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MITTELMEER: Sardinien ist ganz anders

Grossartige Strände, türkisfarbenes Meer, wildes Bergland – und Geschichte: Im Früh- oder Spätsommer ist der richtige Zeitpunkt, die Insel auf einer Rundreise zu entdecken.
Text und Bilder: Urs Oskar Keller
Halt machen an einer der zahlreichen Badebuchten. (Bild: Urs Oskar Keller)

Halt machen an einer der zahlreichen Badebuchten. (Bild: Urs Oskar Keller)

Text und Bilder: Urs Oskar Keller

«Von jetzt an herrscht hier Inselzeit, und Sie müssen sich einfach nur entspannen», sagt Simona, die sich beim Anlegen der gelben Autofähre «Sardinia Regina» in Golfo Aranci bei Olbia als Stewardess vorstellt. Morgens um acht Uhr steht sie in ihrer dunkelblauen Uniform lässig an der Reling und raucht eine Zigarette. «Fare una bella figura» ist nicht nur auf dem italienischen Festland wichtig. Kurze Zeit später kurven wir nordwärts der Costa Smeralda entlang. Der Roadtrip beginnt.

Die Strasse führt zwischen Felsen und Macchia hindurch, im Blick das Meer, dessen Farbe der wildgezackten Nordostküste Sardiniens den Namen gegeben hat. Sie sei ein Märchen, wird über die «Smaragdküste» berichtet, und auf dieser exklusiven Ferienbühne regiere das Geld des internationalen Jetsets. Die Schönen und Reichen flanieren im Sommer an der 1962 vom umtriebigen Multimillionär Karim Aga Khan touristisch entwickelten Küste und kreuzen mit den schönsten Jachten auf. Porto Cervo, ein aus dem Boden gestampftes urbanes Edelferien- und Kunstdorf – mit Piazza, Kirche und allem, was dazugehört – lassen wir rechts liegen. Unweit davon schliesst sich der Archipel von La Maddalena an. Wir fahren lieber weiter ins Fähr- und Fischerdorf Palau mit dem Parco Nazionale dell’ Arcipelago della Maddalena, wo sich ein Besuch auf einer der sieben Inseln lohnt.

Die letzten Hippies in den Höhlen des Valle della Luna

Von Palau ist es nicht mehr weit bis zum ersten Bad im 23 Grad warmen Meer: in der «Bocche di Bonifacio» am tropisch anmutenden kleinen Stadtstrand von Santa Teresa di Gallura. Im Oktober herrscht hier kein Gedränge am weissen Sandstrand mit türkisblauem Wasser. Afrikanische Händler versuchen, die letzten Geschäfte mit Lederwaren und Strandartikeln zu tätigen. Die Südspitze der französischen Insel Korsika liegt 20 Kilometer entfernt und ist mit blossem Auge zu sehen. Der Touristenort mit schöner Altstadt verfügt über gute B & Bs. Auf der Piazza Vittoria Emanuele I., umgeben von niedrigen Häusern, ist viel los. Velotouristen und Einheimische geniessen den Spätsommer bei 27 Grad in den zahlreichen Strassencafés. Das Sprachengewirr ist fast babylonisch.

Viktor Emanuel I., König von Sardinien-Piemont, gründete 1808 Santa Teresa di Gallura und benannte das nördlichste Städtchen Sardiniens nach seiner österreichischen Gemahlin. Das Gebiet ist seit Urzeiten bewohnt: Erste Spuren gehen auf die Nuragher, ein geheimnisvolles Volk (1800–1000 v. Chr.), zurück, Römer nutzten die Granitfelsen am nahegelegenen Capo Testa als Steinbruch und die letzten Hippies aus den 1970er-Jahren leben noch heute in Höhlen und zwischen Granitblöcken im legendären Valle della Luna.

Nach einem Abstecher durch die roten Korkeichenwälder nach Aglientu, wo wir das neue Weingut La Sughera mit B & B des Schweizer Winzers Francesco Welti besuchen, geht’s an der Gallura-Nordküste weiter nach Porto Torres. Die Hafenstadt mit Fährverbindungen unter anderem nach Genua, Marseille und Civitavecchia, ist ein guter Ausgangspunkt für Exkursionen in den Parco Nazionale dell’ Asinara. Die kleine Insel Asinara am nordwestlichsten Zipfel Sardiniens sei «ein lebendes Fossil» mit uralten Pflanzen, kleinen Buchten, seltenen weissen Eseln und wilden Pferden, berichtet unser Gastgeber Emilio. «Einige Teile der Insel sind für Besucher gesperrt. 1885 war dort ein Lazarett für Tuberkulose- und Malariakranke eingerichtet worden, im Ersten Weltkrieg verbannte man Gefangene dorthin, später entstand ein Hochsicherheitsgefängnis mit Meerblick für Mitglieder der Mafia und der Roten Brigaden.» Das sardische «Alcatraz» ist längst geschlossen und die 30 Kilometer lange Insel wurde zum geschützten Nationalpark.

Dörfer werden zur Filmkulisse für die Brüder Taviani

Neben dem Sardischen gibt es auf der Insel auch Minderheitensprachen. In der Hafenstadt Alghero (katalanisch L’Alguer, sardisch S’Alighera) an der Nordwestküste – lange Zeit spanischer Brückenkopf auf dem Eiland – sprechen viele Einwohner noch Katalanisch. Der intakte mittelalterliche Ort auf einer Landzunge mit rund 45000 Einwohnern ist ein Zentrum des sardischen Fremdenverkehrs. Die hübsche Altstadt mit vielen Kirchen, Restaurants und Hotels bietet pulsierendes Touristenleben in den engen Gassen. Alghero ist meerseitig von einer Befestigungsanlage mit voluminösen Wachtürmen umgeben.

Ob mit Auto, Motorrad, Velo oder Wohnmobil: An einer Küste entlangzufahren, gehört zu den Highlights einer Ferienreise. Kilometerweite Einsamkeit und plötzlich auftauchende steile Felsvorsprünge, unzählige Pflanzen und Tiere, freundliche Menschen, ein angenehmes Mittelmeerklima, kristallklare Buchten sowie viele Korkeichen prägen das Bild dieses Landes zwischen Tunesien (180 km entfernt) und Rom (190 km entfernt).Die Provinz Sassari ist immer wieder auch im italienischen Kino zu sehen. Die verschlafenen, von Artischockenfeldern umgebenen Dörfer Banari und Siligo waren Inspiration für Künstler. Zur Filmkulisse wurden sie beispielsweise 1977 im Film «Padre padrone». Darin erzählen die Brüder Paolo und Vittorio Taviani die Geschichte der Befreiung eines jungen Mannes aus der Unterdrückung durch den Vater, nach dem autobiografischen Roman des sardischen Schriftstellers Gavino Ledda.

Die Fischer von Bosa in der Provinz Oristano haben ihre Häuser extra bunt bemalt, damit sie vom Meer her ihr Zuhause an der sardischen Westküste auch finden. Das romantische Dorf an der Temo-Flussmündung gehört mit seinen 8000 Einwohnern zu den hübschesten Dörfern in Italien. Die schmalen, hohen mittelalterlichen Häuser mit ihren farbigen Fassaden bieten einen reizvollen Anblick. Eng aneinander geschmiegt ziehen sie sich von der Unterstadt am Fluss bis zur Oberstadt an die Hänge zum «Castello Malaspina» hin. Nahe am Fluss lohnen die tiefen Weinkeller für den Malvasia di Bosa einen Besuch, samt Degustation des Aperitif- und Dessertweins aus weissen Trauben. Eine lange Geschichte besitzt der charmante Ort – doch am Abend ist die Suche nach einem Restaurant erst einmal wichtiger. Die Lokale sind in der verwinkelten Altstadt gar nicht so leicht zu finden, aber wer aufmerksam durch die Gassen läuft, hört das Klappern von Geschirr. Die Einheimischen bestellen gerne Bottarga, luftgetrockneten Fischrogen der Meeräschen oder Lamm («Piatti bosani di terra e mare»).

Auf der Weiterfahrt in den Süden tauchen in der Lagune von Cabras die ersten Flamingos auf. Die hellrosa Vögel brüten und leben schon lange auch auf der Mittelmeerinsel. Nach San Gavino Monreale mit seiner Città dello Zafferano ist es nicht mehr so weit. Für Safran-Liebhaber ein Muss.

Nach einem langen Tunnel beim Städtchen Dorgali öffnet sich der Blick auf eine weite Bucht und das frühere Fischerdorf Cala Gonone am Golf von Orosei. Die Strasse windet sich in Serpentinen hinunter ans Meer. Der kleine Küstenort an der Nordostküste ist zu einem beliebten Ferienziel geworden. Cala Gonone ist der Ausgangspunkt für Schiffsfahrten zu einigen der schönsten Grotten und Strände. Der weisse Traumstrand Cala di Luna etwa – einige Kilometer vom Hafen entfernt – ist von überhängenden Klippen eingerahmt und bietet das perfekte Setting für einen Badetag. Und wie ein aufgerissener Schlund gähnt der Eingang zur Grotte di Ispinigoli in einem karstigen Bergmassiv. Sie ist die gewaltigste Tropfsteinsäule Europas, zwei Meter im Durchmesser und fast vierzig Meter hoch.

Lieder der Hirten, Tagelöhner – und des Widerstands

«L’osp italità è sacra» («die Gastfreundschaft ist heilig»), sagt Signora Pietrina Muzzu (80), während sie ihren selbstgemachten Eierlikör eingiesst. Sie führt ein B & B im früheren Bergwerksdorf Lula. Nach dem Willkommensglas tischt sie alten Pecorino Sardo, einen köstlich würzigen Schafskäse und das landestypische Fladenbrot Pane carasau auf. Wer die sardische Gastfreundschaft erleben möchte, kann mittlerweile aus über 400 Gehöften auswählen. Mehr als die Hälfte davon liegt im Inselinneren.

Unser Ziel ist die zweitägige Veranstaltung Cortes Apertas im 400-Seelen-Ort Onani, einige Kilometer von Lula entfernt. Im Oktober gibt es fast 30 «offene Türen», kulturelle und gastronomische Veranstaltungen und eine grosse Prozession. Am Sonntag zieht die seltsame Processione mit der festgezurrten Statue des Heiligen Franziskus von Assisi auf dem Ochsenkarren, Reitern und folkloristischen Gruppen von der grossen Bergkirche bis zum Dorfplatz, der gleichzeitig Treffpunkt und Tanzplatz ist. An Onanis Hauptgasse sitzen alte Menschen vor ihren Häusern. Einige sind weit über 100 Jahre alt. Nirgendwo in Europa werden die Menschen älter als auf Sardinien – und selten wohl auf so genussvolle Weise. Hier gilt die Ernährung – Brot, Käse, Wein in Massen – als ausschlaggebend. Für ebenso wichtig halten Wissenschafter die Gesellschaftsstruktur. Der Familienverband ist eng. «Menschen leben länger, wenn sie viele soziale Kontakte pflegen», sagt Rosanna Scanu, die neben ihren über 100 Jahre alten Eltern sitzt und Sas Fruttinas isst, typisch sardische Süssigkeiten. Auf dem Dorfplatz wird aus reiner Freude um die Wette getanzt – und musiziert. Später folgt ein archaischer Gesang, «cantu a tenore», eine anscheinend aus der Zeit gefallene Polyfonie, die aber von ganz gegenwärtigen Themen handeln kann. Es sind Lieder aus dem immensen Reservoir italienischer Volkskultur «von unten»: Gesänge von Hirten, Tagelöhnern, frühen Sozialisten; Lieder von Liebe, von politischer Utopie und vom Widerstand. Es trifft auch heute zu, was der englische Schriftsteller D. H. Lawrence 1919 feststellte: «Sardinien ist ganz anders ... es ist wie die Freiheit selbst.»

Schafe im Bergland hinter dem früheren Fischerdorf Cala Gonone. (Bild: Urs Oskar Keller)

Schafe im Bergland hinter dem früheren Fischerdorf Cala Gonone. (Bild: Urs Oskar Keller)

Ein Tanzpaar in seiner Festtagstracht. (Bild: Urs Oskar Keller)

Ein Tanzpaar in seiner Festtagstracht. (Bild: Urs Oskar Keller)

Blick in die Hügel und Berge bei Lodè, im Hinterland von Sardiniens Ostküste. (Bild: Urs Oskar Keller)

Blick in die Hügel und Berge bei Lodè, im Hinterland von Sardiniens Ostküste. (Bild: Urs Oskar Keller)

Eine ruhige Ecke zum Innehalten. (Bild: Urs Oskar Keller)

Eine ruhige Ecke zum Innehalten. (Bild: Urs Oskar Keller)

Das süsse Leben auf Sardisch. (Bild: Urs Oskar Keller)

Das süsse Leben auf Sardisch. (Bild: Urs Oskar Keller)

Schmal, hoch und bunt – die Häuser von Bosa. (Bild: Urs Oskar Keller)

Schmal, hoch und bunt – die Häuser von Bosa. (Bild: Urs Oskar Keller)

Spätsommerliches Vergnügen am Strand in Cala Gonone am Golf von Orosei. (Bild: Urs Oskar Keller)

Spätsommerliches Vergnügen am Strand in Cala Gonone am Golf von Orosei. (Bild: Urs Oskar Keller)

Zwei Über-100-Jährige im Dorf Onanì. (Bild: Urs Oskar Keller)

Zwei Über-100-Jährige im Dorf Onanì. (Bild: Urs Oskar Keller)

Musiker in Orgosolo im Inselinnern. (Bild: Urs Oskar Keller)

Musiker in Orgosolo im Inselinnern. (Bild: Urs Oskar Keller)

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