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Interview

Historiker: Schutz vor der Natur führte zum Schutz der Natur

Die Topografie macht die Schweiz anfällig für Naturgefahren. Das hat ihre Geschichte geprägt, Leute wie Hans Conrad Escher hervorgebracht und die Staatenbildung beeinflusst, sagt der Historiker Nicolai Hannig.
Valeria Heintges
Lawinenverbauungen im Prättigau: In der Schweiz sind Naturgewalten und der Schutz davor allgegenwärtig. (Bild: Arno Balzarini/Keystone)

Lawinenverbauungen im Prättigau: In der Schweiz sind Naturgewalten und der Schutz davor allgegenwärtig. (Bild: Arno Balzarini/Keystone)

Sie wurden in Bochum geboren, lehren Neuere Geschichte an der Universität München – warum nimmt die Schweiz in Ihren Forschungen über Naturkatastrophen einen so grossen Raum ein?

Nicolai Hannig: Die Schweiz ist aus topografischen Gründen geprägt von ihrem Umgang mit der Natur. Wer dieses Land besiedeln und kultivieren will, muss Massnahmen ergreifen, um die Natur so zu gestalten, dass sie lebenswert ist.

Die Topografie hätte Sie auch nach Österreich führen können . . .

Die Schweiz fasziniert auch als politischer Raum, weil die Kantone seit Anfang des 19. Jahrhunderts den Umgang mit Naturgefahren als eigenes Metier begreifen. Auch auf Bundesebene wollte man schon früh den Umgang mit Naturgefahren zentralisieren. Das führte zu Konflikten.

Sie unterscheiden drei Abschnitte: Im 19. Jahrhundert werde versucht, Gefahren zu verhindern, von 1900 bis 1920, Gefahren zu berechnen, und bis 1990, Gefahren zu vermeiden. Können Sie das erklären?

Im 19. Jahrhundert will die Gesellschaft vor allem vorbeugen und gestaltet mit neuen technischen Mitteln die Landschaft so, dass sie weniger gefährlich ist. Wäre ein Mensch aus dem 18. Jahrhundert per Zeitreise im späten 19. Jahrhundert gelandet, hätte er sein Land nicht mehr wiedererkannt. Fast alle Flüsse, die frei durch das Land mäandrierten, zwang man in einem Grossangriff auf die Natur in teils schnurgerade Kanäle.

Es gab schon vorher Versuche, Flüsse zu bannen oder Sümpfe trockenzulegen. Warum jetzt in so grossem Massstab?

Technisch wurde viel möglich. Aber der Umbau wurde auch politisch genutzt: Der Interventionsstaat wollte stärker als Schutzmacht auftreten, das schürt Erwartungen. Wenn der Fluss im Nachbarort begradigt wird, warum nicht bei uns? Oder was, wenn die Begradigung flussaufwärts die Überschwemmungsgefahr flussabwärts erhöht?

Dann kam der Wunsch auch aus der Bevölkerung?

Man kann in den Quellen gut sehen, dass sich die Bevölkerung Flussbauprojekte wünschte; kleine Gemeinden wandten sich an die Kantons- oder Bundesregierung, weil sie nicht ständiger Gefahr ausgesetzt sein wollten. Umgesetzt haben diese Projekte einige wenige Wasserwirtschafter, die wussten, was gutes Marketing ist. Hans Conrad Escher zum Beispiel hat auf unterschiedlichsten Kanälen für sein Linthprojekt geworben. Er hat sogar für Kinderzeitschriften geschrieben. Er war ein hervorragender Manager und konnte auch die Politik überzeugen, immer wieder viel Geld zu investieren. Diese Fähigkeiten brauchte es auch für die Jahrzehnte dauernden Mammutprojekte.

Er stand nicht mit der Hacke auf der Baustelle?

Nein, das hat er – um es wieder modern zu sagen – outgesourct. Weil in der Schweiz die hydrotechnische Expertise rar gesät war, hat er in Deutschland in Johann Gottfried Tulla jemanden gefunden, der sich verdient gemacht hatte und ein neues Projekt an Land ziehen wollte. An dem Kooperationsprojekt Linthbegradigung – Escher managt, Tulla baut – sieht man, wie sich Schweizer und deutsche Geschichte verbinden.

Die Linthbegradigung wird als Wegbereiter der Schweizer Solidargemeinschaft gesehen. Zu Recht?

Die These hat vieles für sich, weil Bürger gemeinsam ankämpfen gegen die Natur. Daher der Ausdruck von der Naturkatastrophe als Kriegsersatz. Aber etwa die Praxis der Liebesgaben, ein typisches Symbol der Solidargemeinschaft, sorgte immer wieder für Unmut, weil das Verteilungsverfahren nicht gerecht war. In manchen Gebieten konnte man keine Hilfe anbieten, weil man schlicht nicht hinkam. Wer zuerst «hier!» schrie, bekam etwas. Wer nachrechnete, wie gross sein Schaden wirklich war, erhielt nichts, weil der Topf dann schon leer war.

Beginn Zeitstufe zwei, von 1900 bis 1920: Gefahren berechnen. Denn in diese Bresche springen die Versicherungen.

Die Branche schreckte lange vor den hohen Schadenssummen zurück. Aber dann zeigte sich, dass die technische Prävention keine Wunderwaffe ist; denn Begradigungen erschlossen neues Land, und Flüsse wurden jetzt dichter besiedelt. Es gab seltener Überschwemmungen, aber dafür mit grösseren Schäden, weil sich mehr Werte in den Gefahrenregionen konzentrierten.

Dennoch steigen langfristig Rückversicherer wie die heutige Swiss Re und die Münchner Rück zu Global Playern auf.

Die beiden Konzerne waren die europäischen Pioniere. Sie wollten sich das grosse Geschäft nicht entgehen lassen und wurden von der Politik gefördert, weil sie so die Aufgabe, Spenden einzutreiben und Hilfszahlungen zu leisten, an die Privatwirtschaft delegieren konnte. Die Versicherungen begannen, Statistiken zu erstellen, und wurden zu Kompetenzzentren für Risikoeinschätzung.

Von 1920 bis 1990 versucht man vermehrt, sich vor der Natur zu schützen, indem man die Natur schützt.

Historisch gesehen ist der Schutz vor der Natur vorherrschend, aber daraus entstanden Ideen des Naturschutzes. Schon im 19. Jahrhundert glaubten viele zu wissen, dass man die Gefahr von Überschwemmungen durch Rodungen im Gebirge erhöht. Daher fing man an, die Gebirgswälder zu schützen.

Und für den akuten Notfall gab es den Katastrophenschutz?

Ja, allerdings können wir am Beispiel der Schweizer Katastrophenhilfe sehen, wie stark politisch überformt diese Arbeit letztlich war. In den 50er- und 60er-Jahren versuchte man, die Neutralität mit einem Katastrophenschutz aussenpolitisch zu legitimieren, der weltweit in krisenanfälligen Regionen Hilfe bietet.

Und heute?

Heute haben wir Extreme. Auf der einen Seite überlassen wir nichts dem Zufall. Denken Sie an Computerprogramme, die Verbrechen verhindern, bevor sie begangen werden, oder an Implantate unter der Haut, die ständig unsere Gesundheit überwachen. Auf der anderen Seite haben wir die gelebte Sorglosigkeit. Diese zeigt sich von der Suche nach Abenteuern bis zur Vorsorgeverweigerung – denken Sie nur an die ganze Diskussion um die Impfpflicht.

Nicolai Hannig: Kalkulierte Gefahren – Naturkatastrophen und Vorsorge seit 1800. Wallstein-Verlag 2019, 654 S.

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