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«Dummes Gschnorr»: Was der Schöpfer der binären Uhr am St.Galler Hauptbahnhof von der Kritik an seinem Werk hält

Norbert Möslang ist der Mann hinter der binären Uhr am Bahnhof St.Gallen. Er ist nicht nur Künstler, sondern auch Komponist, Musiker und Geigenbauer. Nun hat er ein ganzes Appenzellerhaus vom Keller bis zum Dach mit seinen Werken gefüllt.
Christina Genova
Keller, doppelt: Norbert Möslang im Birli neben einem Werk. (Bild: Michel Canonica (Wald, 31. März 2019))

Keller, doppelt: Norbert Möslang im Birli neben einem Werk. (Bild: Michel Canonica (Wald, 31. März 2019))

Ein wenig Aufwand darf nicht scheuen, wer mehr über den Mann hinter der binären Uhr am St.Galler Hauptbahnhof erfahren will. Denn «Patterns», wie das Kunstwerk eigentlich heisst, ist nur eine Facette von Norbert Möslangs vielseitigem künstlerischen Schaffen. Einen Eindruck davon bekommt man zurzeit im Birli, dem abgelegenen Atelierhaus der Schlesinger Stiftung im ausserrhodischen Wald. Dort ist Norbert Möslang mit seiner Musik und seiner Kunst zu Gast.

Vom Keller bis unters Dach zeigt er seine Arbeiten. Sie sind fast alle nigelnagelneu und für den Ort entstanden. Er führt durch seine Ausstellung – eine Rolle, die ihm nicht behagt. Seine Erläuterungen sind knapp, sein Antworten einsilbig:

«Ich erklär nicht immer alles. Man soll sich selbst Gedanken machen.»

Nein, viele Worte um seine Kunst macht Möslang nicht, der auch Musiker und Komponist ist und als Geigenbauer arbeitet.

Die Venus spielt Keyboard

Norbert Möslang, 66 Jahre alt, in St. Gallen geboren, aufgewachsen und noch immer wohnhaft, wurde vor ziemlich genau einem Jahr der breiten Öffentlichkeit mit einem Kunstwerk bekannt, an dem sich die Geister scheiden. Auf seine binäre Uhr am St. Galler Bahnhof lässt er aber nichts kommen. «Tipptopp» sei sie, sagt er:

«Ich bin immer noch völlig überzeugt davon.»

Die negativen Reaktionen scheinen ihn kalt zu lassen: Er bezeichnet sie als «dummes Gschnorr». In fünf Jahren sähen es die Leute bestimmt anders.

«Birli geschüttelt», heisst die Schau in Wald und das ist wörtlich zu verstehen. Kaum ist man über die Schwelle getreten, spürt und hört man das Wummern eines Basses, der die Holzwände zum Vibrieren bringt. «Es ist Venus, die spielt», sagt Möslang mit einem Grinsen. Tatsächlich steht in der Stube eine Keramikvenus à la Botticelli auf den Tasten eines Keyboards und bringt den Lautsprecher im Wandschrank zum Dröhnen. An der Wand daneben leuchtet blau ein Kreuz. Es ist die Original-Maquette eines Elements der binären Uhr. Auch Bilder macht Möslang, indem er den Header, den Kopf seiner Audiodateien auswechselt. Ausserdem gibt es eine Fotoserie mit Aufnahmen aus seinem Atelier, mit der Einwegkamera fotografiert und mit Linsen verfremdet.

Eine beeindruckende Diskografie

Die Transformation interessiert Norbert Möslang, die Veränderung der Wahrnehmung. Manchmal genügen dafür ganz kleine Eingriffe. Im abgedunkelten Keller, wo sich das Atelier befindet, hat er die Neonröhren durch UV-Licht ersetzt und einen Weltempfänger aufgestellt, der alles auffängt «was im Äther herumschwirrt».

Einen Weltempfänger hat er auch immer bei seinen Konzerten dabei, aber auch Sinusgeneratoren, Infrarotempfänger, Minidiscplayer, diverse Lampen. 20 Kilogramm Gepäck sind es, die er zu rund 20 Konzerten jährlich schleppt: «Ein Kofferträger wäre nicht schlecht», meint er mit seinem trockenen Humor, er werde ja nicht jünger. Möslang macht experimentelle Musik, in die man sich reinhören muss, für ein internationales Publikum von Grossbritannien über Indien bis nach Polen. Seine Diskografie ist beeindruckend, an über 130 Platten war er beteiligt.

Geknackte Alltagselektronik, das ist ein Spezialgebiet des Klangkünstlers, der von 1970 bis 2002 im Duo mit Andy Guhl unterwegs war. Im obersten Stock gleich neben dem Dach bringt er «Mäuse» zum Tanzen. Es sind kleine Lautsprecher, sogenannte Körperschallwandler, die je nach Frequenz des Sounds, der nach dem Zufallsprinzip abgespielt wird, zu hüpfen beginnen.

Direkt unter dem Dach des Birli ist es stockdunkel. Dort befindet sich Norbert Möslangs letztes, etwas unheimliches Objekt. «Aether_grooves» sendet Lichtblitze aus und Störgeräusche. Letztere stammen von zwei Weltempfängern. Ihre ausgefahrenen Antennen halten auch in der Peripherie den Kontakt zur grossen weiten Welt.

Hinweis:

Bis 22.4.; Birli 89, Wald; Besichtigung auf telefonische Anmeldung: 071 877 17 10.

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