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Mit der Knutschkugel verreisen

Wer das Wohnwägelchen «Rosita» aus DDR-Zeiten mietet und damit das Hinterland des Bodensees erkundet, dem sind bewundernde Blicke sicher.
Peter Hummel
Nostalgische Wohnwägen der Art «Dübener Ei» sind heute selten. (Bild: PD)

Nostalgische Wohnwägen der Art «Dübener Ei» sind heute selten. (Bild: PD)

Wer mit Rosita, «The Rolling Vintage Hotel», unterwegs ist, fällt auf und braucht Musse. Und er sollte auch kontaktfreudig sein: Allerorten bewundernde Blicke, gestreckte Daumen und gezückte Kameras; wildfremde Leute winken und wollen bei jedem Halt etwas über dieses Kuschel-Gespann wissen – es dürfte ja auch weltweit einzigartig sein.

Schon der Wohnwagen, ein «Dübener Ei» aus der Ex-DDR, ist nur noch in ­raren Exemplaren vorhanden. Und das Zugpferd, das elektrische Smart Cabrio Emma, ist gar eine absolute Exklusivität: das einzige Elektro-Cabrio auf dem Markt. Wir haben uns bewusst für diese Gespannkombination entschieden: Der Kontrast von Retroflair und Zukunfts­antrieb scheint uns reizvoll. Die Instruktion zu Beginn ist zwar etwas länger, das Abenteuer dafür umso grösser. Wir nehmen bewusst Einschränkungen des ­Aktionsradius in Kauf:

Der Weg sei das Ziel, «Slow Travel» heisst die Losung!

Zum Einrollen wählen wir den Seerücken – die verkehrsarmen coupierten Strässchen kommen uns gerade recht, um uns an die ungewohnte Dimension und das richtige Tempo zu gewöhnen. Wir sind auf Anhieb verblüfft von der Durchzugskraft des E-Smarts.

Unser erstes Nachtlager schlagen wir auf dem grosszügigen Campingplatz Feuerthalen auf. Im Werbeprospekt aus den Sechzigern wurde unsere Knutschkugel als Raumwunder beschrieben. Nach heutigen Vorstellungen zwar etwas übertrieben, aber immerhin – es gibt Kochstelle, Kleiderschrank sowie Tisch samt zweiteiliger Sitzecke, die zu einem Doppelbett zusammengefügt werden; zum Schlafen reicht das allemal.

Zum Tanken gehört etwas Glück

Herrlich, sich zur Morgentoilette den Rhein runtertreiben zu lassen. Am zweiten Tag streifen wir erst eine der unbekanntesten Gegenden der Ostschweiz, den Klettgau. Die Siblinger Höhe überwinden wir gewiss mit mehr Schwung als dereinst die Schlaatemer Strassenbahn. In Stühlingen wollen wir im Landgasthof Rebstock das Mittagessen mit einer Zwischenladung verbinden. Auweia – Ruhetag, an einem Sonntag. Zum Glück müssten beim nahen Sto-Werk in Weizen zwei Schnellladestationen verfügbar sein. Doch nochmals Pech, aber auch Glück: Die Ladesäule ist mit zwei Firmen-Stromern belegt – doch die nette Portière schafft es, eine Zapfstelle für uns freizukriegen. Statt das Plateau bei Bonndorf zu erklimmen, wählen wir dann über Blumberg die direkte Route nach Tuttlingen. Wie wenn auch aller schlechten Dinge drei wären, wird unsere «Emma»-Karte (herausgegeben von einem Energieverbund im Bodenseeraum) an der Ladesäule beim Caravanparking nicht akzeptiert. Wir bleiben cool – am nächsten Morgen findet sich gewiss Rat. Und ob: Der «E-Mobility-Manager» der Stadt Tuttlingen persönlich und ein Regionalmanager von Energie Baden-Württemberg kümmern sich gleich doppelt um unser Problem. Mit dem Download der App Mobility+ ist die Lösung schnell gefunden und das Problem für den Rest der Tour behoben. Aller Unannehmlichkeiten zum Trotz sind wir beeindruckt von der Hilfsbereitschaft, die wir als «Pionier-E-Camper» erfahren dürfen.

Alle 50 bis 70 Kilometer muss nachgestromt werden

Das hohe Drehmoment des Elektroflitzers bewegt das Gespann mit verblüffender Souplesse. Gut, das Dübener Ei wiegt auch nur 270 Kilogramm; seine Stromlinienform verleitet fast zur Sausefahrt. Was beim Blick auf den Ladestands­anzeiger aber sogleich mit rapide sinkendem Zeigerstand abgestraft wird. Alle 50 bis 70 Kilometer muss nachgestromt werden. Das dauert an den Schnellladestationen ½ bis 1½ Stunden – ideal für einen Imbiss, Stadtrundgang oder Schwumm. Das ist ja Teil der Entschleunigung einer Rosita-Tour – sofern man gut geplant hat: Welche Etappen sind möglich, wo hat es welche Stromtankstellen? Vermieter Gerold Huber versorgt einen mit allen erdenklichen Informationen und zwei Kisten mit verschiedensten Ladekabeln. Er empfiehlt primär das deutsche Bodenseeufer: «Deutschland ist das E-Car-Paradies.» Stimmt, so lange man sich im Bereich der erwähnten Emma-Karte bewegt.

Das Innere des DDR-Wohnwägelchens. (Bild: Peter Hummel)

Das Innere des DDR-Wohnwägelchens. (Bild: Peter Hummel)

Wallfahrtsort für Campingfans

Der dritte Tag führt uns durch das reizvolle Donautal nach Sigmaringen, mit Zwischenhalt beim Kloster Beuron. Einen Stadtrundgang nutzen wir zu einer Zwischenladung. Über Saulgau erreichen wir unser heutiges Tagesziel Bad Waldsee, ein weiteres pittoreskes Städtchen und dank des imposanten Erwin Hymer Museum eigentlicher Wallfahrtsort für Campingfans. Am Tag vier gelangen wir über die Oberschwäbische ­Barockstrasse und die Schwäbische Dichterstrasse auf beschaulichen Nebensträsschen via Ilmensee, Heiligenberg und Salem nach Uhldingen; in Meersburg wird unser Gespann heimwärts verschifft. Fazit: Eine Rosita-Spritztour im Bodensee-Hinterland über ein verlängertes Wochenende ist eine spannende Erfahrung.

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