MITTEN IM SCHNEE: Der Musse statt dem Après-Ski frönen

Ein stimmiges Winterhotel muss nicht in einem mondänen Kurort stehen und auch nicht über eine feudale Wellnessoase verfügen. Wir zeigen den besonderen Reiz von vier der abgelegensten Herbergen in vier verschiedenen Landesteilen – im Glarnerland, am Grimsel, im Wallis und im Jura.

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Winterstimmung auf der Belalp. Das Hotel ist eines der letzten und ältesten Belle-Epoque-Hotels an solch einer Lage. 1858 wurde es für englische Alpinisten gebaut, oberhalb des Aletschgletschers auf einer Höhe von 2136 Metern über Meer. (Bild: Peter Hummel)

Winterstimmung auf der Belalp. Das Hotel ist eines der letzten und ältesten Belle-Epoque-Hotels an solch einer Lage. 1858 wurde es für englische Alpinisten gebaut, oberhalb des Aletschgletschers auf einer Höhe von 2136 Metern über Meer. (Bild: Peter Hummel)

Das ganze Glarnerland aus der Vogelschau

Was für eine Lage – selten wird man sich dieses Prädikats so bewusst, wie nach der Ankunft im Berghotel Mettmen. Der Blick ist gleichermassen überraschend wie imposant: Auf das ganze Glarnerland hinunter sieht man, und über die Ostschweizer Hügel bis nach Deutschland. Fernglas statt Fernseher auf dem Zimmer ist da sinnvoll – wer kennt denn schon die Glarner Berge, ausser Tödi und Glärnisch? Und wer das Glarnerland überhaupt als Wintersportdestination, mal abgesehen von Braunwald und Elm. Umso erstaunlicher, dass in einem Krachen auf 1600 Metern, wo man erst mit Alpentaxi und Seilbähnchen hingelangt, ein neues Hotel eröffnet hat.

Nun, ganz von Grund auf wurde dieser Bau nicht erstellt, sondern auf den Mauern des alten Berggasthauses Mettmen, der einstigen Kantine beim Bau der Garichti-Staumauer. Er entstand aber ganz aus privater Initiative von Sara und Romano Frei-Elmer. Die beiden wussten um das grosse Potenzial des Freibergs Kärpf, des ältesten Wildschutzgebiets Europas, wussten, da sie über zehn Jahre Hüttenwarte der populären Leglerhütte des SAC waren. Durch deren Umbau brachten sie die Erfahrung und Ideen für einen grösseren Wurf mit. So wählten sie etwa für den Innenausbau Arvenholz; eine Reverenz an den im Glarnerland fast nur auf der Mettmenalp vorkommenden Nadelbaum – und ein sympathischer Schachzug, wird man doch gleich nach Betreten des nüchtern-modernen Gebäudes von einem wohlig-herrlichen Duft umfangen. «Wir fühlen uns weiterhin als Hüttenwarte, einfach in einem grösseren Gewand», schmunzelt Sara (das auf der Hütte übliche Du will sie auch hier pflegen). Bewusst wollten die neuen Hoteliers keine Sterne, damit auch weiterhin «aller Gattig Lüüt» einkehren mögen. Das sind im Winter Schneeschuh- und Skitourenläufer und auch mal Eisfischer und -taucher.

Vom Standard her könnte es das Berghotel Mettmen gewiss mit mehrsternigen Häusern aufnehmen: Da gibt es eine geräumige Lounge, zwei Kaminfeuer, eine grosse Sauna und sogar eine Suite mit Badewanne vor dem Panoramafenster. Standesgemäss ist auch der abendliche Überraschungs-Viergänger, mit innovativen bis bodenständigen Zutaten. Umso schöner kann man danach mit einem Hirnibigger oder Hexätröpfli, den urigen Lokalbränden, abheben.

berghotel-mettmen.ch


Wo der Sternenhimmel am klarsten ist

Wer das Grimsel Hospiz anpeilt, hat Superlative gewählt: Es ist das Hotel mit der abenteuerlichsten Anfahrt, es ist das abgelegenste 4-Stern-Haus und in dieser Abgeschiedenheit auch das komfortabelste. Die Anreise ist nur per Werkstransport möglich. Ab Handegg mit der Transportseilbahn, in Gerstenegg wird auf den Stollenshuttle umgestiegen, der einen fast vier Kilometer weit durchs Kraftwerkseingeweide fährt. Wie in Science Fiction-Filmen öffnen und schliessen sich Tore automatisch und eröffnen zwischendurch den Blick auf riesige Kavernen und Turbinen. Im Sommerloch (ausgerechnet!) muss schliesslich nochmals auf eine kleine Werksseilbahn gewechselt werden. Die Transportpauschale ist ihren Preis wert!

Einmal beim Hospiz angelangt, ist der abenteuerliche Teil zu Ende. Jedenfalls sind hier keine Winteraktivitäten möglich, da das Hospiz strikte Auflagen zum Wildschutz einhalten muss. Hier oben aber kann man sich dem süssen Nichtstun hingeben – abschalten, entschleunigen. Das fängt schon am Kuchenbufett in der Arvenstube an. Das Kaminfeuer lockt zum Schmökern in der regionale Literatur – der Geschichte der Grimselwelt und des Grimsel Hospiz, 1142 das erste urkundlich erwähnte Gasthaus der Schweiz. Durch den Bau der Staumauer wurde das Alpinhotel in seinem Granitmauerwerk 1927 am prominenten Platz auf dem lawinensicheren Felskopf Nollen neu errichtet; es machte als erstes elektrisch beheizbares Haus Europas Furore. Von 2008 bis 2010 wurde es von Grund auf erneuert, nach denkmalpflegerischen Vorgaben, aber doch nachhaltig. So wird das gesamte Haus mit der Abwärme aus der Stromproduktion beheizt. Durch die stilgetreue Renovation erfüllte es aber gleichwohl die Auflagen, um auf Anhieb als Swiss Historic Hotel klassiert zu werden.

Die schönste Beschäftigung auf fast 2000 Meter ist wohl aber, das Wetter zu geniessen, die manchmal abrupten Wechsel zu verfolgen. Der 20-minütige Rundweg über den Nollen eignet sich dazu bestens. Er reicht auch, um sich den Appetit fürs Abendessen zu holen. Im Felsenkeller kann man sich aus 300 Provenienzen einen guten Tropfen aussuchen und auf weissen Tischtüchern wird ein erlesenes 4-Gang-Menü aufgetragen. Schliesslich sind wir in einem alpinen 4-Sterne-Haus zu Gast. Draussen im Hot Pot sind noch mehr Sterne zu haben. Wer bei 20 Grad minus im wohlig warmen Wasser blubbert, glaubt sich dem Sternenhimmel näher als irgendwo sonst.

grimselwelt.ch/grimselhotels/grimsel-hospiz/winter<br /> <br /> &nbsp; <hr /> <hr />

Zeitzeuge des alpinen Pioniergeistes

Das Hotel Belalp ist ein Solitär, eine Ikone unter den historischen Berghotels: Es ist eines der letzten und ältesten Belle Epoque-Hotels an solch exponierter La-ge, freistehend auf 2136 Metern. Es wurde 1858 vorab für englische Alpinisten just oberhalb des Aletschgletschers errichtet. Noch heute heisst die eindrückliche Aussichtskante Aletschbord, auch wenn der Gletscher inzwischen kilometerweise entfernt ist. Und unverändert wie vor 160 Jahren stehen hier neben dem Hotel nur eine Kapelle und ein paar Alphütten. Wer wie die Pioniere hochsteigen will, schnallt sich in Blatten die Skis oder Schneeschuhe an. Etwas einfacher geht’s per Luftseilbahn, schliesslich ist die Belalp heute ein kleines, feines Skigebiet. Immer noch harrt ein halbstündiger Fussmarsch, das solitäre Hotel liegt weitab vom Skibetrieb.

Ein Glück, dass 1993 die Burgerschaft Naters das Hotel rettete und von Grund auf sanierte. Um das Potenzial auszuschöpfen wurde 2011 ein anmutiger Anbau mit Sonnenterrasse und Panoramarestaurant erstellt, wo sich nun die Giganten der Walliser Alpen (Fletschhorn, Mischabel, Matterhorn und Weisshorn) bestaunen lassen. Der Gast hat die Wahl zwischen modernen Zimmern im An- und traditionellen im Altbau, die weniger Komfort, dafür mehr Cachet aufweisen. Wer es stilecht mag, kann das im Originalzustand belassene Zimmer von John Tyndell reservieren; der Physiker und Alpinist verbrachte 44 Sommer auf der Belalp. Und auf diesen Winter haben die neuen Pächter Marketa und Christian Meier auch einen Aufenthaltsraum à la Belle Epoque hergerichtet.

www.hotel-belalp.ch

 

An der «Magistrale», aber im Nirgendwo

Eigentlich kann man mit der Chemin de fer du Jura bis knapp zwei Kilometer ans Hotel de La Chaux d’Abel fahren, nach La Ferrière, dem einzigen Berner Zipfel in den Freibergen. Und Gabriela Haas, die nette Hotelière, holt einen gerne am Bahnhöfchen ab. Doch richtig «ankommen» tut erst, wer den Weg ans Ziel unter die Skis nimmt; von dieser Lage sind ja vor allem Langläufer angesprochen – direkt an der «Magistrale».Schon zu Beginn geht’s juramässig coupiert los – und wie aus dem Nichts erscheint dann die Auberge, auf einer Kuppe auf 1065 Metern. Und wenn einem nach dem Einchecken das Handy sagt «Netzverbindung verloren», dann ist man endgültig angekommen – abschalten! Da vermisst man auch keinen Fernseher. Offenbar gibt es eine zunehmende Klientel, die genau deswegen hierher kommt. Wenn nicht verkehrstechnisch, so mindestens gefühlt ist man hier völlig «ab vom Schuss», am einen Ende der Schweiz.

Das Haus hat ebenfalls eine sehr lange Geschichte: Es wurde 1857 als Wohnhaus errichtet und 1910 in ein Kurhaus umgebaut. Gabriela Haas konnte das von den Vorgängern zum Hôtel aufgewertete Bijou 2012 erwerben. So nüchtern sich das Hôtel von aussen präsentiert, so charmant ist es im Innern eingerichtet, ganz im Landhausstil. Jedes der 20 Zimmer ist individuell möbliert und hat einen eigenen Namen, etwa Les Fleurs, Les Anges oder les Etoiles. Im Salon gibt’s Piano und Kaminfeuer, und im Speiseraum steht ein Kachelofen. Verdientermassen hat der Schweizer Heimatschutz dieses Kleinod entdeckt und in sein Verzeichnis «Die schönsten Hotels der Schweiz» aufgenommen.

www.hotellachauxdabel.ch
 

Peter Hummel

Panoramablick vom Zimmer. Die Lage des neuen Hotels auf der Glarner Mettmenalp erlaubt eine Aussicht über die Ostschweizer Hügel bis nach Deutschland. (Bild: Peter Hummel)

Panoramablick vom Zimmer. Die Lage des neuen Hotels auf der Glarner Mettmenalp erlaubt eine Aussicht über die Ostschweizer Hügel bis nach Deutschland. (Bild: Peter Hummel)

Das Grimsel Hospiz ist das Hotel mit der abenteuerlichsten Anfahrt, mitten durch das Innere des Kraftwerks. Geheizt wird mit der Abwärme der Stromproduktion. (Bild: Peter Hummel)

Das Grimsel Hospiz ist das Hotel mit der abenteuerlichsten Anfahrt, mitten durch das Innere des Kraftwerks. Geheizt wird mit der Abwärme der Stromproduktion. (Bild: Peter Hummel)

Das Extravergnügen, wenn’s so richtig kalt ist. Entspannen im wohlig-warmen Wasser des Hot Pots und die Aussicht auf dem Grimsel Hospiz geniessen. (Bild: Peter Hummel)

Das Extravergnügen, wenn’s so richtig kalt ist. Entspannen im wohlig-warmen Wasser des Hot Pots und die Aussicht auf dem Grimsel Hospiz geniessen. (Bild: Peter Hummel)

Das Hotel La Chaux d’Abel im Berner Jura hat es ins Verzeichnis «Die schönsten Hotels der Schweiz» des Schweizer Heimatschutzes geschafft. (Bild: Peter Hummel)

Das Hotel La Chaux d’Abel im Berner Jura hat es ins Verzeichnis «Die schönsten Hotels der Schweiz» des Schweizer Heimatschutzes geschafft. (Bild: Peter Hummel)