MITTELMEER: Eine andere Türkei

Schimmerndes Wasser, grüne Wälder und Berge, dazu versteckte und versunkene Städte: Das ist die lykische Küste. Kas, das Städtchen am Meer, ist ein guter Ausgangsort fürs Entdecken.

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Der Blick auf Kas (auf Deutsch: Augenbraue), eines der schönsten Städtchen an der lykischen Küste. Das antike Lykien wurde einst auch Land des Lichts genannt. (Bild: Herbert Huber)

Der Blick auf Kas (auf Deutsch: Augenbraue), eines der schönsten Städtchen an der lykischen Küste. Das antike Lykien wurde einst auch Land des Lichts genannt. (Bild: Herbert Huber)

Text und Bilder Herbert Huber

Osman, ein väterlich vertrauenswürdiger Fahrer, erwartet mich am Flughafen Antalya. Ein paar Brocken Deutsch und Englisch spricht er. Er fährt gut und rassig westwärts an die verheissungsvolle rund 400 Kilometer lange lykische Küste.

Die lykische Küste verdankt ihren Namen der historisch geprägten Landschaft Lykien, die sich bäuchlings zwischen Antalya und dem Köycegiz-See ins Meer vorschiebt. Ruinen über Ruinen sind Zeitzeugen der Antike und eine der ältesten Mittelmeerkulturen, deren Artefakte bis ins Jahr 3000 vor Christus zurückreichen. So hinterliess das von Rätseln umgebene Volk der Lykier eine eigene Schrift, einzigartige Grabmonumente, und mit dem Lykischen Bund, dem Rat der Städte, schuf es das erste demokratische Bündnis der Welt.

Duft von Jasmin und Wacholder

Schon bald sehe und fühle ich eine andere Türkei. Das Aquamarin und das Smaragdgrün des schimmernden Meeres. Die Pinien-Kiefergrün-Mischung der üppigen Wälder. Darüber die kargen Dreitausender des Taurusgebirges, welche oft bis im Mai mit Schnee bedeckt sind. Nach einer Stunde Fahrt öffnet Osman das Fenster, deutet auf seine Nase und sagt: «Du, riechen – smell!» Ich inhaliere die erfrischenden Düfte von Jasmin und Wacholder, die Frische des dichten Waldes.

Kurze Zeit später deutet Osman auf seinen Bauch. Ich kapiere und nicke. In einer romantischen, mit Einheimischen besetzten Gartenbeiz wird, ohne zu fragen, aufgetischt: herrliche Meze, lauwarmes Fladenbrot, heisse Forellenfilets mit Ziegenkäse überbacken. 15 Euro – für zwei Personen inklusive Getränke.

Pensionen am Meer und im Dorf

Plötzlich deutet Osman auf seine Augenbraue und sagt: «Kas.» Die «Augenbraue» zählt zu den schönsten kleinen Städtchen an der Südküste der Teke-Halbinsel, dem antiken Lykien. Einst auch Land des Lichts genannt. Kas ist ein sehr typischer türkischer Ort. Mit Gassen und Gässchen. Mit Basaren und Wasserpfeifen-Rauchecken. Mit Boutiquen und Teppichgeschäften. Mit Tee- und Kaffeenischen. Mit Düften nach Gewürzen. Mit Beizen, welche (noch) mit einheimischer Küche um die Gunst der Gäste buhlen. Kas zählt 8000 Einwohner, mit den Touristen gang und gäbe das Doppelte.

Kas kennt trotzdem (noch) keinen Massentourismus. Kleine Pensionen, meistens Familienbetriebe direkt am Meer oder im Dorf, beherbergen die Gäste. «All inclusive» ist out. Mein Hotel Kale gehört zu den besten und liegt oberhalb des Dorfes. Mit Aussicht auf das Meer. Mit kleinem schmucken Gärtchen und Gartenwirtschaft. Die Zimmer sind sauber, schlicht, mit türkischen Möbeln eingerichtet. Das Wasser ist ab Hahn trinkbar. Das «Kale», was Burg heisst, ist keine Bettenburg. 18 Zimmer, 6 Juniorsuiten und 6 Appartements kann man buchen.

Über Treppenstufen ins Wasser

Zeit, mich nach der langen Reise ins bequeme Bett zu legen. Um 5.35 Uhr wünscht der Muezzin vom benachbarten Minarett mit dem Morgengebet (ab Bändli) im Namen Allahs einen frohen Tag. Ich bin definitiv in der Türkei.

Später erfreue ich mich am reichhaltigen Frühstück (ohne 5-Sterne-Luxus). Dafür mit Eierspeisen von heimischen Hühnern, hausgemachten Tapenaden von Oliven und Tomaten, Salaten, handgerührter Konfi, Honig, weissem und dunklem Brot und herrlichem Granatapfelsaft. Sogar Müesli gibts und frische Früchte. Feinsten türkischen Tee und Kaffee. Und überaus freundliche Mitarbeiter. Auch bietet das Hotel eine einfache schmackhafte Küche.

Ich wusste, dass das «Kale» keinen weissen Sandstrand zu bieten hat. Nach fünf Minuten Fussweg in die zum Hotel gehörende Leymona Beach Bar lege ich mich auf eine der vielen Matten unter einen Schatten spendenden Olivenbaum. Träume in den Tag hinein und plane Ausflüge. Über Treppenstufen steigt man direkt ins smaragdgrüne spiegelklare, meist ruhige Meer.

Die Ausflüge sind äusserst preiswert. Per Schiff zur gegenüberliegenden griechischen Insel Kastellorizo. Mit den pittoresken Häusern, der Burg und den Kirchen. Der Coiffeur im Hinterhof frönt an frischer Luft seinem Handwerk. Überzeugend sind die griechischen Fischküchen direkt an der Hafenpromenade. Mit einer handgeschriebenen Rechnung, die wohl kaum je vom Steueramt erfasst wird. Aber einmalig gut sind der Rotbarsch und der Pulpo vom Grill.

Ab in die Berge ist ein Muss – ein Ehepaar und ich dürfen mit Osman, der mich umarmt, als ob wir uns schon lange kennten, hinauf ins Gebirge. Nach Gömbe mit seinem grünen See. Die engen Strassen führen durch kleine Dörfchen, über Hochebenen und Weideland bis zum Staudamm, dem Wasserspeicher für Kas. Kurvenreich und holprig geht die Fahrt weiter zum Ziel auf 2150 Meter über Meer. Die mondlandschaftlich anmutende Bergwelt rund um den grünen See scheint ein Kraftort zu sein. Osman kniet nieder und schlürft genüsslich vom klaren Wasser.

Auf dem Heimweg, im Bergdorf Ucarsu mit seinem kunterbunten Markt, sitzen wir mitten unter Einheimischen und geniessen mit ihnen würzige Köfte (Hacktätschli) vom offenen Grill.

Zuhinterst im wilden Canyon

Es gibt noch vieles mehr zu entdecken. Sakliklent, die versteckte Stadt, welche nur durch einen eiskalten Fluss in einem wilden Canyon des Taurusgebirges zu erreichen ist. Und Phellos, die Grabanlage oberhalb von Kas, welche unvergessliche Eindrücke aus 700 Jahren vor Christus vermittelt. Dann Kekova, die versunkene Stadt, welche mich eigentlich mehr lockt als die Ruinen über der Erde. Mit einer luxuriösen Schifffahrt auf einer Privatjacht, wo auf Steuerbordseite der Schiffskoch während der Fahrt Doraden auf dem Holzkohlegrill brutzelt. Und der Kapitän während des Essens die Geschichte der versunkenen Stadt erzählt.

Gebackener Trompetenfisch

Apropos Essen. Kas hat für jeden Geschmack und jedes Budget eine grosse Anzahl an Restaurants. Deren 150 seien es, verrät mir Hafis Sevign, der Chef meiner Lieblingsbeiz Lola. Wo ich den besten Octopus en Casserole esse. Und eine Premiere der gebackene Trompetenfisch ist. Die ottomanisch zubereitete, geschmorte Lammschulter und der pfiffige türkische Sish Kebab mit gehacktem Rindfleisch landen alsbald auf der Favoritenliste. Die cremigen, mit Curry gewürzten Salzkartoffelwürfel ebenso. Meistens trinke ich Bier oder Wein. Als «Verdauerli» einen Raki – ähnlich dem griechischen Ouzo. Die Rechnung liegt jeweils zwischen 15 und 20 Schweizer Franken – alles inklusive.

Wer sich vom Massentourismus mit Bettenburgen-Ghettos, von kilometerlangen Sandstränden und Menschenmassen, die sich an der Sonne rösten, von Schlaraffenland-Buffets mit Kaviar, Hummer und Co. verabschieden und die Türkei einmal anders erleben möchte, liegt an der lykischen Küste smaragdgrün richtig. «Güle güle» – auf Wiedersehen –, ruft mir Osman, der Bleibende, zu. Mit «Bol Sans» – alles Gute – verabschiede ich mich als Gehender.

In Kas Fisch essen, auf den Markt und in die Berge

Anreise: Flug entweder nach Antalya oder Dalaman. (Edelweiss Air beispielsweise fliegt beide Destinationen an.) Die Fahrzeit nach Kas dauert ca. 3½ bzw. 2 Stunden. Transfer Flughafen–Hotel hin und zurück ca. Fr. 180.– . Möglicher direkter Reiseanbieter: Brigitte Krickl Reisen, www.tuerkei-einmal-anders.de.

Gut zu wissen: Die Automiete kostet ca. 35 Euro pro Tag. Währung ist die türkische Lira (TL). Der Kurs schwankt sehr. Im Durchschnitt: 100 TL = ca. Fr. 30.–. Mastercard, Travel Cash und Visa sind praktisch überall akzeptiert. Im Gegensatz zur Südküste sind die Preise in TL angegeben. Euro mitzunehmen lohnt sich nicht. Die beste Reisezeit ist von April bis Oktober. (Juli, August sind sehr heiss.) Im September 2015 war es zum Beispiel noch bis 38/40 Grad. Ausflüge bucht man im Hotel – ca. 35 Euro pro Person (inklusive Verpflegung)

Beizentipps in Kas: Das «Lola» am Quai, das «Bahce» (Gartenbeiz), das «Kösk» im Dorf und das «Mercan» an der Uferpromenade. Der Fisch in den Restaurants ist in der Regel fangfrisch. Explizit nach dem Kilopreis fragen und wägen lassen. Bei Flaschenwein Preis vorher abmachen. 10 Prozent Trinkgeld werden sehr geschätzt. Und: Handeln auf dem Markt und im Basar gehört zum guten Ton.

Rotbarsch und Pulpo vom Grill auf Kastellorizo. (Bild: Herbert Huber)

Rotbarsch und Pulpo vom Grill auf Kastellorizo. (Bild: Herbert Huber)

Die Einkaufsstrasse im typisch türkischen Kas. Im Hintergrund sein Wahrzeichen: der Löwensarkophag aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. (Bild: Herbert Huber)

Die Einkaufsstrasse im typisch türkischen Kas. Im Hintergrund sein Wahrzeichen: der Löwensarkophag aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. (Bild: Herbert Huber)

Farbenspiel mit Minarett auf der vor Kos liegenden griechischen Insel. (Bild: Herbert Huber)

Farbenspiel mit Minarett auf der vor Kos liegenden griechischen Insel. (Bild: Herbert Huber)