Der erste Spiel-Film von Netflix

Der Film «Black Mirror: Bandersnatch» fühlt sich an wie ein Computerspiel und gibt dem Nutzer die Kontrolle über die Handlung. Damit entwickelt sich das Streaming-Portal konsequent weiter.

Raffael Schuppisser
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In welches Erzähllabyrinth der Protagonist Stefan Butler im Netflix-Film «Black Mirror: Bandersnatch» gerät, entscheidet der Zuschauer. (Bild: Netflix)

In welches Erzähllabyrinth der Protagonist Stefan Butler im Netflix-Film «Black Mirror: Bandersnatch» gerät, entscheidet der Zuschauer. (Bild: Netflix)

Es gibt Entscheidungen, die scheinen banal: Etwa welche Frühstücksflocken man isst. Und dennoch muss man sie treffen. Das gilt auch für den Zuschauer im interaktiven Netflix-Film «Black Mirror: Bandersnatch». Es ist der erste Netflix-Film, in dem der Zuschauer mehr als bloss Zuschauer ist. Man bestimmt aktiv mit, welche Wendungen die Geschichte nimmt – und wie sie endet. 18 Monate haben die Macher daran gearbeitet.

Neu ist das Konzept des interaktiven Erzählens nicht. In Computerspielen ist es weit verbreitet, in Filmen ist es schon mehrfach erprobt worden – mit durchzogener Erfolgsbilanz. Dass nun mit Netflix einer der grössten Unterhaltungskonzerne darauf setzt, könnte das Genre neu beleben.

Mystery statt Science-Fiction

Die Macher – das Drehbuch stammt aus der Feder des «Black Mirror»-Schöpfers Charlton Brooker, Regie führte David ­Slade – sehen sich durchaus in der Tradition ihrer Vorgänger: Der Protagonist, Stefan Butler (Fionn Whitehead, «Dunkirk»), ist ein junger Programmierer, der sich daransetzt, ein Spiel zu entwickeln, in dem der Spieler Entscheidungen treffen muss; so wie das im Film der Fall ist. Der Zuschauer nutzt dazu die Fernbedienung seines Smart-TV, drückt auf das Display seines Tablets oder auf den Controller der Spielkonsole – wo auch immer er die Netflix-App installiert hat. Nur wer das Streaming-Portal über Apple-TV nutzt, wird enttäuscht. Dieses Format wird nicht unterstützt.

Anders als die meisten Folgen der bisherigen «Black Mirror»-Serie spielt «Bandersnatch» nicht in einer nahen Zukunft, sondern in der Vergangenheit. 1984, in einer Zeit also, in der sich Computerspiele Geltung verschafften, der Speicher einer Diskette aber bei einem heutigen Handyfoto bei weitem gesprengt worden wäre.

Statt Science-­Fiction legen die Macher einen Mystery-Thriller vor, der sich zu einem Erzähllabyrinth entwickelt, aus dem der Protagonist nicht mehr herausfindet. Wahnvorstellung und Wirklichkeit vermischen sich ebenso wie Kindheitstraumata und Zukunftsängste.

Das ist klug gemacht. Denn die Gefahr bei dieser Art des interaktiven Erzählens besteht darin, dass die Handlung vorhersehbar, banal und konstruiert wirkt, wenn bloss zwischen zwei Optionen gewählt werden kann – schliesslich liegt den Entscheidungen im Leben selten ein binäres Muster zugrunde.

Dieser Stolperfalle entgehen die Macher, indem sie der Handlung eine Metaebene hinzufügen und sie mit Rückkoppelungen und Loops anreichern. Je mehr Einfluss man auf den Plot nimmt, desto mehr entgleitet der Hauptfigur Stefan die Kontrolle. Er fühlt sich gesteuert von einer fremden Macht. Besonders gelungen ist in diesem Irrgarten der sich verzweigenden Erzählpfade eine Referenz an das Medium selber: an Netflix.

Das Streaming-Portal, das 137 Millionen Haushalte bedient und dieses Jahr über 80 Serien und Filme produzierte, ist das Gegenkonzept zum linearen Fernsehen des letzten halben Jahrhunderts. Netflix will nicht den Geschmack der breiten Masse treffen, sondern produziert für eine Vielzahl von Zielgruppen massgeschneiderte Inhalte. Nicht der Programmmanager bestimmt, was über den Schirm flimmert; der Nutzer wählt aus.

Noch mehr Kontrolle für den User

Mit «Bandersnatch» wird dieses Konzept weitergeführt: Der Film entwickelt sich nach den Vorlieben und den Moralvorstellungen jedes einzelnen Nutzers. Ob auf Netflix bald eine Reihe von interaktiven Inhalten abrufbar sein werden, muss sich erst noch zeigen. Denn nicht nur ist die Produktion eines solchen Films teurer und aufwendiger, die Konsumenten werden auch stärker heraus­gefordert. Zurücklehnen und sich berieseln lassen geht nicht. Schliesslich ist der Zuschauer Co-Regisseur.