Nicht einmal ein Spaziergang mit Maske liegt drin: So streng handhaben die Kantone die Quarantäneregeln

Kantone und Bund führen eine harte Hand bei Quarantäneregeln. Die Wohnung verlassen ist im Normalfall praktisch unmöglich.

Leo Eiholzer
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Lockerungen bei den Quarantäneregeln sind nicht in Sicht.

Lockerungen bei den Quarantäneregeln sind nicht in Sicht.

Getty

Die Schweiz kam im Gegensatz zu anderen Ländern ohne Ausgangssperre durch den Lockdown. Darauf legte der Bundesrat Wert. Doch nun gibt es doch noch eine Art Ausgangssperre. Nämlich für alle, die in die Quarantäne müssen. Am Donnerstag waren es in der Schweiz rund 15'000 Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen durften.

Gemäss der gültigen Verordnung des Bundes muss man sich für zehn Tage «ständig» in seiner Unterkunft aufhalten. Nicht einmal Spaziergänge an der frischen Luft, ohne Kontakt zu anderen Menschen, sind erlaubt. Wenig bekannt: Die Kantone könnten eigentlich in Einzelfällen Erleichterungen und Ausnahmen gewähren – tun das aber kaum, wie eine Umfrage von CH Media zeigt.

Nur vier Ausnahmen im Kanton Zug

Der Aargau geht von den befragten Kantonen noch am weitesten. Bei schweren psychischen Leiden sowie bei Familien mit Kindern im Vorschulalter könne im Einzelfall pro Tag ein «halbstündiger Spaziergang» mit Maske ohne Kontakt zu anderen Personen bewilligt werden, sagt ein Sprecher. Die meisten anderen Kantone gewähren Ausnahmen nur, wenn Job-Pflichten dies unbedingt erfordern.

In Luzern sei als «sehr seltene» Ausnahme denkbar, dass eine Person mit Schutzmaske arbeiten darf. Es geht bei den Ausnahmen um eine extrem geringe Zahl – in Zug wurden gerade mal vier Bewilligungen erteilt. Zehn Tage in Quarantäne können hart sein. Glücklich, wer einen Balkon hat. Pech, wer drei kleine Kinder beschäftigen muss. Die Erlaubnis, ohne Kontakt zu anderen Menschen kurz frische Luft schnappen zu dürfen, wäre für viele eine Abhilfe.

Lukas Engelberger, Regierungsrat von Basel-Stadt und Präsident der Gesundheitsdirektoren-Konferenz, winkt bezüglich einer Lockerung ab. «Die Quarantäne ist eine der wenigen Massnahmen, die wir aktuell ergreifen können, um der Epidemie entgegenzuwirken», sagt der CVP-Politiker. «Das sollten wir unbedingt weiter tun.»

SVP-Politiker vertrauen Eigenverantwortung nicht

Jean-Pierre Gallati, der Aargauer Gesundheitsdirektor, war zu Beginn der Coronakrise für einen eher liberalen Kurs und hat in seinem Kanton bis heute keine Maskenpflicht in Läden erlassen. Hier aber sagt er:

«Wenn man mit Quarantäne-Lockerungen anfängt, hat man das nicht mehr im Griff. Man verliert die Kontrolle.»

Er befürchtet, dass die Einhaltung der Quarantäne dann erodiert. Gallati ist wie der Thurgauer Gesundheitsdirektor Urs Martin in der SVP.

Beiden genügen Appelle an Eigenverantwortung nicht. Martin sagt: «Die Realität zeigt, dass Eigenverantwortung eben doch nicht so hochgehalten wird. Sonst gäbe es keinen Drogenkonsum und keine Verkehrsbussen.» Auch er erteilt möglichen Lockerungen eine Abfuhr. Der Thurgauer sagt:

«Entweder macht man die Coronabewältigung richtig, oder man lässt es bleiben.»

Engelberger bringt dafür eine andere Art der Lockerung ins Spiel. Mittelfristig könne man, gestützt auf die Einschätzung der Wissenschafts-Taskforce prüfen, ob eine Kürzung der Quarantänezeit möglich ist.

Dies, ohne ein grosses Risiko einzugehen, dass man die Kontrolle über infizierte Fälle und die Infektionsketten verliert. Der deutsche Virologe Christian Drosten hatte vergangene Woche eine Halbierung auf fünf Tage ins Spiel gebracht. Nach einem Treffen von Bundesrat Alain Berset mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren kam man aber zum Schluss, dass man bei zehn Tagen bleiben will. Ganz vom Tisch ist die Sache offenbar noch nicht.

10'000-Franken-Busse droht noch immer

Eine kürzere oder weniger strenge Quarantäne könnte helfen, die Akzeptanz der Massnahme zu erhöhen. Die Kantone sprechen stets davon, die Bevölkerung halte sich gut an die Massnahmen – sie kommunizieren aber keine Zahlen dazu, wie viele Quarantäne-Brecher es gibt. Sie wissen es wohl schlicht nicht.

Nicht jede Person in Quarantäne kann überprüft werden. Wer erwischt wird, bekommt eine Busse. Diese können maximal 10'000 Franken betragen. Im Kanton Thurgau wurden etwa zehn Strafverfügungen an Quarantäne-Brecher ausgestellt, sagt Gesundheitsdirektor Urs Martin.

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