NAMEN & NOTIZEN: Mangel überall – aber die Freude lebt

Leserreise der Neuen LZ kreuz und quer über die Karibikinsel Kuba.

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Kuba ist bekannt für seine früh herangezogenen Sportler... (Bild: Thomas Bornhauser)

Kuba ist bekannt für seine früh herangezogenen Sportler... (Bild: Thomas Bornhauser)

Kuba – das ist heute ein Land (fast) ohne Devisen. Fast ohne befreundete Länder. Fast ohne Industrie und eigentlich ohne Perspektiven. Und doch begegnet man auf dieser karibischen Insel vielen Menschen voller Selbstbewusstsein und Lebensfreude. Ein Paradox? Leserinnen und Leser unserer Zeitung machten sich im Frühling auf die Suche nach Erklärungen für das Phänomen, dass weder Unfreiheit noch Armut deprimieren muss (vgl. Box mit Angaben zur Reise).

Alles hat seinen Preis

Auf die Frage, was ihm denn in seinem Land am besten gefalle, sagte mir der lokale kubanische Führer: «die Ruhe». Um dann sofort nachzuschieben: «Aber die Ruhe hat ihren Preis.» Dieser kluge Mittfünfziger weiss, wovon er spricht: Als Gebildeter verschafft er sich Zugang zu ausländischen Informationsquellen, die vielen anderen in dieser kommunistischen Diktatur verschlossen bleiben. Er kann deshalb vergleichen. Und so ist ihm klar, dass es ganz vielen Kubanern im internationalen Quervergleich materiell mies geht. Aber er sagt das indirekt, in Form von Andeutungen. Denn: Schönschwätzerei will er nicht betreiben. Und gleichzeitig weiss er, dass verklausuliert formulierte Kritik in den städtischen Milieus von Kuba mittlerweile geduldet wird.

Ohnehin fallen auf Kuba massgebliche Unterschiede auf zu den kommunistischen Lebensumständen, wie sie einst im Osten Eu­ro­pas galten: Hier in der Karibik ist politische Propaganda klar weniger präsent. Auch das Militär spielt auf den Strassen keine Rolle. Und auf die augenfällige Funktionsuntüchtigkeit der Staatswirtschaft reagiert man hier auf Kuba nicht mit krampfhaft verschlossenen Augen, sondern vielmehr mit Augenzwinkern. Selbst Promis wie zum Beispiel ein Sohn des ehemaligen Fotografen von Che Guevara liessen es sich im Gespräch mit unserer Reisegruppe nicht nehmen, den Fehlleistungen der Revolution mit sanftem Spott zu begegnen.

Wer weiss: Vielleicht ist es ­diese Geisteshaltung, die den Charme ausmacht, den viele Europäer auf Kuba erleben und geniessen. Zwar mangelt es auf Kuba an ziemlich allem, von der Wahlfreiheit über die Verlässlichkeit bis zum Toilettenpapier. Aber die Lebensfreude scheint von all diesen Mangelerscheinungen unberührt.

Jedenfalls groovt es trotz aller Misere in kubanischen Städten, auch abseits der Geld versprechenden Touristenströme. Man geniesst das, was man hat: das nackte Leben und die ­wärmende Gemeinschaft. Mit Musik und im Teilen dessen, was gerade verfügbar ist. So führte unser Weg zum Beispiel in ein mausearmes Quartier von Havanna mit ziemlich heruntergekommenen Häusern, aus denen kubanische Rhythmen dröhnten. Man winkte uns zu und ermunterte uns zum Mittanzen und Mittrinken. Viel Herzlichkeit mit mehr Gesten als Worten. Und man ­wollte uns sogar die eigenen vier Wände zeigen. – Wo wäre derlei in der Wohlstandsschweiz vorstellbar?

In der Reisegruppe machten deshalb nicht zuletzt philosophische Fragen die Runde: Weshalb begegnet man in der Schweiz viel seltener Menschen mit strahlendem Gesicht als auf Kuba? Kann Wohlstand womöglich die Lebensfreude tangieren? Geht das Haben auf Kosten des Seins, wie es Erich Fromm formuliert hatte?

Heruntergekommen = schön

Vielleicht aber entsprechen Fragen nach dem Geheimnis der Lebensfreude vor allem dem Bedürfnis satter Menschen nach Nostalgie und Romantik. Sinnbildlich dafür stehen die steinalten US-Autos auf Kuba. Zwar ­gehören sie zu den weltweit schlimmsten Dreckschleudern auf vier Rädern. Auch sind sie heute in ihrem mechanischen «Innenleben» weitgehend Ersatzteillager von Autoherstellern aus der DDR und der Sowjetunion. Und sie tuckern vor allem deshalb auf den Strassen Kubas, weil Private in diesem Land auch heute noch kein neues Auto importieren dürfen. Und doch wirkt der Charme dieser heruntergekommenen US-Kisten unwiderstehlich. Nicht umsonst liessen auch wir uns in Havanna das Erlebnis einer Stadtrundfahrt in einer dieser US-Mottenkisten nicht entgehen.

Der Tourismus ist denn auch die Hoffnung vieler Menschen auf Kuba. Das Land ist auf ­diese Deviseneinnahmen heute vital angewiesen, zumal die Industrie mangels Investitionen weitgehend zerstört wirkt. Folgerichtig lässt das Regime Castro unter Fidels Nachfolger und Bruder Raul (unter staatlicher Kontrolle) jetzt kleinunternehmerische Initiativen zu. Dies, weil die staatliche Hotelindustrie mit der Nachfrage heillos überfordert ist. So ist es Privaten mittlerweile zum Beispiel erlaubt, Bed-and-Breakfast-Angebote zu machen (in sog. casas particulares).

Diese bescheidenen Formen von unternehmerischer Freiheit aber lösen eine Sogwirkung ­vorab auf junge Menschen aus. Weshalb soll man das staatlich hochgelobte Gratisangebot an Universitätsausbildung nutzen, wenn für Kellner oder Zimmervermieter viel höhere Einkünfte zu erzielen sind als für Ärzte oder Ingenieure mit ihren staatlich regulierten (Mini-)Löhnen?

So geht es nicht weiter

Das Dilemma im Tourismus steht sinnbildlich für die krassen Zielkonflikte des Landes. Dass es in Castro-Manier unmöglich weitergehen kann und der Wechsel in der Führung des Landes bald einmal unausweichlich wird, ist offensichtlich. Nur wie das in einem Land funktionieren soll, das nur Castro-Strukturen kennt, scheint niemandem wirklich klar. Abgesehen von der Hoffnung, dass das sprichwörtliche Improvisationstalent ganz vieler Menschen in diesem Land trotz allem die Zuversicht auf eine bessere, freiere Zukunft nährt.

Thomas Bornhauser

Kreuz und quer über die Insel

Die Leserreise der Neuen LZ wurde in Zusammenarbeit mit dem Reiseunternehmen cotravel realisiert und führte in gut zwei Wochen auf weit über 2000 Kilometern kreuz und quer über die Karibikinsel Kuba. Schwerpunkte gab es sowohl im Westen (Vinales, Las Terrazas) als auch im Osten (Cienfuegos, Trinidad) und im zentralen Norden der Insel (Havanna, Santa Clara). Das touristische Hauptziel vieler Kuba-Reisender ist der Badeort Varadero.

... und auch für seine zur Nostalgie verleitenden US-Schlitten aus den 50er-Jahren. (Bild: Thomas Bornhauser)

... und auch für seine zur Nostalgie verleitenden US-Schlitten aus den 50er-Jahren. (Bild: Thomas Bornhauser)

Oldie-Besuch in der Kids-Boxschule Rafael Trejo in Havanna. (Bild: Thomas Bornhauser)

Oldie-Besuch in der Kids-Boxschule Rafael Trejo in Havanna. (Bild: Thomas Bornhauser)

Alberto Castellano (83), Ex-Leibwächter von Che Guevara. (Bild: Thomas Bornhauser)

Alberto Castellano (83), Ex-Leibwächter von Che Guevara. (Bild: Thomas Bornhauser)

1.-Mai-Feier in Cienfuegos – zwischen Chilbi und Propaganda. (Bild: Thomas Bornhauser)

1.-Mai-Feier in Cienfuegos – zwischen Chilbi und Propaganda. (Bild: Thomas Bornhauser)

Auch heute noch internationale Spitze: kubanischer Tabak. (Bild: Thomas Bornhauser)

Auch heute noch internationale Spitze: kubanischer Tabak. (Bild: Thomas Bornhauser)

Als sie Revolution machten (v. l.): Fidel, Raùl, Che (Bild Salas) (Bild: Thomas Bornhauser)

Als sie Revolution machten (v. l.): Fidel, Raùl, Che (Bild Salas) (Bild: Thomas Bornhauser)