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Vor 100 Jahren kam Österreichs letzter Kaiser ins Exil in die Schweiz

Vor 100 Jahren musste der letzte Kaiser der Donaumonarchie Österreich verlassen. Die Schweiz bot Karl I. Exil – jenes Land, in dem die Jahrhunderte herrschende Habsburger Dynastie ihren Ursprung hatte.
Rudolf Gruber
Die vertriebene Monarchenfamilie in ihrem Exil in der Schweiz. (Bild: Getty (8. Februar 1921))Die vertriebene Monarchenfamilie in ihrem Exil in der Schweiz. (Bild: Getty (8. Februar 1921))
1916: Das Kaiserpaar kurz nach der Krönung in Ungarn mit ihrem erstgeborenen Sohn Otto. (Bild: Imago)1916: Das Kaiserpaar kurz nach der Krönung in Ungarn mit ihrem erstgeborenen Sohn Otto. (Bild: Imago)
Erste Etappe des Exils: Nach der Entthronung im November 1918 wurde die Kaiserfamilie auf Schloss Eckartsau bei Wien verbannt. (Bild: Alamy)Erste Etappe des Exils: Nach der Entthronung im November 1918 wurde die Kaiserfamilie auf Schloss Eckartsau bei Wien verbannt. (Bild: Alamy)
Karl und Zita Habsburg auf Schloss Hertenstein. (Bild: Heinrich Schuhmann/KEY (Weggis, 3. Oktober 1921))Karl und Zita Habsburg auf Schloss Hertenstein. (Bild: Heinrich Schuhmann/KEY (Weggis, 3. Oktober 1921))
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Nicht wie ein Dieb in der Nacht

«Versprechen Sie mir, dass ich wie ein Kaiser und nicht wie ein Dieb bei Nacht ausreise», soll Karl von Habsburg-Lothringen den britischen Oberst Edward Lisle Strutt gemahnt haben. Strutt war vom englischen König Georg V. nach Wien mit dem Auftrag entsandt worden, für eine ­sichere Ausreise der Wiener Kaiserfamilie in die Schweiz zu sorgen.

Nach seiner Entthronung am 11. November 1918 verbannte die Führung der jungen Republik Deutschösterreich Karl, seine Frau Zita und fünf Kinder in das entlegene Jagdschloss Eckartsau östlich von Wien. Verhandlungen mit der Schweiz um eine Aufenthaltsgenehmigung zogen sich über den Winter. Zuletzt drohte Karl sogar die Internierung, weil er lediglich eine Verzichtserklärung auf die Regierungsgeschäfte unterzeichnet hatte, nicht aber auf den Thron. Strutt schaffte es, den neuen Staatskanzler Karl Renner zu überzeugen, den Monarchen auch ohne Abdankung ausreisen zu lassen.

Karl I. war nur zwei Jahre Kaiser, mit ihm gingen aber 640 Jahre Habsburger Herrschaft zu Ende.

Bern verlangt strikte politische Enthaltsamkeit

So fanden sich am Abend des 23. März 1919 am nahe gelegenen Provinzbahnhof Kopfstetten rund 2000 treue Untertanen ein, um den letzten Kaiser und seine Familie zu verabschieden. Ungeachtet der gedrückten Stimmung, die das Regenwetter noch verstärkte, rief ihnen der 31-jährige Monarch aus dem Fenster seines Luxuswaggons winkend ein trotziges «Auf Wiedersehen!» zu.

Während der Fahrt durch Österreich trug Karl die Uniform des Feldmarschalls, als befände er sich auf einer seiner häufigen Frontvisiten. Als er am Nachmittag des 24. März am Schweizer Grenzbahnhof Buchs dem Salonzug entstieg, trug er Zivilkleidung. Die Berner Regierung hatte ihm zuvor strikte politische Enthaltsamkeit auferlegt. Noch bevor der Zug den Rhein passierte, setzte er eine letzte, wenn auch politisch wirkungslose Geste:

Während des Halts in Feldkirch widerrief er seine Verzichtserklärung und protestierte gegen seine Absetzung.

In Buchs begrüssten die Kaiserfamilie freundlich winkende Schaulustige, von Soldaten der Schweizer Armee abgeschirmt. Ein Abgesandter des Auswärtigen Amtes und ein Oberst nahmen den prominenten Asylbewerber in Empfang. Karl bedankte sich umgehend telegrafisch beim Schweizer Bundespräsidenten für die Aufnahme. «Die konservativen Zeitungen hiessen den Kaiser begeistert in der Eid­genossenschaft willkommen», schreibt Eva Demmerle, die Haushistorikerin des Habsburg-Clans, in ihrer Karl-Biografie.

Unterschlupf auf Schloss Wartegg in Rorschach

Vorläufig fand die Familie Unterschlupf bei der Mutter von Kaiserin Zita, Herzogin Maria Antonia von Parma, auf Schloss Wartegg in Rorschach. Doch der Berner Regierung lag das Bodenseestädtchen zu nahe an Österreich und drängte auf baldige Umsiedlung in westliche Kantone. Letztes Domizil in der Schweiz war dann die Villa Prangins nahe Nyon am Genfersee. Dort kam Rudolph, das sechste von insgesamt acht Kindern, auf die Welt.

Wovon lebte die vertriebene Monarchenfamilie?

Laut Demmerle hatte Karl bei der Einreise 7000 Franken in bar bei sich. Geld ins Ausland zu transferieren, war am Wiener Hof nicht üblich. Den habsburgischen Familienfonds hat die Republik konfisziert. Gleichwohl hatte der Monarch vorgesorgt: Noch vor Kriegsende 1918, so Demmerle, seien Wertgegenstände in der Schweizer Nationalbank deponiert worden – darunter die österreichische Kaiserinnenkrone, acht Collanen (Ketten) des Ordens vom Goldenen Vlies sowie Juwelen. Der Schatz diente als Kreditsicherung.

«Wir sind halt für das traurige Ende der Monarchie zuständig»

Wie ein versteckter Fluchtpunkt wirkt Schloss Eckartsau, der ­Ausgangsort der kaiserlichen Exilreise, noch heute. Nur wenige und schlecht positionierte Schilder weisen den Weg. Der Barockbau wurde aufwendig renoviert, ist als Museum eingestuft und steht Besuchern offen.

Jährlich kommen 9000 Besucher, aber nur wenige aus dem Ausland, die interessiert mehr das Märchenhafte an der Habsburgergeschichte.

«Wir sind halt für das traurige Ende der Monarchie zuständig», meint Schlossmanagerin Elisabeth Sandfort leicht ironisch.

Die entmutigende Atmosphäre, als Karl mit Familie nach der Absetzung hier einzog, ist trotz allen barocken Prunks noch ­authentisch spürbar. Historische Fotos und Dokumente erzählen vom Alltag der Kaiserfamilie in Eckartsau und später im Schweizer Asyl. Karl litt wochenlang an der Spanischen Grippe, an der ­damals Tausende Menschen ­starben. Die Idylle um das Jagdschloss war zudem trügerisch, es war kaum beheizbar, und polizeilichen Schutz gab es für die hohen Herrschaften nur sporadisch. Bewaffnete Banden und Wilderer streiften durch die Donauauen, Monarchiegegner marschierten wiederholt in Sichtweite des Schlosses auf und forderten brüllend Karls Kopf.

Zweite Verbannung durch die Siegermächte

Karl wollte den Epochenbruch lange nicht wahrhaben, dabei war der Krieg schon verloren, als er ihn 1916 vom alten Kaiser Franz Joseph I. «erbte». Als Feldherr war der junge, stets etwas steif und unbeholfen wirkende Kaiser eher eine tragische Figur: Er, der das Massensterben auf den Schlachtfeldern rasch beenden wollte, beförderte es zu Kriegsende durch massiven Giftgaseinsatz an der italienischen Front. In Eckartsau mimte er weiterhin den Kaiser, als wäre er noch im Vollbesitz seiner absoluten Macht.

Er trug jeden Tag die Feldmarschalluniform, hielt Audienzen und umgab sich mit einer stattlichen Entourage von 120 Bediensteten, einschliesslich eines Hofzuckerbäckers.

Das letzte Kaiserpaar wurde ein zweites Mal verbannt, diesmal durch die Siegermächte, nachdem Karl in völliger Verkennung seiner Möglichkeiten versucht hatte, mit ungarischen Königstreuen die Monarchie zu restaurieren. Er landete letztlich auf der Insel Madeira, wo er, erst ­ 34 Jahre alt, am 1. April 1922 an einer Lungenentzündung starb.

Pompöses Staatsbegräbnis, als wäre sie noch Kaiserin

Zita sollte ihren Kaisergatten lange überleben: 1962 war sie auf Umwegen in die Schweiz zurückgekehrt und lebte viele Jahre im St.-Johannes-Stift in Zizers, Graubünden. Als sie 1989 im Alter von 97 Jahren starb, bereitete ihr Österreich ein pompöses Staatsbegräbnis, als wäre sie noch immer Kaiserin gewesen.

Tatsächlich hatte sie bis zu ihrem letzten Atemzug die ­Republik nicht anerkannt, kam aber einmal, 1982, auf Besuch. Ihr Sarkophag befindet sich in der Wiener Kaisergruft, die ­Herzen des Kaiserpaares aber blieben in der Schweiz, in der ­Familiengruft innerhalb des ­Klosters Muri.

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