sind wie Anarchisten.

Sie wünschen sich, dass Menschen mit Demenz weiter in der Mitte der Gesellschaft leben können. Doch wie soll das gehen in unserer Leistungsgesellschaft, in der es so gut wie keine Grossfamilien oder Drei-Generationen-Haushalte mehr gibt?

Ein Wunsch Brigitta Schröders: offene Türen für demente Menschen. (Bild: Dominik Wunderli)

Ein Wunsch Brigitta Schröders: offene Türen für demente Menschen. (Bild: Dominik Wunderli)

Ich bin grundsätzlich nicht gegen Heime eingestellt. Es gibt viele Modelle, wie Menschen mit Demenz betreut werden können. Und kein Angehöriger soll sich aufopfern müssen. Es ist alles andere als eine Schande, sich professionelle Unterstützung zu holen. Auch bin ich positiv eingestellt, was die künftige Unterstützung des Pflegepersonals durch Roboter betrifft. Diese Roboter können reden, singen und sich bewegen – und sie werten nicht. In Kiel gibt es in einer Wohngemeinschaft mit dementen Menschen ein Pilotprojekt mit Robotern. Die Menschen mit Demenz mögen die Roboter, sie sind da aufgeschlossener als wir Menschen ohne Demenz. In Asien beispielsweise ist man schon viel weiter, was den Einsatz von Robotern in der Pflege angeht. Die Erfahrungen dort sind gut.

Wird man in einigen Jahren auf Roboter angewiesen sein bei der Betreuung von Menschen mit Demenz? Die Zahl der Senioren nimmt immerhin stetig zu.

Ja, aber neue Studien machen auch Hoffnung, weil die Fälle von Demenz schon wieder rückläufig sind. Wir bekommen neue alte Menschen: Diese sind oft ehrenamtlich engagiert, kulturell interessiert und sie bewegen sich mehr. Das alles steuert Demenz entgegen.

In Zusammenhang mit Demenz ist Ihnen das Thema Spiritualität sehr wichtig. Wieso?

Auch Menschen mit Demenz tut dieses Wissen gut: Es gibt etwas, das grösser ist als wir es sind. (Brigitta Schröder nimmt ihre Hand zu Hilfe und zählt ihre Finger ab.) Ich erkläre das gerne mit den hoffnungsvollen Worten von Dietrich Bonhoeffer (1906–1945, lutherischer Theologe, von den Nationalsozialisten ermordet): «Von guten Mächten wunderbar geborgen». Diese Worte unterstützen in allen Lebensaltern und -situationen.

Solche Stärke braucht es ja nicht zuletzt, wenn die Demenz beginnt.

Die erste Phase ist sicher die schwierigste. Da kommt etwa der medizinische Dienst und stellt Fragen wie: «Wo lebt der Papst?» Menschen mit beginnender Demenz sind aber gut im Schummeln, sie antworten dann beispielsweise: «Das kann ich doch nicht sagen, wo der gerade ist.»

Im Umgang mit Menschen mit Demenz ist Humor wichtig – auslachen darf man sie aber nie.

Sie sind auch teilweise viel klüger als wir. Als einmal in einem Gespräch die Frage aufkam, wie den Glauben am besten darstellen, da meinte eine Frau mit Demenz sofort: «Wie die betenden Hände Albrecht Dürers».

Demenz ist keine Schande.

Alles andere als das. Schwer beeindruckt hat mich einmal ein Herr, neben dem ich bei einem Konzert im KKL sass. Er sagte ganz offen zu mir: «Ich bin dement.»

Brigitta Schröder/Franziska K. Müller: «Martha, du nervst!». Gebunden, 208 S., CHF 29.90. ISBN 978-3-03763-099-0

Die Website von Brigitta Schröder: www.demenz-entdecken.de

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