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Wie soll man die Gräuel des Holocaust im Unterricht vermitteln? Lehrkräfte suchen im KZ Auschwitz nach Antworten

Gegen 100 Lehrpersonen aus der Schweiz besuchten das KZ Auschwitz. Sie erarbeiten didaktische Konzepte, um den Holocaust in ihren Schulklassen zu vermitteln.

Benno Bühlmann
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Klirrende Kälte macht sich im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bemerkbar, jenem symbolträchtigen Ort in Polen, der nicht umsonst als «grösster jüdischer Friedhof der Welt» bezeichnet wird. Gegen 100 Lehrpersonen aus der ganzen Deutschschweiz haben sich im Rahmen einer intensiven Weiterbildung vorgenommen, sich unmittelbar vor Ort mit einem düsteren Kapitel der Menschheitsgeschichte auseinanderzusetzen. Und was sie da zu sehen bekommen, geht allen unter die Haut und ruft auch nach über 70 Jahren Fassungslosigkeit hervor: Beim Überqueren der Eisenbahngleise, die unter dem Wachhauptgebäude durchführen, das damals von den KZ-Häftlingen als «Todestor» bezeichnet wurde, läuft des den Anwesenden kalt den Rücken hinunter.

Sogleich betreten sie ein riesiges Gelände, wo einst zur Ermordung von mehr als einer Million Juden Einrichtungen zur Massenvernichtung – Gaskammern und Krematorien – in Betrieb waren. Beim Anschlussgleis mit Rampe steht ein alter Güterwagen, der an die schreckliche «Selektion» der ankommenden Deportierten erinnert.  

Den Ort des Schreckens mit eigenen Augen sehen

«Wir haben schon viel über den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtungslager gehört, aber es ist dann schon ein ganz anderes Gefühl, wenn man diesen Ort und die ganze Dimension der systematischen Vernichtung von Menschen mit eigenen Augen sehen kann», betonen übereinstimmend Marco Messina und Jakup Roka, zwei Studierende der Pädagogischen Hochschule Luzern. Und Sabine Beyeler, Lehrerin an einer Berner Berufsmaturitätsschule, erzählt: «Der Besuch der Kinderbaracke ist mir persönlich besonders nahe gegangen.»

Die Schweizer Lehrerinnen und Lehrer bei ihrem besuch des KZ Auschwitz-Birkenau. Bild: Benno Bühlmann (4.November 2018)

Die Schweizer Lehrerinnen und Lehrer bei ihrem besuch des KZ Auschwitz-Birkenau. Bild: Benno Bühlmann (4.November 2018)

Andere Teilnehmende wiederum sind tief bewegt, als sie bei ihren persönlichen Nachforschungen im ehemaligen Stammlager Auschwitz I in den unzähligen Büchern mit den Opfern des Vernichtungslager auf vertraute Personen stossen: Da ist beispielsweise der Name «Abraham Gelbart» zu finden, Urgrossvater von Nathalie Gelbart aus Luzern, die vor ein paar Jahren in einer Maturaarbeit die Biografie ihres Grossvaters Ruben Gelbart niedergeschrieben hatte: Ruben Gelbart war erst 13 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Er musste die Gräuel der nationalsozialistischen Judenverfolgung am eigenen Leib erfahren, die Ghettoisierung und die Vertreibung, das Leben in verschiedenen Konzentrationslagern und die Ermordung von Familienmitgliedern, Zwangsarbeit und Todesmarsch und die medizinischen Experimente.

Bei seiner Einlieferung ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau hat man ihm die Nummer «B-8326» auf den Arm tätowiert – eine Nummer, die ihn bis zu seinem Lebensende an die schrecklichen Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges erinnern sollte.

Die Folgen von Diskriminierung aufzeigen

Ermöglicht wurde diese Weiterbildung für Lehrpersonen durch die beiden jüdischen Dachverbände der Schweiz, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Plattform der Liberalen Juden der Schweiz (PLJS), welche die Reise nach Auschwitz mit anschliessender Praxistagung zusammen mit der PH Luzern geplant und durchgeführt haben.

Es sei auch – und gerade heute – sehr wichtig, Tendenzen der Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen im Schulunterricht zu thematisieren und aufzuzeigen, zu welch schrecklichen Verbrechen eine Verharmlosung oder Duldung solcher Diskriminierungen im Extremfall führen könnten, betont Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Zeitgemässe Vermittlung im Unterricht Diese Einschätzung teilt auch Professor Peter Gautschi, Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen an der PH Luzern.

«Holocaust» sei als Thema im Unterricht unbestritten und Teil des kollektiven Gedächtnisses und der Geschichtskultur der Schweiz und Westeuropas: «Gerade durch den Umstand, dass bald keine Zeitzeugen mehr leben würden, die aus eigener Erfahrung berichten können, brauchen wir in der Schule neue Wege, wie Schülerinnen und Schüler an das Thema herangeführt werden können.» Deshalb sei die Reise nach Auschwitz durch eine Praxistagung ergänzt worden, an der die Teilnehmenden ihre Eindrücke reflektieren konnten und gleichzeitig dabei unterstützt wurden, ihre Erfahrungen in didaktische Konzepte für den Unterricht umzusetzen.

Neue Lern-App entwickelt

Besonderen Anklang hat an der Praxistagung die neue Lern-App «Fliehen vor dem Holocaust» gefunden, bei deren Entwicklung die PH Luzern wesentlich beteiligt gewesen war. Dafür erhielt die PH Luzern am 7. November den renommierten Worlddidac Award, die höchste Auszeichnung in der Schweizer Bildungsbranche. Die PH Luzern hat die App zusammen mit der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn und dem Institut «erinnern.at» in Bregenz mitentwickelt.

Hinweis
Die Lern-App «Fliehen vor dem Holocaust» gibt es kostenlos im Play­store und im App Store. Sie kann für Windows-Geräte auch unter www.erinnern.at/app-fliehen heruntergeladen werden.

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Andreas Faessler