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Mit Kindern auf die Alp – einfaches Leben, wir kommen!

Eine Familie aus der Stadt verbringt erstmals einige Tage in einer SAC-Hütte: Überlebt man den Aufstieg, erwartet einen alpines Zen.
Anna Kardos
Atemberaubend: Die Wildhornhütte (BE) liegt zwischen Blumenwiesen und mondlanschaftartigen Felsen. Bild: Lenk-Simmental Tourismus

Atemberaubend: Die Wildhornhütte (BE) liegt zwischen Blumenwiesen und mondlanschaftartigen Felsen. Bild: Lenk-Simmental Tourismus

Sag niemals nie. Tatsächlich meinte ich, nie im Leben drei Tage ohne Dusche zu überstehen. Ein Leben ohne Handy? Auch schwer vorstellbar. Oder Crocs anziehen, klumpige Gummischuhe? Ohne mich.

Da sitze ich nun. Mit Crocs, die es serienmässig für alle Gäste gibt, und drei Tagen Katzenwäsche; auch das Handy ist zur Kamera degradiert um Akkuleistung zu sparen, da es nur bei Sonnenschein aufgeladen werden kann. So ist das in der Wildhornhütte im Kanton Bern. Meine Prinzipien sind im Eimer, aber sonst bin ich richtig glücklich – genau wie meine ganze Familie.

Und das kam so: Seit vergangenem Jahr bieten ausgesuchte SAC-Hütten mehrtägige Aufenthalte für Familien an. Unsere Wahl fällt auf die Wildhornhütte, weil man dort Murmeltiere sehen, Ziegen melken und mit Hüttenhund Ben spielen kann. Dass die Hütte in einer mondlandschaftartigen Umgebung 2303 Meter über Meer liegt, lässt uns nicht stutzen. Auch die 700 Meter Höhendifferenz, die es beim Aufstieg zu bewältigen gilt, verdrängen wir erfolgreich.

Das wird auf uns zurückfallen, wie wir bald erfahren. Aber noch ist es nicht so weit. Noch ist es knapp vor 9 Uhr morgens, an einem sonnigen Spätsommertag. Ausgeschlafen und aufgeregt schnatternd steigen die Kinder und wir in dreierlei Züge sowie ein Postauto und erreichen die Iffigenalp um 13 Uhr. Von dort aus ist die Wildhornhütte laut Wegweiser in drei Stunden erreichbar. Wegen der Kinder runden wir auf viereinhalb Stunden auf, fühlen uns ziemlich expertenhaft – und beschliessen, uns in der Bergbeiz für den Aufstieg zu stärken. Ein Fehler, wie sich wenig später herausstellen wird. Denn nachdem wir die ersten 30 Minuten im Schneckentempo neben einem Flussbett her geschlendert sind, kreuzt ein Wanderer unseren Weg, der uns mustert und urteilt: «Mit so kleinen Kindern werden Sie es nicht mehr bis zur SAC-Hütte schaffen.» Ab da droht die Stimmung zu kippen.

Die Wanderung gelingt besser mit einem Stock. Bild: Anna Kardos

Die Wanderung gelingt besser mit einem Stock. Bild: Anna Kardos

Keine Klagen beim Aufstieg: Denn die Puste ist weg

Wir kennen den Weg nicht, haben keine Schlafsäcke dabei, und auf gar keinen Fall will ich im Dunkeln an Abgründen vorbeitappen. Also treiben wir die Kinder den felsigen Weg hoch. Den Rucksack und die Angst im Nacken – und bald auch schon unseren Kleinsten Bela, der mit seinen dreieinhalb Jahren schlicht nicht mehr kann. Weiter – und immer weiter scheint sich der Weg zu schlängeln. «Es kommt mir vor wie ein schlimmer Traum, ich hoffe, dass ich bald aufwache», jammert unsere Tochter Liv (9), während Eva (6) zu wenig Puste hat, um überhaupt zu klagen.

Zugegeben: Wir sind keine Familie von Wanderern. In den letzten Jahren war immer eines unserer Kinder zu klein dafür – oder zu gross, um getragen zu werden, oder ich zu schwanger, um die Berge hochzukraxeln.

Deshalb kennen unsere Wanderschuhe zwar den nahen Wald, aber kein alpines Gestein. Das ändert sich nun schlagartig. Nach vier Stunden Aufstieg ist der Spuk vorerst vorbei, und wir erringen einen Etappensieg am türkis glänzenden Iffigsee. Liv kommentiert die Lage: «Jetzt habe ich das Gefühl, dass das alles gut wird.»

Ähnlich sind meine Gedanken, als uns weitere anderthalb Stunden später in der SAC-Hütte der Duft von hausgemachter Lasagne entgegenschlägt. Ich staune. Auch der Salat ist reichlich und knackig. Was das Essen angeht, bieten die Hüttenwarte Monika und David ein veritables Verwöhnprogramm (und ich muss nicht kochen!). Was die Hütte kulinarisch an Luxus bietet, macht sie energietechnisch wieder wett. Sprich: Sie ist sie ein Anwärter auf die Klimamedaille.

Hüttenwarte Monika und David mit Hund Ben. Bild: Anna Kardos

Hüttenwarte Monika und David mit Hund Ben. Bild: Anna Kardos

Trinkwasser, Steckdosen, Duschen? Fehlanzeige. Für uns Hüttenneulinge sind die 2303 Meter also in mehrerlei Hinsicht Neuland. Doch dann geschieht etwas Aussergewöhnliches: Mit jeder Stunde fällt die alltägliche Materialverwöhntheit mehr und mehr von uns ab. Als unser kleines Familienzimmer abends eiskalt ist, bemerke ich morgens erstaunt, dass wir es mit unseren Körpern aufgeheizt haben. Auch dass ich es unter Anleitung schaffe, eine Geiss zu melken (die Milch kommt in homöopathischen Dosen, aber immerhin), macht mich glücklich und stolz.

Um Akku zu sparen, verzichte ich aufs Handy – und werde ruhiger. Auch in Sachen Essen sind wir achtsamer und ermahnen die Kinder, nur zu schöpfen, was sie aufessen, da die Nahrungsmittel per Helikopter in die Hütte geflogen werden müssen. Würde Zen nicht erwiesenermassen aus Japan stammen, ich könnte schwören, es sei auf einer Alp erfunden worden. Denn sogar unsere Kinder sind ganz Alp-Zen. Die Hüttenwarte Monika und David Schmid finden schnell einen Draht zu ihnen. Kein Wunder, sie ist ausgebildete Heilpädagogin, und beide waren schon als Betreuer mit Jugendlichen auf einem Schiff unterwegs. Im Familienangebot ist ein Tag Kinderbetreuung inbegriffen. Kinderschminken, Basteln oder Märchenstunde gibt es hier nicht. Stattdessen binden Monika und David die Kinder in den Alltag auf der Hütte ein und organisieren ein aktives Hüttenspiel.

Hirtin Agnes bringt uns bei, wie man eine Geiss richtig melkt.... Bild: Anna Kardos

Hirtin Agnes bringt uns bei, wie man eine Geiss richtig melkt.... Bild: Anna Kardos

... den Käse für den Zmorgen müssen wir zum Glück nicht selber herstellen.

... den Käse für den Zmorgen müssen wir zum Glück nicht selber herstellen.

Die Kinder sind entschleunigt. Wir Eltern ebenso

Bald ist Davids Funkgerät absolute Lieblingsattraktion, und die Devise heisst: Ben statt Barbie. Der Hüttenhund begleitet uns auf Ausflügen, und Eva ist kaum von ihm zu lösen. Vor lauter Hundebegeisterung interessiert sie sich nur am Rand für Ziegen, Hühner und Edelweiss, die unseren Weg kreuzen, oder das Murmeltier, das hier tatsächlich täglich grüsst.

Ob aus Mangel an Ablenkungen oder an Spielzeug: Die Kinder sind entschleunigt, bewusster. Vielleicht, weil alles, was sie von David lernen, einen Bezug zum Leben hat? Etwa dass in Sachen Toilettenpapier die Einblatttechnik ratsam ist. Weil die Würmer in der Trockentoilette das Papier sonst nicht bewältigen können.

Wir suchen Blumen und flechten Kränze. Und als ob der Berg die Zunge der Kinder löste, erzählen sie viel mehr als zu Hause: von der Schule, der neuen Lehrerin, der kranken Kindergärtnerin, ihren Gefühlen und Gedanken. Ich höre zu, bin berührt und denke: Diesen Austausch werde ich im Alltagstrubel vermissen – auch wenn ich mich schon jetzt auf die erste warme Dusche freue.

In die Hütte mit den Kleinen

Zehn SAC-Hütten bieten Familienaufenthalte an, man findet sie unter www.sac-cas.ch. Das Angebot umfasst vier Übernachtungen mit Halbpension, Mittagslunch und geführten Touren zu einem Pauschalpreis, je nach Hütte für Erwachsene ca. 430.–, Kinder 160.– bis 300.–. Die Wildhornhütte (BE) und die Windegghütte (BE) heissen Familien auch noch in den Herbstferien willkommen.

Gut zu wissen:
Eine Reservation Wochen voraus ist nötig. Das empfohlene Mindestalter ist 5 Jahre, ein Anruf lohnt sich – auch um den Weg einschätzen zu können.

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