Mit Malaria-Mittel gegen Corona: Der Wunderheiler von Marseille

Der französische Virologe Didier Raoult heilt nach eigenen Angaben Covid-Erkrankte mit Malaria-Mittel. Sein unorthodoxes Vorgehen stösst jedoch auf Kritik.

Stefan Brändle aus Paris
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Der Virologe Didier Raoult gilt in Paris als Grossmaul, in seiner Heimatstadt Marseille ist er hingegen ein Star im Doktorkittel.

Der Virologe Didier Raoult gilt in Paris als Grossmaul, in seiner Heimatstadt Marseille ist er hingegen ein Star im Doktorkittel.

Bild: Paris Match/Getty

Didier Raoult versteht die Welt nicht mehr. «Warum will man mich daran hindern, das einzige Medikament abzugeben, das ein Ergebnis zeitigt, hier und jetzt?», meinte der 68-jährige Mikrobiologe in einem Interview.

Dazu muss man wissen: Didier Raoult ist in seiner Heimatstadt Marseille ein Star. Ein Rebell im Arztkittel. Ein Egozentriker und Provokateur, der sich «Weltmeister» seines Fachs nennt; Eine von ihm entdeckte Bakteriengruppe beehrte er sogar mit seinem Namen –«Raoultella».

In Paris, dem nördlichen Gegenpol von Marseille, dieser temperamentvoll-chaotischen Hafen- und Einwandererstadt am Mittelmeer, gilt der Mikrobiologe vor allem als Grossmaul. Zumal als eines, das öfters daneben liegt: So unterschätzte er zuerst die Klimaerwärmung, im Januar auch die Coronakrise.

Schulabbrecher, Matrose und Youtube-Star

Der Querdenker, der die Schule frühzeitig verlassen und sich als Matrose verdingt hatte, bevor er Medizin studierte, gilt aber auch als einer der besten Virologen der Welt. Seine Youtube-Auftritte schauen Hunderttausende, mehr als die Online-Pressekonferenzen der Pariser Regierung.

Dank dem Internetkanal seiner Klinik ist Raoult heute der wichtigste Fürsprecher von Chloroquin, dem Hoffnungsschimmer für covidinfizierte Patienten in den Intensivstationen rund um den Planeten. Das 1934 entwickelte Anti-Malaria-Molekül wird heute von Pharmamultis wie Novartis oder Sanofi hergestellt. Es wirkt nicht direkt auf das Coronavirus ein, sondern auf infizierte Körperzellen.

Raoult sorgte Mitte März erstmals für weltweites Aufsehen, als er eine Studie publizierte, wonach von 24 Patienten drei Viertel nach sechs Tagen mit Chloroquin geheilt worden seien. Berufskollegen vermissten allerdings den methodologischen Ansatz. Am 27. März doppelte er aber mit einer neuen Chloroquin-Studie nach: Von 80 beatmeten Patienten im zumeist hohen Alter sollen mit zwei Ausnahmen alle eine «klinische Besserung» erfahren haben.

Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran äusserte Skepsis. Seine Berater verweisen auf die teils schweren Nebenwirkungen von Chloroquin – Allergien, Seh- und Verdauungsstörungen, dazu gefährliche Herzrhythmusschwankungen.

Letzten Donnerstag landete Raoult den dritten Coup: Er empfing Emmanuel Macron in seiner Klinik zu einem unangekündigten Besuch. Dabei präsentierte er eine neue Studie, laut der in zehn Tagen von 1061 behandelten Covid-19-Patienten deren 973 durch Chloroquin geheilt worden seien.

Macht gut 91 Prozent der Fälle. Macron nahm dazu keine Stellung. Ein Berater meinte nur, der Präsident habe sich vor Ort über den «Raoult-Effekt» informieren wollen. Alle Optionen müssten geprüft werden. Diese Aussage ist schon fast eine Weihe. Bisher hatten sich Raoult und die Pariser Medizin-Elite täglich befehdet. Raoult lästert nur über die Pariser «Büroärzte.

Chinesische Tests mit Chloroquin sind ernüchternd

Es ist wohl kein Zufall, dass auch US-Präsident Donald Trump Argumente für den Chloroquin-Einsatz aufgenommen haben. Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) dämpft allerdings die Hoffnungen der Chloroquin-Verfechter.

Raoult präsentiert sich deshalb gerne als Verfemter der offiziellen Gesundheitspolitik. Das stimmte schon vor Macrons Visite nicht: Selbst Pharmamultis wie Sanofi stehen auf seiner Seite. Auch die Weltgesundheitsorganisation prüft neben Arzneien wie Lopinavir oder Remdesivir auch Chloroquin für den Anti-Covid-Einsatz.

Zahlreiche Länder testen das Molekül, wie China, wo die ersten Resultate nicht eben spektakulär ausgefallen sein sollen. In Frankreich haben 37 Spitäler vor wenigen Tagen eine gross angelegte Chloroquin-Studie mit 1300 Patienten gestartet. Die Resultate sollen in ein paar Wochen vorliegen. Das sei zu spät, meint Raoult: «Die klinischen Studien können wir auch nachher noch erstellen.»

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