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Nächster Halt Polarkreis - mit dem Zug durch Schweden

Als die Schwedische Staatsbahn die über 1000 Kilometer lange Strecke der Inlandsbanan stilllegen wollte, gründeten die Anliegergemeinden 1992 eine Aktiengesellschaft. Sie sorgt dafür, dass die rot-weissen Waggons noch immer durch Schwedens Mitte bis nach Lappland rollen.
Dagmar Krappe
Nordwärts Richtung Lappland: die «Inlandsbanan» auf ihrer Fahrt über die Piteälvsbron, eine kombinierte Strassen-Schienen-Brücke. (Bild: Bilder: Axel Baumann)Nordwärts Richtung Lappland: die «Inlandsbanan» auf ihrer Fahrt über die Piteälvsbron, eine kombinierte Strassen-Schienen-Brücke. (Bild: Bilder: Axel Baumann)
Zugbegleiterin Sofia Wrangel.Zugbegleiterin Sofia Wrangel.
Das Innere der Waggons aus den 1980er-Jahren wurde modernisiert.Das Innere der Waggons aus den 1980er-Jahren wurde modernisiert.
Das Dalapferd am Bahnhof Mora.Das Dalapferd am Bahnhof Mora.
Es gibt keinen Speisewagen: Picknickstopp im Wald in Fågelsjö auf 409 Metern über Meer.Es gibt keinen Speisewagen: Picknickstopp im Wald in Fågelsjö auf 409 Metern über Meer.
Wasserfall Storstupet mit Flösserrinne.Wasserfall Storstupet mit Flösserrinne.
6 Bilder

Nächster Halt Polarkreis

Christer Sandstrøm betätigt den Bremshebel. Rentiere auf den Gleisen? Ein Elch im lichten Kiefernwald? Die Fahrgäste im rot-weissen Triebwagen der Inlandsbanan schieben die Fenster herunter und zücken die Kameras. Fehlalarm! Nur grüne Tannen. Hier und da ein paar schmächtige Birken. Lila Heidekraut, gelbe Butterblumen, Moose und Flechten. Der Waggon rollt einige hundert Meter rückwärts. Stoppt schliesslich irgendwo im Nirgendwo. Hoch oben in Schwedisch-Lappland. Drei Fahrstunden vom Polarkreis entfernt.

Das Dalapferd – Schwedens Nationalsymbol

Zugbegleiterin Sofia Wrangel öffnet die vordere Einstiegstür. Vollbepackt mit Plastiksäcken und Taschen keucht Malin Johansson die Stufen hinauf. Wer im dünn besiedelten Nordschweden in die Inlandsbanan zusteigen möchte, der dreht an einem Haltepunkt eine gelbe Scheibe mit rotem Rand, sodass sie in Richtung des herannahenden Zuges zeigt. Dann weiss der Lokführer, dass er halten muss. Doch die alte Dame war spät dran. Christer Sandstrøm erspähte sie gerade noch zwischen den Bäumen am linken Schienenrand und fuhr einfach ein paar Meter zurück. «Kein Problem auf der eingleisigen Strecke», meint der 63-Jährige:

«Die Schienen werden nur von uns befahren, oder hin und wieder transportiert ein Güterzug eine Ladung Holz.»

Lars Olsson mit einem Dalapferd.

Lars Olsson mit einem Dalapferd.

Seit der Weltausstellung 1939 in New York besitzt Schweden ein neues Nationalsymbol: das Dalapferd (Dalahäst). Zehn Kilometer südöstlich von Mora in Nusnäs in Mittelschweden produziert die Firma Nils Olsson die meist rot lackierten Holzpferde. «Jedes ist ein Unikat», erzählt Lars Olsson, Sohn des Firmengründers: «Wir stellen die Pferdchen aus Kiefernholz in sieben Arbeitsschritten her. Den kantigen Rohling, den wir mit einer Bandsäge vorsägen, bringen wir immer noch mit einem Schnitzmesser in Form.» Auch die Verzierungen wie der grün-weisse Sattel und das Zaumzeug malen die Mitarbeiter per Hand auf.

Fotopause am Wasserfall

Ein vier Meter hohes rotes Tier glänzt in der Sonne am Ufer des Siljansee. In der Nähe des Bahnhofs Mora Strand. Von hier startet von Juni bis August täglich ein Schienenbus zu einer zweitägigen Reise Richtung Mitternachtssonne. Backpacker, Wanderer, Eisenbahn­-enthusiasten aus halb Europa, eine australische Reisegruppe und viele Südschweden, die den Norden ihres Landes noch nie bereist haben, bugsieren ihre Rucksäcke und Koffer in den Waggon und verteilen sich auf die 60 Sitzplätze.

Die Landschaft wirkt wie ein Gemälde. Wie hingetupft scheinen die rotbraunen Holzhäuschen inmitten saftig grüner Wiesen und Getreidefelder. «Gleich folgt eine kurze Fotopause am Wasserfall Storstuped», schallt Sofias Stimme aus dem Lautsprecher. Anspruchsvolle Höhenmeter hat der Triebwagen nicht zu bewältigen. Der höchste Punkt ist bei 524 Metern erreicht und mit einem Schild im Heidekraut markiert. Ein Foto links. Ein Foto rechts.

Lachsburger und Kanelbullar mitten im Wald

Eine lange Zugfahrt macht hungrig. Doch es gibt keinen Speisewagen bei der Inlandsbahn. Die Passagiere können aus einer schwedisch-englischen Menükarte Fisch-, Fleisch- und vegetarische Gerichte wählen. Sofia notiert die Essenswünsche und leitet sie an Restaurants entlang der Trasse weiter. Direkt vor der Haustür legt der Lokführer dann einen längeren Stopp ein. Am verschlafenen Bahnhof Fågelsjö hält er für eine kurze Fika (Kaffeepause) mitten im Wald. Auf einem Tisch sind Rentier- und Lachsburger aufgebaut. In einem Korb duften frischgebackene Kanelbullar. Schwedens berühmte Zimtschnecken.

Die schwedischen Zimtschnecken.

Die schwedischen Zimtschnecken.

Weiter geht’s! Mit meist 60 bis 80 Kilometern pro Stunde. Durch viele Kurven. Vorbei an endlos erscheinenden Seen, auf denen die Sonnenstrahlen goldene Sterne tanzen lassen. Das Lichtspiel am Himmel variiert zwischen wolkenlosem Tiefblau bis zum bedrohlichen Regenschwarz im Gegenlicht.

Noch eine Stunde bis Lappland

Ein neuer Morgen nach einer kurzen Nacht. Alte und neue Gesichter am Bahnhof Östersund. Rund 14 Stunden benötigt die Inlandsbanan für die knapp 750 Kilometer bis Gällivare. Je weiter es gen Norden geht, desto spärlicher werden die Wälder. Rosa Lupinen wippen im Wind. Riesige weissgewaschene Findlinge schimmern zwischen Heidel­beeren, weisser Rentierflechte, grünen Moosen und Farnen. Überbleibsel der letzten Eiszeit.

Mittagsrast am Volgsjön-See in Vilhelmina Norra. Schnelle Stärkung mit heissgeräuchertem Pfefferlachs. Noch eine Stunde, dann ist Lappland erreicht. Zugbegleiterin Sofia berichtet:

«Lappland umfasst ein Viertel der Landesfläche und zählt nur 1,3 Prozent der schwedischen Bevölkerung.»

Ein kräftiger Regenguss im Sonnenschein hinterlässt einen ­Doppelregenbogen am Horizont, der den Zug eine ganze Weile begleitet. Immer wieder gibt Christer Warnsignale, um Rentiere und Elche von den Gleisen zu verscheuchen. Ansonsten: Einsamkeit!

Ein kurzer Tunnel, dafür mehr als 250 Brücken

Vor dem Inlandsbanan-Museum in Sorsele treffen sich für ein paar Minuten der nord- und der südgehende Zug. Zeit genug für ein Fotoshooting. «Nur einen 50 Meter langen Tunnel durchfährt die Bahn», informiert Sofia: «Dafür überqueren wir über 250 Brücken. Zwei davon sind kombinierte Strassen- Schienen-Brücken. Die Piteälvsbron befindet sich kurz hinter Moskosel.» Christer stoppt den Zug und lässt die Schranken herunter, sodass kein Auto passieren kann. Dann dürfen alle Fahrgäste aussteigen, über die Brücke laufen und sich die beste Fotoposition suchen. Langsam tuckert die Bahn über das Stahlungetüm.

«Nächster Halt Polarkreis», ruft Sofia. Ein paar weisse Steine markieren den 66. Grad nördlicher Breite, hinter dem im Sommer die Nacht zum Tag wird. Vor der Endstation im Bergbaustädtchen Gällivare muss der Zug einer Erzbahn auf dem Weg ins norwegische Narvik Vorfahrt gewähren.

Das dauert, denn die stärkste Elektrolok der Welt, die IORE, hat 68 Waggons gefüllt mit Eisenerzpellets im Schlepptau.

Kurz nach 21 Uhr kommt die Inlandsbanan schliesslich vor dem schmucken hölzernen Bahnhofs­gebäude zum Stehen.

Bahnhof in Gällivare.

Bahnhof in Gällivare.

Auch an diesem Sommerabend geht die Sonne hinter Gällivares Hausberg, dem 823 Meter hohen Dundret, nicht unter. Um Mitternacht ist es noch genauso hell wie am nächsten Morgen, als es heisst: Abschied nehmen vom hohen Norden. Über 1000 Kilometer rattert die Inlandsbanan zurück durch menschenleere Waldweiten, einsame Seen- und Moorlandschaften. Zwei Tage, die noch einmal wie im Flug vergehen, obwohl es doch eine Zugfahrt ist.

Mora–Östersund–Gällivare

Anreise: Am schnellsten und bequemsten ist die «Inlandsbanan» in Mora vom Flughafen Stockholm aus in 3,5 Stunden per Bahn zu erreichen. Während der Hauptferiensaison (2019: 30. Juni bis 11. August) bietet «Inlandsbanan» einen Zubringer-Nostalgiezug von Kristinehamn nach Mora (Dauer 3,5 Stunden) mit direktem Anschluss an die eigentliche «Inlandsbanan». In diesem Fall ist auch eine Fähranreise über Nacht mit Stena Line von Kiel nach Göteborg praktisch (Dauer 14,5 Stunden, www.stenaline.de). Per Zug geht es danach in 3 Stunden von Göteborg nach Kristinehamn.
Zugbillette: Die Inlandsbanan Card berechtigt 14 Tage lang zu beliebig vielen Fahrten. Preis: 1995 SEK (ca. Fr. 216.–), eine Sitzplatzreservierung kostet Fr. 5.40 pro Tag und pro Person. Zwei Kinder bis 15 Jahre fahren in Begleitung eines Erwachsenen kostenlos. Jugendliche zwischen 16 und 25 erhalten 25% Ermässigung. Es gibt Seniorenrabatt. Die Inlandsbanan Card berechtigt zur Weiterfahrt mit unterschiedlichen Buslinien. Die Inlandsbahnkarte und Tickets für Teilstrecken sind direkt bei «Inlandsbanan» oder im Zug zu erwerben. Auch Interrail-Pässe sind gültig, sodass nur noch eine Sitzplatzgebühr zu zahlen ist.
www.inlandsbanan.se, www.interrail.eu.
Hoteltipps entlang der Strecke: Park Hotell in Kristinehamn, gemütliches Hotel in einem kleinen Park zwischen Bahnhof und Innenstadt (DZ ab ca. Fr. 97.–). Ledkrysset Vandrarhem in Östersund, einfaches Hostel in Rathausnähe (DZ ab ca. Fr. 91.–). Quality Hotel Lapland in Gällivare, neues modernes Hotel (DZ ab ca. Fr. 130.–).
Ausflugtipps: Mora: Dalapferde, Werkstatt Nils Olsson in Nüsnäs, Kvarnberg: Bärenexkursionen, Orsa: Raubtierpark. Sorsele: Inlandsbahn-Museum. Moskosel: Eisenbahnarbeiter-Museum. Jokkmokk: Samenmuseum Ajtte. Gällivare: Eisenerzgruben-Tour, Gipfeltour Dundret.
Allgemeine Infos: www.visitsweden.com/schweden, www.swedishlapland.com

Die Reise wurde teilweise von Visit Sweden und Inlandsbanan AB unterstützt.

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