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Michelle Hunzikers dunkle Jahre

Als junge Frau geriet die Moderatorin in die Fänge einer Sekte, die sie zu einem asketischen Leben zwang. In ihrer Autobiografie rechnet die Bernerin mit der Guru-Frau ab, der sie hörig war.
Melissa Müller
Michelle Hunzikers Ehe zerbrach daran, dass sie einer Guru-Frau hörig wurde. (Bild: Getty)

Michelle Hunzikers Ehe zerbrach daran, dass sie einer Guru-Frau hörig wurde.
(Bild: Getty)

Das Lachen frisch und strahlend, das berühmte Hinterteil in enge Höschen gepackt, irgendwo an einem Strand in Italien. So kennt man Michelle Hunziker aus der Regenbogenpresse. «Zierde der Nation» wird sie genannt, ­«Wassernixe», «Alpen-Venus», «unser heissester Export». So richtig ernst hat man Michelle Hunziker selten genommen in der Schweiz. «Unser Sünneli hat ein Sünneli geboren», titelte der «Blick am Abend», als die Bernerin ihre Tochter Sole auf die Welt brachte.

Dabei war nicht immer alles eitel Sonnenschein in ihrem Leben. Jetzt lässt das Showgirl die Maske fallen. Michelle Hunziker lebte fünf Jahre in einer Sekte. In ihrer kürzlich auf Deutsch erschienenen Autobiografie «Ein scheinbar perfektes Leben» schildert sie ihre Zeit bei der Sekte «Krieger des Lichts». Sie sei damals unsicher gewesen, naiv und immer auf der Suche nach Applaus, blickt die 41-Jährige selbstkritisch zurück.

Von Ostermundigen in die italienische Provinz

Aufgewachsen ist Michelle Hunziker in der Berner Gemeinde Ostermundigen – wie schon Bond-Girl Ursula Andress, mit der sie oft verglichen wird – sowie in Zuchwil bei Solothurn. Die Mutter ist Holländerin, der Vater ein Schweizer Kunstmaler – und Alkoholiker. «Er war mein Held», sagte Hunziker kürzlich dem «Tages-Anzeiger». Obschon süchtig und hochverschuldet, «ging er durchs Leben wie Charlie Chaplin, war lustig, hatte für jeden ein gutes Wort übrig». Nach der Trennung der Eltern muss Michelle mit 16 in ein italienisches Provinzkaff ziehen, weil ihre Mutter sich in einen Italiener verliebt hat. Sie posiert im Tanga für eine Werbung und wird zum «schönsten Po Italiens» gewählt. Ein Titel, den sie nicht so schnell wieder loswird. Mit 17 bricht sie die Schule ab, um in Mailand Model zu werden.

«Mein Alltag bestand darin, mir sagen zu lassen, wie scheisse ich aussah. Meist von Männern in irgendwelchen Agenturen, die mich nicht wollten.»

Als «Typ muskulöses Schweizer Naturmädchen», kleiner als 1,80 Meter, wird sie Anfang der Neunzigerjahre nur für Dessouswerbung gebucht.

Mit 18 lernt sie in einer Disco in Rimini den 15 Jahre älteren Schnulzensänger Eros Ramazzotti kennen, den sie heiratet, ein Jahr später kommt Tochter Aurora auf die Welt. Viele lästern, dass die Blondine mit dem grosszügigen Dekolleté nur seinetwegen Karriere gemacht habe. «Das Gerede hat mich motiviert, mir selbst eine Karriere aufzubauen», sagt sie, die im italienischen Fernsehen als Kabarettistin, Moderatorin und Schauspielerin seit Jahren für Quoten sorgt. Und sich als gewiefte Selfmade-Woman im Unterhaltungsgeschäft erweist. «Was soll ich tun, um ernst genommen zu werden?», fragte Michelle Hunziker einmal einen «Weltwoche»-Journalisten. «Schwierig», gab dieser zur Antwort. «Entweder Sie machen ­einen Universitätsabschluss oder färben sich die Haare.» – «Danke für den Tipp», sagte die Moderatorin.

«Mir ist es inzwischen piepegal, ob ich dem Klischee vom dummen Blondinchen entspreche oder nicht. Ich weiss, dass ich Fehler mache, aber ich schäme mich nicht dafür.»

Haarausfall und ­Depression

Im Jahr 2000 schlittert sie in eine Depression. Und bekommt auch noch Haarausfall. Ihr Mann Eros erkrankt an einer Halsentzündung. Zusammen lassen sie sich von einer Geistheilerin behandeln. Die Sektenfrau – im Buch heisst sie Clelia – hat leichtes Spiel mit der verunsicherten jungen Frau. Michelle Hunziker greift nach jedem Strohhalm, der sich ihr bietet. «Ich suchte nach Liebe, und Clelia gab mir diese», schreibt sie in ihrem Buch. Clelia wird ihre Vertraute. «Sie rief mich sechsmal am Tag an, um sich zu erkundigen, wie es mir geht.» Danach habe Clelia aber angefangen, sie zurückzuweisen. «Sie bestrafte mich, verbannte mich aus ihrem Umfeld, entzog sich mir.» Sie habe alles getan, um wieder von der Guru-Frau angenommen zu werden, erzählt Michelle Hunziker. «Dafür opferte ich mein Urteilsvermögen und meinen freien Willen.»

Die Schweizerin zeigt Mut, Krisen zu thematisieren. (Bild: Getty)

Die Schweizerin zeigt Mut, Krisen zu thematisieren. (Bild: Getty)

Verboten: Alkohol, Fleisch und Sex

Ihre Ehe zerbricht daran. Die Moderatorin wird mit dem Sohn der Sektenführerin verkuppelt, er ist ihr Aufpasser und Manager. Sie spendet rund zwei Millionen Euro. Wie alle «Krieger» muss sie vegan leben. Und auf vieles verzichten: Auf Mehl, Zucker, Fleisch, Alkohol, Koffein, Sex und Masturbation. Lebensfreude hemme die Konzentration auf dem Weg zur Erleuchtung, predigt die Guru-Frau. Auch eine strenge Körperhygiene wird angeordnet. Vor Versammlungen der Sekte müssen alle duschen und weisse Kleider anziehen.

Erst nach fünf Jahren kommen Hunziker tiefe Zweifel, als ihre Tochter Aurora rebelliert. Sie hätte gern wieder ihre lachende Mutter zurück, beschwert sie sich. Hunziker befreit sich aus dem Sektenwahn. 2014 heiratet sie den Trussardi-Erben Tomaso Trussardi, mit dem sie zwei weitere Kinder bekommt.

Die Moderatorin ist mit ihrer Sehnsucht nach Übersinnlichem nicht allein. John Travolta und Tom Cruise sind bei Scientology. «Ich war unsicher und ziellos», sagte Travolta einmal. «Doch mit Scientology bekam ich plötzlich alles in den Griff.»

Viele denken: Wie kann man nur so dumm sein?

Sektenexperte Hugo Stamm ist froh über Michelle Hunzikers Aufklärung. Viele würden denken: Wie kann man nur so dumm sein und in eine Sekte geraten? Dabei könne es in einer Krise fast jeden erwischen. Die Bernerin offenbart sich ungeschminkt – auf die Gefahr hin, dass ihr Image als Strahlefrau ein paar Kratzer abbekommt. Und sie zeigt, dass auch Promis nicht immer glücklich sind.

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