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Miss Handicap: «Mein Dialekt ist die einzige Behinderung»

Jasmin Rechsteiner war 2010 Miss Handicap. Sie studiert, besucht Open Airs – und spielt im neuen Kinospot von Pro Infirmis mit.

Melissa Müller
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Jasmin Rechsteiner steht nicht zum ersten Mal im Rampenlicht. 2010 holte sie den Titel «Miss Handicap». Pascal Muller/freshfocus

Jasmin Rechsteiner steht nicht zum ersten Mal im Rampenlicht. 2010 holte sie den Titel «Miss Handicap». Pascal Muller/freshfocus

Pascal Muller/freshfocus

Das schönste Kompliment erhielt Jasmin Rechsteiner kürzlich von einem Kollegen: «Für mich bist du nicht behindert», sagte er. «Deine einzige Behinderung ist dein Thurgauer Dialekt.» Jasmin Rechsteiner grinst, «das finde ich cool.» Die 37-Jährige ist mit einer Kyphoskoliose auf die Welt gekommen; einer unheilbaren Mehrfachverkrümmung der Wirbelsäule. Und sie ist seit einer Hirnhautentzündung auf einem Ohr taub.

Vor 14 Jahren ist die Kauffrau aus dem Thurgau in ein Berner Aussenquartier gezogen. Barfuss öffnet sie die Tür zu ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung. Jasmin Rechsteiner trägt ein rosa Shirt, rosa Lippenstift, die Augenbrauen sorgfältig gezupft. Sie hat das Gesicht eines Models und ein warmes Lachen: «Wollt ihr einen Kaffee?»

Langsam und vorsichtig hinkt sie in die Küche, wo eine pikante Peking-Suppe köchelt, von der sie später anbieten wird. Ausserhalb der eigenen vier Wände ist sie auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Ihr luftiges kleines Reich, das sie selbst auf Hochglanz putzt, hat sie mit gehäkelten Herzen und pinken Schmetterlingen verziert.

Eine Promigalerie neben der Garderobe zeigt Jasmin Rechsteiner in Abendkleidern. Sie posiert mit einem früheren Mister Schweiz. Mit Unternehmer Peter Spuhler, Stargeiger David Garrett und Schlagersängerin Lys Assia – «wir verstanden uns auf Anhieb und waren beide so klein», sagt die 1,33-Meter-Frau.

2010 zur Miss Handicap gekürt, geniesst sie das Rampenlicht im Showbiz. Die AC/DC-Liebhaberin fehlt auch an keinem Gurtenfestival. «Ich finde es wichtig, dass wir Menschen mit einer Behinderung öffentlich gesehen werden.» Deshalb spielt sie auch im neuen Clip von Pro Infirmis mit, der ab Herbst in den Kinos läuft. Er führt humorvoll vor Augen, dass Menschen mit Behinderungen ebenso mit kleinen Alltagsproblemen hadern. Der Clip beginnt mit einem Paar beim Candle-Light-Dinner. Die schöne Blondine isst mit dem Fuss, weil sie keine Arme hat. Sie hält die Gabel zwischen den Zehen, rollt Spaghetti auf – und wird vom Gegenüber mit Tomatensauce vollgekleckert. Jasmin Rechsteiner hat einen Auftritt in der Waschküche. Sie zupft eine knallrote Socke aus der Waschmaschine und ärgert sich über die rosa verfärbte Weisswäsche.

Bereits 2013 trat sie in einer Pro-Infirmis-Kampagne auf. Damals wurde ihr zierlicher, stark verbogener Körper exakt vermessen: das hohle Kreuz, das schiefe Becken, der nach vorne gewölbte Bauch, die langen, grazilen Arme. Nach ihrem Vorbild wurde eine Schaufensterpuppe modelliert und in einem Schaufenster an der Zürcher Bahnhofstrasse ausgestellt. «Wer ist schon perfekt?», lautete die Botschaft.

Im Spital mit dem «Gipsbikini»

Zähe Willenskraft bewies Jasmin Rechsteiner schon als Kind. «Es war toll, dass ich die reguläre Schule besuchen konnte.» Damals wird ihr Herz aufgrund der zunehmenden Rückenverkrümmung von links nach rechts geschoben. Da auch die Lungen zusammengedrückt werden, braucht das kleine Mädchen ein Atemgerät und muss Sauerstoffflaschen mit sich tragen. Im Schulhaus werden Löcher durch die Türen gebohrt, um den Schlauch von der Sauerstoffflasche im Gang ins Schulzimmer zu Jasmin zu führen. Die anderen Kinder passen auf, dass sie nicht auf den Schlauch stehen.

Als Teenager bekommt Jasmin Rechsteiner ein Töffli auf drei Rädern, mit einer Kiste für die Sauerstoffflaschen. Mit 16 geben ihr die Ärzte noch fünf Jahre zu leben; falls sie sich nicht einer riskanten Operation unterzieht. Über ein Jahr liegt die junge Frau im Spital, sie muss sich den Rücken versteifen lassen, «einmal hatte ich elf Narkosen in drei Monaten». Die Ärzte stützen ihren Rücken mit Metallstangen, strecken ihren Körper, packen ihre Brust in Gips ein. «Mein Gipsbikini», sagt sie und zeigt ein Foto aus jener Zeit, auf dem sie ein bisschen aussieht wie die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo, die nach einem Unfall ebenfalls in Gips- und Metallkorsette gepresst wurde. Was die stolze Latina nie daran hinderte, sich prächtig zu gewanden und mit Schmuck zu behängen.

Auch Jasmin Rechsteiner liebt das Spiel mit der Mode. Sie feilt die Fingernägel stets in Form und malt Blümchen drauf. Begeistert breitet sie ihre Nagellacksammlung auf dem Tisch aus, über fünfzig glänzende Fläschchen in allen Regenbogenfarben. Sie pinselt auch anderen Frauen die Nägel an, die sich die Maniküre aufgrund einer Behinderung nicht selber machen können. Wenn jemand darauf besteht zu bezahlen, spendet sie den Betrag den «Huusglön». Diese Clowns heitern Patienten zu Hause auf. «Das tut gut, wenn man krank ist, nichts tun kann und 24 Stunden auf fremde Hilfe angewiesen ist», sagt die Wahlbernerin, die dies nur allzu gut kennt.

Nachts braucht sie nach wie vor ein Beatmungsgerät, «mein Akku für den Tag», da ihre Lungen nur noch einen Drittel Kapazität haben. Kürzlich quittierte das Atemgerät mitten in der Nacht den Dienst. Sie rief die Lungenliga an, aber erst morgens um 9 Uhr kam die erlösende Hilfe. «Das war zermürbend.» Auch über die SBB redet sie sich in Rage: Jede Reise im Rollstuhl muss einen Tag im Voraus gebucht werden, Spontanität ist unmöglich. Wenn ein Zug Verspätung hat, gerät der Terminkalender der Vielbeschäftigten schnell durcheinander.

Zum Glück hat sie ein Auto, einen eigens für sie umgebauten, anthrazitfarbenen VW Touran, samt Kran für den 140-Kilo-Rollstuhl. «Ein schönes, praktisches Auto, das von aussen ganz normal aussieht», sagt Jasmin Rechsteiner. «Ich bin froh, dass ich keinen klobigen Kastenwagen brauche.» Da sie einen erhöhten Sitz braucht, sass sie früher auf einem Kindersitz. «Der störte mich.» Jetzt hat sie ein neues, massgeschneidertes Polster, das schicker aussieht.

Frisch verliebt – und irritiert

Meistens erfährt die 37-Jährige Wohlwollen und Sympathie, wenn sie sich unter die Leute mischt. Manchmal aber auch gut gemeinte Hilfe, die ihr unangenehm ist. Etwa von Wildfremden im Supermarkt, die fragen, ob sie ihr die Einkäufe aufs Laufband legen sollen. Wenn sie «Nein, danke» sagt, tun sie es trotzdem.

Nachdenklich stimmt es sie auch, wenn sie frisch verliebt ist und andere sie als Erstes fragen: «Hat dein neuer Freund auch eine Behinderung?» Statt: «Wie habt ihr euch kennen gelernt? Bist du glücklich?» Zurzeit konzentriert sich die Singlefrau auf ihr Studium der Sozialen Arbeit. Und sie kämpft mit der IV, die ihr die Umschulung nicht finanzieren will. «Ich werde vor Gericht gehen – nicht zum ersten Mal», sagt sie und schenkt Wasser ein, das sie mit frischer Minze aromatisiert hat.

«Habt ihr Hunger?», fragt sie, gibt Glasnudeln in chinesischen Reisschalen, giesst scharf-saure Peking-Suppe mit Poulet darüber. Während wir die Suppe löffeln, erzählt Jasmin Rechsteiner von den USA. «Ein Paradies für Rollstuhlfahrer – alles ist rollstuhlgängig – und man kann vor Gericht dagegen vorgehen, wenn es nicht so ist.»

2013 erfüllte sie sich einen Traum: einen Sprachaufenthalt in Florida. «Bist du übergeschnappt?», fragten besorgte Freunde. Langstreckenflüge waren bislang nie infrage gekommen, doch als sich damals ihre Gesundheit stabilisiert hatte, konnte sie es wagen. Sie schwärmt von der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die sie in Amerika genoss. Von der Sonne Floridas, in der ihr das Herz aufging. Und von der Meeresbrise, die sie aufatmen liess.