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Muss ich wirklich wegschauen? Warum wir uns mehr in die Beziehungen anderer einmischen sollten

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: über die falsche Annahme, dass Privates heilig ist.
Maria Brehmer
«Von klein auf lernen wir, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen sollen. Familie, Liebesbeziehungen, Sexualität, Geld: Darüber spricht man nicht.» (Quelle: Sandra Ardizzone)

«Von klein auf lernen wir, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen sollen. Familie, Liebesbeziehungen, Sexualität, Geld: Darüber spricht man nicht.» (Quelle: Sandra Ardizzone)

Haben Sie auch so ein beklemmendes Gefühl, wenn sich ein befreundetes Paar vor Ihren Augen streitet? Oder sonst gemein ist zueinander? Und trauen auch Sie sich nicht, darauf etwas Beschwichtigendes zu sagen oder das Paar in die Schranken zu weisen? In vielen Lebensbereichen haben wir nicht die geringste Mühe, unseren Standpunkt kundzutun. Geht es um die Liebesbeziehungen anderer – unsere besten Freunde vielleicht ausgenommen – schweigen wir. Es gilt: Was andere treiben, geht mich nichts an.

Warum ziehen wir die Grenzen der Kritikfähigkeit dort, wo die Liebe anfängt?

Die Privatsphäre ist heilig. Zwar finden wir es in Ordnung, wenn wir etwa Aussehen, Essgewohnheiten oder Umweltbewusstsein anderer kritisieren, indem wir die Personen direkt darauf ansprechen. Wenn wir «Deine alte Frisur gefiel mir besser» oder «Du trinkst zu viel Kaffee, Grüntee wäre gesünder» zu unseren Arbeitskollegen sagen, geht das vielen von uns locker über die Lippen.

Unserer Büronachbarin «Paul behandelt dich echt unfair, willst du dir das wirklich gefallen lassen?» zu raten, weil sie nach einem Telefonat mit ihrem Freund wieder einmal mit tränenverschleierten Augen vor dem PC sitzt, wagen wir hingegen nicht. Warum ziehen wir die Grenzen der Kritikfähigkeit dort, wo die Liebe anfängt?

Von klein auf lernen wir, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen sollen. Familie, Liebesbeziehungen, Sexualität, Geld: Darüber spricht man nicht. Wir leben nach der Überzeugung, dass gewisse Dinge nicht an die Öffentlichkeit gehören.

Wo persönliche Unzulänglichkeiten ans Tageslicht drängen, ist Kritik nicht erwünscht

Doch anders als noch vor ein paar Jahrzehnten, als man (beziehungsweise vor allem Frau) seine Liebestätigkeiten möglichst im Geheimen auslebte, um keinen schädlichen Ruf abzubekommen, kehren wir uns heute ganz freiwillig nach aussen. Unbekümmert teilen wir unsere schönsten Liebeserlebnisse auf den sozialen Medien, berichten der ganzen Welt von unseren Verlobungen, Hochzeiten, den Geburten unserer Kinder. Das Unangenehme lassen wir im Verborgenen.

Erbschaftsstreite, Kindererziehung, Fremdgehen, andere Verletzungen: Wo persönliche Unzulänglichkeiten ans Tageslicht drängen, ist Kritik nicht erwünscht. Weder hören noch geben wollen wir sie; höfliche Zurückhaltung nennen wir das. Sie geht so weit, dass sich viele auch dann nicht einmischen, wenn sie Handgreiflichkeiten mitbekommen. Sei es, wenn ein Mann seine Frau schlägt oder Eltern ihr Kind. Man hat nicht nur Angst, selber etwas abzubekommen, sondern auch, fälschlicherweise eingegriffen zu haben.

Was ich treibe, geht Sie etwas an

Ich weiss, dass ich nicht immer Position beziehen muss, schliesslich habe ich die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen. Aber was tue ich, wenn jemand offensichtlich leidet? Muss ich wirklich wegschauen?
Unsere gute Diskussionskultur sollte uns erlauben, auch schwierige, emotionale Themen anzusprechen. Was ich treibe, geht Sie etwas an. Manchmal jedenfalls.

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